Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
Die junge Welt wird von 2356 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 05.08.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Coronakrise

L statt V

US-Wirtschaft droht lange Stagnation statt schneller Erholung. Notenbanker fordert »harten Lockdown« von bis zu sechs Wochen
Von Simon Zeise
RTS389AX.JPG
In den Vereinigten Staaten warten Millionen Menschen auf finanzielle Unterstützung vom Staat (Fort Smith/Arkansas, 6.4.2020)

Covid-19 und kein Ende. Eine schnelle wirtschaftliche Erholung in den USA ist zunehmend unwahrscheinlich. Das Kapital scharrt bereits mit den Hufen. Mehr als hundert Geschäftsführer von US-Monopolen, darunter die Google-Mutter Alphabet, Walmart und Facebook haben am Montag in einem Brief den Kongress aufgefordert, die Blockade in den Verhandlungen um ein neues Konjunkturprogramm aufzugeben, berichtete die Financial Times am Dienstag. Bezeichnenderweise hatte das Schreiben Starbucks-Gründer Howard Schultz initiiert. Die Manager fordern Hilfe für die von der Pandemie am stärksten Betroffenen, denn den Konzernen fehlt die tägliche Nachfrage nach einfachen Konsumgütern wie dem aufgewärmten Kaffee im Pappbecher.

Seit dem Ausbruch der Pandemie haben 25 Millionen US-Bürger einen Antrag auf Erwerbslosenhilfe gestellt. Im März hatte die Regierung zusätzliche 600 US-Dollar pro Woche an Unterstützung bereitgestellt – bis Ende Juli. Nun sitzen zahlreiche Lohnabhängige auf dem Trockenen. Die Menschen könnten Opfer eines unvergleichlichen Kürzungsprogramms werden. Die Verhandlungen im Kongress stocken. Präsident Donald Trump beschuldigte am Montag die Demokraten – die die Erwerbslosenhilfe bis ins Frühjahr 2021 weiterlaufen lassen wollen –, sie wollten das Geld nur zur Rettung der von ihnen regierten Staaten und Städte verwenden. Die Republikaner erklärten, vom Shutdown betroffene Beschäftigte erhielten mittlerweile mehr Geld vom Staat, als sie unter regulären Bedingungen in der Firma oder Fabrik verdienen würden. Ein Vorwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist. Auch Bezieher hoher Einkommen von bis zu 75.000 Dollar im Jahr sind in den Genuss pauschal geleisteter staatlicher Zuwendungen gekommen. Während sich Geringverdiener von Tag zu Tag über Wasser halten müssen, ist die Sparquote bei dem Viertel mit den höchsten Einkommen sogar gestiegen. Denn Washington setzte auf eine rasche wirtschaftliche Erholung nach dem Lockdown. Geld sollte erst gehortet und dann wieder in den Konsum gepumpt werden.

Doch dieses Szenario, das wegen seiner graphischen Darstellung als »V-Effekt« bezeichnet wird, dürfte scheitern. Statt dessen droht dem Imperium nach dem ökonomischen Einbruch eine langanhaltende Stagnation (L-Form), denn die Regierung bekommt die Infektionszahlen nicht unter Kon­trolle. US-Notenbanker Neel Kashkari forderte deshalb am Sonntag einen vier bis sechs Wochen langen »wirklich harten« Lockdown im Land. Der Wirtschaft könne eine starke Erholung gelingen, aber nur, wenn das Virus unter Kontrolle gebracht werde, sagte der Präsident der Federal Reserve Bank von Minneapolis dem Sender CBS. »Wenn wir das nicht tun, und wenn wir nur dieses grassierende Virus haben, das sich im ganzen Land ausbreitet mit wiederholten Ausbrüchen und lokalen Lockdowns in den nächsten ein oder zwei Jahren, was durchaus möglich ist, werden wir viele, viele weitere Firmenpleiten erleben.« Dann werde die Erholung für alle sehr viel langsamer vonstatten gehen, warnte Kashkari. Washington könne sich großzügige Hilfen für Erwerbslose erlauben. Dank der hohen Sparquote müssten die USA ihr Haushaltsdefizit nicht durch Auslandsverschuldung finanzieren. »Das heißt tatsächlich, dass wir als Land viel mehr Ressourcen haben, um die zu unterstützen, die entlassen wurden.«

Falls der Kongress sich nicht einige, kündigte Trump an, er wolle »darüber reden«, per Verordnung die Lohnsteuer auszusetzen – geholfen wäre damit wenig, da Erwerbslose keine Lohnsteuer abführen und damit größere Löcher im Staatshaushalt entstünden. Jörg Bibow, Wirtschaftsprofessor am Skidmore College im US-Bundesstaat New York, schlussfolgerte am 28. Juli auf Makroskop.eu: »Zum Haushaltsausgleich gezwungen, ist die Entlassungswelle auf den unteren Staatsebenen daher bereits ins Rollen gekommen.« Zusätzlich drohe vielen privaten Haushalten der prompte Abstieg in die Armut, wenn sie ab August auf Erwerbslosengeld in Höhe von 40 bis 50 Prozent ihrer Bezüge während der Beschäftigung angewiesen sein sollten. »Es kam nicht überall gut an, als die selbsternannte ›First Daughter‹ der Nation Ivanka Trump, die eine offizielle Rolle als Beraterin des Präsidenten im Weißen Haus einnimmt, kürzlich munter fröhlich Amerikas 30 Millionen Arbeitslosen dazu riet: ›find something new‹«, so Bibow.

Ähnliche:

  • Broker an der New York Stock Exchange schauen in die Röhre
    13.06.2020

    Baisse an der US-Börse

    Wall Street mit höchsten Kursverlusten seit März. Notenbank Fed legt düstere Konjunkturprognose vor
  • Schuld an der Wachstumspause? Zerstörungen an US-Ostk&a...
    01.02.2013

    USA in der Flaute

    Kein Wachstum im Schlußquartal 2012. Wirtschaft der Supermacht stagniert trotz Nullzinspolitik und Anleihekäufen der Notenbank. Asiens Börsen am Donnerstag im Minus
  • Wenig Aussicht auf Erfolg: Jobsuchende vor Arbeitsagentur in New...
    13.09.2012

    Kein US-Jobwunder

    Geldspritzen der Notenbank ohne Wirkung: Wissenschaftler analysiert nationale Statistik und sieht strukturelle Arbeitslosigkeit

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit