Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
Die junge Welt wird von 2356 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.08.2020, Seite 12 / Thema
Puerto Rico

Unterwandert

Wer sich für die Unabhängigkeit Puerto Ricos einsetzt, gilt den USA als Staatsfeind. Ein neu aufgedeckter Fall zeigt, wie das FBI versucht, linke Exilkreise zu bekämpfen
Von Jürgen Heiser
12_13.jpg
José López, Mitbegründer des Puerto Rican Cultural Center, kämpft dafür, dass sein inhaftierter Bruder freigelassen wird. Hier bei einer Protestaktion vor dem Weißen Haus in Washington (11.1.2017)

Im Herbst 2017 dachte US-Präsident Donald Trump im Kreis seines Kabinetts laut über das Schicksal von Puerto Rico nach. Ob es nicht besser sei, die »Insel zu verkaufen«? Statt »die Last der Kosten für die Katastrophenhilfe nach den Verwüstungen durch den Hurrikan Maria tragen zu müssen«? So jedenfalls zitierte ihn am 12. Juli 2020 seine ehemalige Heimatschutzministerin Elaine C. Duke in der New York Times. Auch wenn Duke betonte, dass außer Trump niemand in der Regierung »den Verkauf der Insel ernsthaft in Betracht gezogen« habe, so zeigt der Vorschlag des durch Immobiliengeschäfte zum Milliardär gewordenen Trump deutlich, dass die Karibikinsel kein »frei assoziierter Staat« ist, wie ihr offizieller Status lautet. Trump sprach damit lediglich offen aus, wie wechselnde US-Regierungen seit der militärischen Besetzung im Jahr 1898 Puerto Rico wirklich sehen – als reinen Besitz.

Wie im Kapitalismus üblich, kann man Immobilien verkaufen, wenn einem ihr Unterhalt zu teuer wird. Aber Puerto Rico ist wie ganz Lateinamerika auch ein wichtiger Markt für Waren aus den USA und ein Reservoir an billigen Arbeitskräften. Mittlerweile leben und arbeiten rund 5,5 Millionen Puertoricaner in den Ghettos der US-Großstädte. Das Problem: der Gegenwind, den Washington seit der Eroberung der Insel von der dortigen Unabhängigkeitsbewegung immer wieder zu spüren bekommt, ist lästig. Und die begehrt sowohl auf der Insel als auch in den US-Ghettos auf. Deshalb geht es um Fragen der Staatsräson, um »Sicherheit und Ordnung«, letztlich um die Macht im Staate. Und dafür ist in den USA seit jeher das Federal Bureau of Investigation (FBI) zuständig, die Bundespolizei. Wie das FBI mit den puertoricanischen Independentistas umgeht, zeigt der Fall des Puerto Rican Cultural Center (PRCC) in Chicago, den die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation National Boricua Human Rights Network (NBHRN)¹ jetzt an die Öffentlichkeit brachte.²

Der Fall José Solís

In den frühen Morgenstunden des 10. Dezember 1992 eilte die Chicagoer Feuerwehr zu einem Rekrutierungszentrum der US-Armee. Dort brannte ein Auto. Nachdem es gelöscht war, stellte die Polizei fest, dass in dem Wagen ein Sprengsatz explodiert war, ein zweiter aber nicht gezündet hatte. Bei dem Anschlag entstand nur geringer Sachschaden, das Armeezentrum blieb verschont. Kurz darauf übernahm eine bis dahin unbekannte »Frente Revolucionario Boricua« die Verantwortung für den Anschlag.

Etwa vier Jahre danach flog Rafael Marrero, Student und Mitarbeiter des Puertoricanischen Kulturzentrums in Chicago, in die Hauptstadt Puerto Ricos. In San Juan traf er den Pädagogikprofessor José Solís Jordán, den er als Gastdozent an der katholischen DePaul University in Chicago und als Befürworter der Unabhängigkeit Puerto Ricos kennengelernt hatte. Im Laufe des Gesprächs ließ Marrero durchblicken, er stehe hinter der »Frente Revolucionario Boricua«. Er verwickelte Solís in eine Debatte über die Aktion gegen das Rekrutierungszentrum. Was der gutgläubige Hochschullehrer nicht ahnte und erst viel später gewahr wurde: Marrero war verkabelt und zeichnete das Gespräch heimlich auf, denn der angebliche »Compañero« Marrero war ein Spitzel des FBI.

Etwa ein Jahr später, am 6. November 1997, besetzten schwerbewaffnete FBI-Agenten morgens um sechs Uhr überfallartig die Nachbarschaft um das Haus in Puerto Rico, in dem Professor Solís mit seiner Frau Martha und fünf Kindern wohnte. Sie verhafteten Solís unter der Beschuldigung, 1992 am Anschlag auf das Rekrutierungszentrum in Chicago beteiligt gewesen zu sein. Im US-Bundesgebäude im Zentrum von San Juan, in dem auch die Puerto-Rico-Abteilung des FBI residiert, wurde Solís erkennungsdienstlich behandelt und in einen Verhörraum geführt. Seine Forderung, einen Anwalt sprechen zu wollen, ignorierte der leitende FBI-Offizier, William Matthews, und machte ihm die Alternativen klar: »Entweder Sie kooperieren, oder Sie fahren für lange Zeit ein.«

»Kooperieren« bedeutete, Solís solle José López, einen der führenden Aktivisten in der puertoricanischen Gemeinde Chicagos, »an das FBI ausliefern«. Danach würden ihm die Behörden »beim Umzug helfen und dafür sorgen, dass alle Ihre Probleme verschwinden«. Seine »Probleme« machte Matthews anhand diverser Tatvorwürfe deutlich, die der »Kronzeuge Marrero« gegen ihn erhoben habe. Damit wurde dem Professor schlagartig klar, wer hinter der FBI-Operation gegen ihn steckte. Er weigerte sich, diese Vorwürfe zu »gestehen«. Erst recht lehnte Solís es ab, López »als den geistigen Urheber des Bombenanschlags« zu denunzieren und sich verkabelt mit ihm in Chicago zu treffen, um ihn für das FBI »in eine Falle zu locken«, wie Matthews forderte.

Solís verlangte weiter nach den von seiner Frau alarmierten Anwälten. Die nannte Matthews »Unruhestifter der Unabhängigkeitsbewegung«, die »ihre eigene politische Agenda« hätten, deshalb solle Solís es »lieber dem Staat überlassen, einen Anwalt auszusuchen«. Doch Solís beugte sich keiner Drohung, und so musste das FBI schließlich die Vertrauensanwälte vorlassen. Die sorgten nach kurzem Gespräch dafür, dass Solís auf Kaution freigelassen wurde.

Als José Solís wegen »Verschwörung zur Zerstörung von Eigentum der US-Regierung, des versuchten Bombenanschlags sowie wegen Besitzes ›nicht registrierter‹ Rohrbomben« nach Bundesgesetz unter Anklage gestellt wurde, drohten ihm die Bundesstaatsanwälte mit fünfzig Jahren Gefängnis. Da die Ankläger jedoch außer dem Kronzeugen Marrero nichts an Beweisen vorzubringen hatten, zauberten sie plötzlich ein Protokoll des FBI aus dem Hut und behaupteten, es handele sich um »ein Geständnis, das Solís während eines Verhörs abgelegt« habe. Darin gestehe er alles und habe José Lopez als »intellektuellen Architekten« der Aktion bezeichnet. Dem Dokument fehlte nur etwas Entscheidendes: die Unterschrift von José Solís.

Der nannte das sogenannte Geständnis denn auch eine »Erfindung des Cointelpro« und bezog sich mit der Abkürzung auf das berüchtigte »Counterintelligence Program« (Gegenspionageprogramm) des FBI. Unter der Ägide seines jahrzehntelangen Direktors J. Edgar Hoover stand das Programm für geheimdienstliche Methoden, um Freiheitsbewegungen und linke Organisationen zu »spalten, irrezuleiten oder anderweitig zu neutralisieren«.³ Offiziell wurde das Cointelpro in den 1970er Jahren verboten, aber in einem Interview erklärte Solís vor seinem Prozess: »Das FBI hat nie aufgehört, die einfachen Leute, die Arbeiterbewegung, die Lehrergewerkschaften und alle Militanten im Auge zu behalten. Die wollen uns glauben machen, es sei vorbei, aber die haben ihre Waffen niemals niedergelegt.«⁴

Wie bei Informanten des FBI üblich, war dem Kronzeugen Marrero nicht nur »absolute Immunität« garantiert worden, sondern er erhielt vom FBI auch Barzahlungen in Höhe von insgesamt 119.000 US-Dollar, wie er im Prozess zugab. Marrero passierte nichts, obwohl er sogar einräumte, das Bombenattentat initiiert zu haben. Da er Solís der Beteiligung bezichtigte, kümmerte es die Geschworenen wenig, dass die Anwälte das vom FBI produzierte Geständnis anfochten, und sprachen Solís in allen Anklagepunkten schuldig. Am 13. Juli 1999 verurteilte ihn das Bundesgericht zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis. Der Fall sei »ein politisches Komplott«, konterte Solís, »das sich hauptsächlich gegen die Unabhängigkeitsbewegung und die puertoricanische Gemeinde Chicagos« richte.

Am 17. August 2000 lehnte das Bundesberufungsgericht von Illinois die Berufung von Solís gegen das Urteil ab. »Abgesehen von der Behauptung des Angeklagten, dass die Gerichte dieses Landes als Kolonialmacht nicht befugt« seien, »einen Bürger Puerto Ricos wegen Straftaten vor Gericht zu stellen, die in diesem Land begangen wurden«, fand das Gericht »nichts Ungewöhnliches« an dem Verfahren und segnete es ab.

Das Chicagoer Kulturzentrum

José López, an dessen Ausschaltung das FBI äußerst interessiert war, gehört zu den Gründern des PRCC in Chicago und ist bis heute in leitender Funktion tätig. Das Zentrum ist nach eigener Darstellung eine im puertoricanischen Stadtteil nahe dem Humboldt Park verankerte »Basisorganisation für Bildung, Gesundheit und Kultur, die auf den Prinzipien Selbstbestimmung, Selbstorganisation und wirtschaftlicher Unabhängigkeit beruht«. Die Anfang der 1970er Jahre bereits rund 200.000 im Chicagoer Exil lebenden Puertorriqueños blicken auf eine lange Geschichte des kollektiven Kampfes für ihre sozialen und nationalen Rechte zurück. 1973 gründete eine Initiativgruppe um José López und seinen Bruder Oscar López Rivera, einem späteren politischen Gefangenen, das PRCC.⁵ Das Zentrum setzte sich stets für die politischen Gefangenen aus dem Unabhängigkeitskampf ein und unterstützte internationale Kampagnen für ihre Freiheit. Daraus konstruierte das FBI den von den Konzernmedien kolportierten Verdacht, im PRCC säße die »Führung des legalen Arms« klandestiner revolutionärer Organisationen wie der Fuerzas Armadas de Liberación Nacional (FALN) und dem Ejército Popular Boricua – Los Macheteros.

In Wahrheit dienten diese Behauptungen der Kriminalisierung der Sozial- und Bildungsarbeit des PRCC. Es gründete anerkannte Schulen wie die Dr. Pedro Albizu Campos High School und die Roberto Clemente High School als Alternativen zu staatlichen Einrichtungen, baute einen Gemeinschaftsgarten und ein Museum für puertoricanische Geschichte auf und schuf im Rahmen seiner Gesundheitsfürsorge ein Projekt zur AIDS-Prävention.

Gegen die Anziehungskraft und Ausstrahlung, die von dieser Arbeit ausging, setzte der Sicherheitsapparat den Generalverdacht. Laut einem Memorandum von FBI-Direktor Hoover aus dem Jahr 1960 stand die Unabhängigkeitsbewegung Puerto Ricos gleich nach der Black Panther Party for Selfdefense auf Platz zwei der als »Public Enemies« verfolgten »Staatsfeinde«. Auf der vergeblichen Suche nach »FALN-Verbindungen« überfiel das FBI 1983 die Albizu Campos High School. Bei der erfolglosen Razzia hinterließ das FBI-Rollkommando einen gewaltigen Schaden, für dessen Beseitigung die Schulleitung 25.000 US-Dollar aufbringen musste.

Infiltration

Als Center und Gemeinde sich durch diese Methoden des Staatsterrorismus nicht einschüchtern ließen, suchte das FBI nach einem geeigneten Agent Provocateur, der sich einschleusen ließe. Rafael Marrero studierte in den 1980er Jahren an der Universität von Puerto Rico. Wie das FBI auf Marrero aufmerksam wurde, ist ungeklärt. Aber gerade die University of Puerto Rico stand seit den »unruhigen Zeiten« der 1960er Jahre unter Beobachtung der US-Geheimdienste. Wie sich Mitarbeiter des PRCC später erinnerten, fand das FBI in Marrero »eine fleißige und formbare Person, die in der Lage war, sich bei anderen einzuschmeicheln«. Darin hatte er sich schon in Puerto Rico bewährt, wo er sich der Anti-Electoral Front (AEF) anschloss. Das Bündnis aus marxistischen und nationalistischen Gruppen rief zum Boykott der von Washington veranstalteten Wahlen der Kolonialparteien auf. Wie die Agentur Inter Press Service (IPS) 1998 herausfand, fiel Marrero in der AEF als »störendes Element« auf, »das Spaltungen und interne Konflikte verursachte«.

Das FBI hatte jedoch Größeres mit ihm vor. Also zog er 1988 von Puerto Rico nach Chicago um und wurde schon bald im PRCC aktiv. Schritt für Schritt arbeitete er sich an José López heran. Der war nicht nur Geschäftsführer des Zentrums, sondern auch einer der führenden Köpfe des noch jungen Movimiento de Liberación Nacional, das sich die Organisierung seiner Landsleute in den USA auf die Fahnen geschrieben hatte.

Marrero schaffte es nicht nur, sich »in die Führungsriege« des PRCC »einzuschmuggeln«, wie das NBHRN jetzt offenbarte, sondern er machte sich sogar »an eine Aktivistenfamilie heran und heiratete die Compañera Evelyn Rodriguez«. Marrero war in der Mitte der Kreise angekommen, auf die er angesetzt war. Seine Frau war die Schwester der politischen Gefangenen Lucy und Alicia Rodriguez, und Josefina, die Mutter der drei Aktivistinnen, war Sprecherin der Freiheitskampagne für die politischen Gefangenen. Sie konnte nicht ahnen, dass ihr Schwiegersohn in Wahrheit nichts anderes verfolgte, als die »Neutralisierung« des Zentrums und seiner Arbeit für die Gefangenen. Als Marrero seinen Job erledigt hatte und durch seine Enttarnung als Kronzeuge für das FBI in Chicago »verbrannt« war, verließ und verriet er seine Frau und ihre Familie.

