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Aus: Ausgabe vom 05.08.2020, Seite 6 / Ausland
Mapuche

In kolonialer Tradition

Araucanía in Chile: Staat geht gemeinsam mit Rassisten brutal gegen Mapuche-Indigene vor. Aktivisten fordern Rücktritt von Innenminister
Von Frederic Schnatterer
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Ein Demonstrant mit der Fahne der Mapuche (Santiago de Chile, 31.10.2019)

In der Region Araucanía im Süden Chiles brodelt es. Auch am Montag sowie in der Nacht auf Dienstag (Ortszeit) protestierten Angehörige der Mapuche, des größten indigenen Volkes des Landes, mit Straßensperren und Demonstrationen gegen die rassistische Gewalt und Repression der vergangenen Wochen. Wie regionale Medien berichteten, kam es dabei zu mehreren Festnahmen. Die Panamericana-Schnellstraße war bei Ercilla mehrere Stunden unpassierbar, ein Polizist der »Carabineros« wurde laut Behördenangaben angeschossen.

Am Wochenende war es zum vorläufigen Höhepunkt der Gewalt gegen Angehörige der Mapuche gekommen, als schwerbewaffnete »Carabineros« gemeinsam mit Militärs fünf von den Indigenen besetzte Gemeindezentren in der Region räumten. An mindestens zwei Orten hatten sich bereits zuvor Anwohner versammelt und Stimmung gegen die Mapuche gemacht. Wie in den sogenannten sozialen Medien geteilte Videos zeigen, riefen sie rassistische Parolen und griffen Indigene an. Obwohl die Versammelten gegen die wegen der Coronapandemie angeordnete Ausgangssperre verstießen, ließen die Einsatzkräfte sie gewähren.

Der Konflikt zwischen Mapuche und chilenischem Staat hatte sich in den Tagen zuvor erneut zugespitzt. Anfang vergangener Woche besetzten Indigene die fünf Gemeindezentren in Curacautín, Traiguén, Ercilla, Victoria und Collipulli, um ihrer Unterstützung für den »Machi« (spirituelle Autorität der Mapuche) Celestino Córdova Ausdruck zu verleihen. Córdova, der wegen angeblicher Beteiligung an einem Brandanschlag mit zwei Todesopfern im Jahr 2013 eine 18jährige Haftstrafe absitzt, befindet sich seit fast 90 Tagen im Hungerstreik. So will er erreichen, sechs Monate der Gefängnisstrafe an einem heiligen Ort der Mapuche verbringen zu dürfen.

Bereits am vergangenen Donnerstag hatte die Ärztin María Olate Mercado öffentlich gemacht, dass sich die Gesundheit von Córdova mittlerweile stark verschlechtert hat. In dem vom Fernsehsender Telesur am Montag zitierten Befund wird festgehalten, dass der Patient infolge seines Hungerstreiks mittlerweile mehr als 25 Kilogramm an Körpergewicht verloren hat, was potentiell tödliche Folgen nach sich ziehen könne. Seit einigen Tagen befindet sich der Mapuche-Anführer daher im Krankenhaus Hospital Intercultural de Nueva Imperial.

Seit der Eroberung des heutigen Chile durch die spanische Krone kämpfen die Mapuche gegen die Kolonisierung ihres Landes. Neben Besetzungen kommt es dabei auch immer wieder zu Sabotageakten an Lastwagen, Bahnstrecken und anderer Infrastruktur, um gegen Landraub und Umweltzerstörung durch Großgrundbesitzer und Forstunternehmen zu protestieren – worauf der chilenische Staat mit brutaler Härte reagiert. