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Aus: Ausgabe vom 10.08.2020, Seite 4 / Inland
Straßennamen in der BRD

Debatte um Ettlinger Mohrenstraße

Baden-Württemberg: Umfrage von Lokalinitiative zu Umbenennung offenbart tiefe Gräben
Von Markus Bernhardt
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Ein, zwei, viele Mohrenstraßen: Nicht nur in Berlin, auch in Köln gibt es eine (9.7.2020)

Forderungen nach der Umbenennung von Straßen und Plätzen in der Bundesrepublik, die Namen von Kolonialherren und rassistische Bezeichnungen tragen, lösen mitunter heftige Ablehnung und Empörung aus. So auch im baden-württembergischen Ettlingen, wo sich eine lokale Initiative für eine Neubenennung der dortigen Mohrenstraße einsetzt (siehe jW vom 10.7.).

»Der Begriff ›Mohr‹ ist wie das N-Wort zunächst einmal rassistisch, für schwarze Menschen, für Menschen afrikanischer Herkunft«, hatte das in der 40.000-Einwohner-Stadt aktive »Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis« Anfang Juli kritisiert. »Der Name ›Mohrenstraße‹ kommt als harmlose, historisch gewachsene Bezeichnung daher«, sei aber »zugleich ein kolonialrassistisches Zeichen mangelnden Feingefühls gegenüber schwarzen Menschen« und also Alltagsrassismus.

Um einen von der Bevölkerung akzeptierten neuen Namen zu finden, wurden die Bürgerinnen und Bürger Ettlingens von der Initiative befragt. Es beteiligten sich lediglich 44 Einwohner. Davon waren 24, also 55 Prozent, für eine Umbenennung der Mohrenstraße, 20 Personen (45 Prozent) stimmten für die Beibehaltung des bisherigen Namens, wie das Bündnis kürzlich bekannt gab. Doch bereits die wenigen Rückmeldungen offenbarten einen Riss, der zu dieser Frage durch die Einwohnerschaft des kleinen Ortes geht. So gab es eine Reihe bemerkenswerter, höchst aggressiver Rückmeldungen, die jW vorliegen.

»Mit der falschen Annahme, es würde sich bei Mohr um Rassismus handeln, erreichen Sie das genaue Gegenteil, Sie befeuern Rassismus!« heißt es in einem Schreiben. »Das erinnert mich doch sehr an stalinistische und maoistische Diktaturen, in denen alles Unliebsame einfach ausradiert wurde. Als nächstes steht dann möglicherweise für diejenigen Deutschen, die immer noch Mohr sagen, ein Umerziehungslager an?« wurde in einem anderen Schreiben behauptet. »Der ganze Hype«, schrieb ein ehemaliger Richter des Bundesgerichtshofs, erinnere ihn »stark an Bilderstürmer, Bücherverbrenner oder IS, die alle in ihrer Verbohrtheit nicht ertragen konnten, dass vor ihnen Andere andere Ansichten hatten als ihre gegenwärtige alleinige Wahrheit«(sic!). Es zeugt ihm zufolge »schon von erstaunlicher Überheblichkeit, die Geschichte an den Maßstäben der gegenwärtigen politischen Korrektheit zu messen«. Jedoch gab es auch eine Reihe an positiven Reaktionen. So hieß es etwa in einer Stellungnahme: »Die Umbenennung ist ein zwar kleiner, aber signifikanter Schritt, um die aktuelle Sichtweise auf historische Ereignisse zu ändern«.

So manche Antwort, die das Bündnis in den letzten Wochen erreicht hat, kommentierte Monika Engelhardt-Behringer, Kosprecherin des Ettlinger Bündnisses, am Sonntag gegenüber jW mit Unverständnis. »Weiße Frauen und Männer erklären schwarzen Menschen, dass ›Mohr‹ für die nichts mit Rassismus zu tun hat. Weiße schreiben also der schwarzen Minderheit vor, was die zu fühlen und zu denken hat. Irre!«. Ihnen sei es »auf jeden Fall gelungen«, eine »gewaltige Debatte über rassistische Begriffe« ins Rollen gebracht zu haben, erklärte Dieter Behringer, Kosprecher der Initiative. »Das gibt Hoffnung auf Veränderung!« konstatierte er.

Auch Wolfgang Weber, örtlicher DGB-Kreisverbandsvorsitzender, der sich ebenfalls in der Ettlinger Initiative engagiert, mischte sich in die anhaltende Diskussion ein. Ratschlägen, sich um »wirklich wichtige« Themen zu kümmern, erwiderte Weber am Sonntag im Gespräch mit dieser Zeitung: »Wir sind ein Bündnis gegen Rassismus, und wir treten Rassismus entgegen.«

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Uwe Nebel, Mannheim: So ist das Leben! Wenn Initiativen gegründet werden, auf die keiner wirklich gewartet hat (das zeigen die Zahlen in dem Beitrag überdeutlich), bekommen die Initiatoren gelegentlich Antworten, die schmerzen. Will heißen...

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