Auch im PRCC, so recherchierte die IPS-Agentur 1998, war Marrero schließlich dadurch aufgefallen, dass er »sektiererische Positionen vertrat und versuchte, seine Kollegen zu illegalen Aktionen zu verleiten«. Um Zwietracht zu säen, begann er, Aktivisten für »militantere Aktionen zu ködern«, indem er die PRCC-Führung diffamierte, sie habe »ihre militante Politik zugunsten der Teilnahme an Kommunalwahlen aufgegeben«. Weil FBI und Marrero wussten, dass die Frage des klandestinen bewaffneten Widerstandes in der Bewegung nicht unumstritten war, hatte die Provokation der eigentlich harmlosen Aktion der Frente Revolucionario Boricua, die bewusst wenig Schaden anrichtete, zum Ziel, Konflikte um die Frage der Militanz auszulösen. Zudem sollten, wie im Fall von José Solís deutlich wurde, Aktivisten kriminalisiert und zu Spitzeldiensten erpresst werden.

Im Interview mit dem Revolutionary Worker erinnerte sich Solís im nachhinein daran, dass Marrero in Gesprächen mit ihm versuchte, »die klassischen Methoden des Cointelpro umzusetzen« und Widersprüche zu provozieren. »Er wühlte Gefühle auf, streute Gerüchte«, sagte Solís. So habe Marrero ihn in Puerto Rico angerufen und gesagt, López und andere Leute in Chicago würden ihn selbst und Solís verdächtigen, für das FBI zu arbeiten. López wolle beiden »eine Falle stellen«. Natürlich seien diese Anrufe Marreros über »verwanzte Anschlüsse« Teil des FBI-Plans gewesen, Misstrauen zu säen, sagte Solís. Doch bei ihm habe das nicht funktioniert.

Zwei Jahre bevor Marreros Zuarbeit für das FBI offenkundig wurde, war in Chicagos puertoricanischer Gemeinde ein Blatt namens El Pito (»Die Trillerpfeife«) aufgetaucht. Darin gab es verleumderische Attacken mit Lügen und anzüglichen Karikaturen gegen José López und andere engagierte Independentistas. Das Blatt wurde in großer Auflage kostenlos verteilt, enthielt aber keine Werbung, so dass sich die Gemeinde fragte, wer es finanzierte. Es dauerte noch, bis herauskam, dass hinter dem Hetzblatt ein alter Bekannter steckte: Rafael Marrero.

Jahrelange Bespitzelung

Marrero, den viele immer noch für einen Compañero hielten, stellte sich 1997, nachdem er als Büttel des FBI aufgeflogen war, einem Untersuchungsausschuss des US-Bundesstaates Illinois als Hauptzeuge zur Verfügung. Initiator des Ausschusses war der Abgeordnete Edgar López – nicht verwandt mit José und Oscar López –, der aus seiner Verachtung für die Unabhängigkeitsbewegung kein Hehl machte. Er vertrat die Linie der rechtsgerichteten Neuen Fortschrittspartei PNP, die bis heute das Ziel verfolgt, aus Puerto Rico den 51. Bundesstaat der USA zu machen.⁶

Der Ausschuss befasste sich mit dem Vorwurf, der von Eltern und Gemeinde gewählte Schulverwaltungsrat der Roberto Clemente High School verwende staatliche Fördermittel nicht für schulische Belange, sondern für Kampagnen der Unabhängigkeitsbewegung und für die politischen Gefangenen, die seit den frühen 1980er Jahren in US-Gefängnissen lange Haftstrafen verbüßten. Auslöser der Untersuchung war eine Artikelserie der Boulevardzeitung Chicago Sun Times. Mit Überschriften wie »Schulgelder missbraucht, um Freilassung von Terroristen voranzutreiben« machte das Blatt Stimmung und kolportierte, Schüler der vom PRCC gegründeten High School würden »mit dem Gedankengut eines puertoricanischen Nationalismus indoktriniert«. Außerdem stünden einige der Lehrkräfte im Verdacht, »Mitglieder der FALN« zu sein. Die Organisation war allerdings seit 1980 nicht mehr aktiv.

