Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
Die junge Welt wird von 2356 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.08.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskämpfe international

Ein Hauch von Knast

Coronakrise: Hunderttausende Seeleute sitzen auf Schiffen fest und protestieren mit Streiks
Von Burkhard Ilschner
RTS37YTQ.JPG
Komplette Crews hängen coronabedingt an Bord fest und werden zum Teil seit Monaten nicht abgelöst

Seit Monaten beklagt die Internationale Transportarbeiterföderation (ITF) als globale Gewerkschaft auch der Handelsschiffahrt, dass die Besatzungen vieler Schiffe wegen der Coronapandemie »wie auf schwimmenden Gefängnissen« festsitzen, weil ihre Ablösung nicht funktioniere. Jetzt ist einigen der Kragen geplatzt: Auf mehreren Schiffen in australischen Häfen, eines davon ein deutsches, sind jüngst die Beschäftigten in den Streik getreten und weigern sich, weiterzufahren.

Weltweit sitzen Seeleute wegen der jeweiligen Coronamaßnahmen ohne Ablösung in Häfen und auf Schiffen fest (siehe jW vom 21. April): Häfen und Grenzbehörden verhängen Sperren, Reeder wollen für eine »pandemiegerechte« Organisation des Crewwechsels – organisatorisch problemlos möglich – nicht bezahlen. Mitte Juli schätzte die ITF die Zahl der festsitzenden Seeleute weltweit auf mindestens 600.000, warnte wiederholt vor schwerwiegenden Folgen für Sicherheit und Kontinuität des Seeverkehrs.

Ende Juli bereits hatte die Australian Maritime Safety Authority (AMSA) den unter Hongkong-Flagge fahrenden taiwanesischen Massengutfrachter »Unison Jasper« mit einer Ladung Tonerde für eine Aluminiumhütte im ostaustralischen Newcastle festgesetzt: Die Behörde hatte nach ITF-Hinweisen ermittelt, dass Besatzungsmitglieder zu Vertragsverlängerungen gezwungen worden waren, die weit über das gesetzliche Maximum von elf Monaten hinaus reichten. ­AMSA ist schon wiederholt scharf gegen solche Verstöße vorgegangen, hat etwa Schiffe mit einem Bann für australische Gewässer belegt, weil der Crew die zustehende Heuer vorenthalten wurde. Die ITF-Mitgliedsgewerkschaft Maritime Union of Australia (MUA) kritisierte aber zugleich die australische Regierung, die es monatelang versäumt habe, »inmitten einer globalen Krise Personalwechsel ordnungsgemäß zu regulieren«. Weil der Druck an Bord der »Unison Jasper« nicht nachließ, mobilisierten MUA und ITF schließlich die Besatzung, per Streik ihre sofortige Ablösung zu verlangen. Laut ITF verliert die Aluminiumhütte durch die Verzögerung mehrere Millionen Dollar.

Ende vergangener Woche trat im westaustralischen Fremantle die Besatzung des deutschen Containerschiffs »Conti Stockholm« in den Streik. Die Mannschaft besteht aus rumänischen, chinesischen, sri-lankischen, philippinischen und polnischen Seeleuten, das Schiff fährt unter liberianischer Billigflagge und gehört der Niederelbe Schiffahrtsgesellschaft Buxtehude (NSB), auf deren Website sinngemäß nachzulesen ist: »Wir schätzen den Wert jedes Mitarbeiters«. Das Schiff liegt jetzt fest, die Besatzung verweigert die Weiterfahrt, NSB muss sich um Ablösung kümmern.

Ein dritter Fall ist der unter Billigflagge der Marshallinseln fahrende griechische Massengutfrachter »Ben Rinnes«, der Sojaprodukte für den scharf kritisierten Agrarkonzern Cargill transportiert: Im Hafen von Geelong nahe Melbourne forderten die Seeleute am Freitag ihre sofortige Ablösung und Heimreise, weil sie aktuell zwischen 14 und 17 Monaten ununterbrochen an Bord sind.

ITF-Mann Dean Summers kündigte weitere Aktionen an, diese drei Fälle seien nur »die Spitze des Eisbergs«. Laut MUA sind mittlerweile auch Offshore-Öl- und Gasplattformen vor Westaustralien gezwungen, Ablösungen aus den USA oder Griechenland einzufliegen, weil staatliche Coronamaßnahmen den üblichen Crewwechsel blockierten. ITF-Präsident und MUA-Sekretär Padraig »Paddy« Crumlin verwahrte sich derweil gegen Kritik des Reederverbands Shipping Australia: Man lasse sich nicht von einer Branche belehren, »deren gesamtes Geschäftsmodell auf der Ausbeutung von Beschäftigten und der Vermeidung australischer Steuern und Vorschriften durch den Einsatz von Billigflaggenschiffen beruht«.

Ähnliche:

  • Mit dem Vorwand von Corona entlassen Reedereien Seeleute oder dr...
    05.05.2020

    Gestrandet wegen Corona

    Reeder nutzen Pandemie als Gelegenheit für Entlassungen von Seeleuten und Lohndumping. Gewerkschaftsbund ITF fordert besseren Schutz
  • Crewmitglieder der »Essen Express« stehen mit Mundschutz auf der...
    21.04.2020

    Zeitbombe auf hoher See

    Schiffsmannschaften unzureichend gegen Coronavirus geschützt. Gewerkschaft fordert Einhaltung von Sicherheitsstandards. Reeder verweigern Hilfe
  • Wenn Frachter anlegen, muss es schnell gehen. Reeder wollen Zeit...
    28.01.2020

    Lohndumping beim Laschen

    Seeleute zum Sichern der Ladung aufgefordert. Gewerkschaft wirft Reedern Vertragsbruch vor

Regio:

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft