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Aus: Ausgabe vom 05.08.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Das Tor ist offen

Die Göttin der Beat-Generation: Zum Tod der Dichterin ruth weiss
Von Jürgen Schneider

In Berlin kam ruth weiss am 24. Juni 1928 als Tochter jüdischer Eltern zur Welt. Die Familie brachte sich mit ihr 1933 vorübergehend in Wien vor den Nazis in Sicherheit, musste aber 1938 neuerlich flüchten. Auf abenteuerliche Weise gelangte sie über die Niederlande nach New York. In ihrem Buch »Full Circle« (Edition Exil) behandelte ruth weiss ihre Flucht aus Nazideutschland: »1938. 31. Dezember. der zug fährt in holland ein. unser tunnel durch die nacht. unser tunnel ins licht. der letzte hinaus gelassene zug.«

1946 kehrte die Familie nach Europa zurück, die Eltern dienten in den US-Besatzungstruppen, die 18jährige Tochter ging in der Schweiz zur Schule, trampte und schrieb gern. 1948 reisten sie gemeinsam in die USA und ließen sich in Chicago nieder. ruth weiss reiste per Autostopp durchs Land, landete für ein halbes Jahr in New Orleans, ehe sie sich für San Francisco entschied. Dort organisierte sie Mitte der 50er Jahre im legendären Club The Cellar Poetry- und Jazz-Abende. Alle, die später in der Beat-Generation eine Rolle spielten, sollten hier auftreten. ruth weiss veröffentlichte ihre Gedichte in Beatitude, dem von Bob Kaufman herausgegebenen Beat-Magazin der ersten Stunde. Der Pulitzer-Preisträger und Journalist Herb Caen ernannte ruth weiss zur »Göttin der Beat Generation«. Später begriff sie sich eher als von Jazz und Bebop beeinflusste Poetin.

Mit Jack Kerouac, den sie 1952 kennenlernte und mit dem sie »eine phantastische Verbindung auf vielerlei Ebenen« unterhielt, sowie mit Neal Cassady unternahm sie Spritzfahrten durch die nächtlichen Straßen von San Francisco. Mit Kerouac schrieb sie auch Haiku, die von der männlich dominierten Akademikerwelt allerdings oft allein ihm zugeschrieben werden.

Bereits 1959 veröffentlichte weiss den Gedichtband »Gallery of ­Women«. In der Beat-Geschichtsschreibung kommt sie, die ihren Namen aus Protest gegen »law and order« klein geschrieben wissen wollte, kaum vor. In dem 2012 in der österreichischen Edition Baes erschienenen zweisprachigen Gedichtband »A Parallel Planet of People and Places« sind u. a. 40 Porträts von Frauen des Beat enthalten. Meine Übersetzung der in diesem Buch enthaltenen Gedichte ging ich mit ruth weiss Wort für Wort durch. Sie rief nächtens aus Albion in Nordkalifornien an, rauchte, trank Martini und freute sich, ihren konservierten deutschen Wortschatz zu erweitern.

In ihrer 2011 erschienenen Autobiographie »Can’t stop the Beat«, die von ebensoviel poetischer Freiheit gekennzeichnet ist wie ihre Gedichte, heißt es am Ende: »Ich habe gerade erst angefangen.« Im Herbst 2012 ließ sie mit ihrem energiegeladenen Auftritt beim »Sprachsalz«-Festival im Tiroler Städtchen Hall ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen alt aussehen. In dem Band »White is all Colors / Weiss ist alle Farben« (Edition Thanhäuser) finden sich die Zeilen: »das tor ist offen / wir sind am letzten tor angelangt / das wir aufsperren müssen.« ruht weiss hat dieses Tor aufgesperrt. Sie starb am 31. Juli 2020 im Alter von 92 Jahren.

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