Erst im Laufe der öffentlichen Sitzungen des Untersuchungsausschusses wurde offenbar, dass auch hinter diesen Artikeln als Quelle kein Geringerer stand als Rafael Marrero. Durch ihn war es dem rechten Politiker Edgar López erst möglich, das Gremium einzusetzen. Ankläger bei den Anhörungen war der ehemalige Bundesstaatsanwalt Steven A. Miller, der sich in der Vergangenheit bei der Verfolgung der puertoricanischen Bewegung hervorgetan hatte. Er sorgte dafür, dass im Ausschuss keine Fragen über Marreros Beziehung zum FBI zugelassen wurden, da »es sich um eine Verschlusssache« handele. Die Befragung Marreros wurde schließlich abgebrochen. Der Untersuchungsausschuss tagte bis 2002, erbrachte jedoch keine Beweise für den unterstellten Subventionsbetrug.

Am 17. Juli 2020 brachte das Menschenrechtsnetzwerk NBHRN unter der Überschrift »Rafael Marrero und die Repression des FBI gegen die puertoricanische Unabhängigkeitsbewegung in Chicago« die Fakten über die jahrzehntelange Bespitzelung durch das FBI an die Öffentlichkeit. Vieles davon war in Chicago schon bekannt. Was fehlte, waren Informationen über Marreros Verbleib, der Ende der 1990er Jahre von der Bildfläche verschwunden war.

Marreros Spur konnte wieder aufgenommen werden, und das war dem Umstand geschuldet, dass dieser inzwischen in den Kreisen antikubanischer Contras in Miami, Florida, erstaunlicherweise unter seinem alten Namen aktiv ist. Was er früher mit Puerto Rico zu tun hatte, ist in seiner geschönten neuen Vita völlig getilgt. Heute, so berichtet das NBHRN, lebe Marrero als schwerreicher Unternehmer in Miami, »nachdem das FBI ihn jahrelang an seinen Trögen durchgefüttert« habe. Es sei dem Agent Provocateur gelungen, aus seiner Verbindung mit dem FBI Kapital zu schlagen und »persönlichen Reichtum sowie berufliches Ansehen im Herzen der konservativen kubanischen Gemeinde Miamis anzuhäufen«. Bis jetzt sei es ihm gelungen, »seine beklagenswerte Vergangenheit als Informant des FBI« zu verbergen. Als Chef von »Rafael Marrero & Company«, einer führenden Unternehmensberatungsfirma, gelte er in Miami »als Experte für die Förderung von Unternehmen, deren Inhaber einer Minderheit angehören«.

Auch Kuba im Visier

Marrero habe in seiner neuen »Gemeinschaft ultrakonservativer Exilkubaner in Florida« Wurzeln schlagen können, weil er »direkt für den Sohn von Jorge Mas Canosa gearbeitet« habe, jenem Exilkubaner, der die Cuban-American National Foundation (CANF) aufbaute, »um die kubanische Revolution zu stürzen«. Mas Canosa (1939–1997), Gründer des börsennotierten Konzerns Mas-Tec, der nach seinem Tod von seinen Söhnen weitergeführte wurde, galt auch der New York Times »als mächtiger Lobbyist für Anti-Castro-Positionen«. Für die Kommunistische Partei Kubas war er schlicht ein Konterrevolutionär, der mit seinem Konzern die treibende Kraft hinter den Propagandasendern Radio Martí und TV Martí war und zum Beratergremium von Präsident Ronald Reagan gehörte. In den frühen 1960er Jahren wurde er von der CIA für die Invasion in der Schweinebucht ausgebildet und dafür in den Rang eines Leutnants der US-Armee erhoben. Unter Mas Canosas Führung initiierte und finanzierte die CANF verdeckte Operationen gegen Kuba. Nach seinem Tod veröffentlichte die New York Times eine Reihe von Artikeln über seine Beziehung zu Luis Posada Carriles (1928–2018), Agent des US-Auslandsgeheimdienstes CIA und nachweislich verantwortlich für zahlreiche blutige Terroraktionen gegen Kuba.

Mit seinen Geschäftspartnern teilt Marrero auch die politischen Ziele, wie eine in den sogenannten sozialen Medien gepostete Anzeige belegt, in der er den Tod Fidel Castros begrüßt: »Das Unkraut ist endlich tot« steht dort vor einer Silhouette des Comandante der Kubanischen Revolution, unterzeichnet mit »rafaelmarrero.com«. Das US-Managermagazin Hispanic Executive schrieb 2017 in einer Lobpreisung auf den Unternehmer Marrero, Mas-Tec habe »einen positiven Einfluss auf sein Leben« gehabt. Er sei »vom verstorbenen Firmengründer Jorge Mas Canosa inspiriert« worden. Die Tatsache, »dass Mas Canosa aus Kuba floh« und Mas-Tec »zur ersten hispanischen Firma ausbaute, die die Milliarden-Dollar-Marke erreichte«, habe Marrero glauben lassen, »dass alles möglich war«.

Auch Marreros eigene Firma spart nicht mit Lob auf ihren »Gründer & CEO«. Die »an den Stanford und Cornell Universities ausgebildete Führungskraft« verfüge »über mehr als 30 Jahre diversifizierte Erfahrungen in verschiedenen Branchen wie Telekommunikation, Bauwesen, Informationstechnologie und professionellen Dienstleistungen«. Wer im Jahr 2020 nachrechnet, wann Marrero seine steile Karriere mit den »mehr als 30 Jahren diversifizierter Erfahrungen« begonnen haben muss, wird unschwer darauf kommen, dass auch seine verschwiegene Informantentätigkeit für das FBI in Puerto Rico und Chicago dazu gezählt wird. Wie die von Marrero bespitzelten Independentistas in Chicago kommt man ins Grübeln. War Rafael Marrero nur Informant und »professioneller Dienstleister« des FBI? Oder konnte er nach seinem Verschwinden aus Chicago als Unternehmer Karriere machen, weil er seine »Erfahrungen in verschiedenen Branchen« wie sein Vorbild Mas Canosa für die Contras in Miami einsetzte und immer noch einsetzt, die es weder Kuba verzeihen wollen, dass es Unabhängigkeit und Sozialismus verteidigt, noch der puertoricanischen Gemeinde, dass sie den Traum von ihrer Unabhängigkeit nicht aufgibt?

Anmerkungen

1 »Boricua« nennen sich die Einwohner Puerto Ricos, abgeleitet von »Boriken« (»Land des tapferen und noblen Herrn«), wie die Ureinwohner der Tainos die Insel nannten.

2 Zitate im Text entstammen dem Artikel »Rafael Marrero and FBI Repression against Chicago's Puerto Rican Independent Movement« auf der Website des NBHRN vom 17.7.2020

3 Siehe »Krieg an der Heimatfront«, in: jW vom 15.2.2012

4 Revolutionary Worker #960 vom 7. 6.1998

5 Siehe »Sieg der Solidarität«, in: jW vom 19.1.2017

6 Die PNP wurde 1966 mit finanzieller Unterstützung aus den USA als Schwesterpartei der Republikanischen Partei gegründet

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 1. Juli 2020 über die geplante US-Polizeireform von Donald Trump und die Forderungen der »Black Lives Matter«-Bewegung.

Ähnliche:

  • Politische Gefangene der USA: Ana Belén Montes
    28.02.2020

    Freiheit für Belén

    USA: Politische Gefangene aus Puerto Rico soll vorzeitig aus Haft entlassen werden
  • Kubas Vertretung in Washington (20. Juli 2015)
    09.10.2018

    Hämmern an der Haustür

    Ungebetene Besuche der US-Bundespolizei FBI bei Exil-Kubanern häufen sich
  • Lediglich 64 Menschen sollen in Puerto Rico nach dem Hurrikan »M...
    26.06.2018

    Kalkulierte Katastrophe

    Die US-Kolonie Puerto Rico leidet bis heute unter den Folgen des Hurrikans »Maria«. Washington verweigert angemessene Hilfe – und verfolgt offenbar Privatisierungspläne

Regio: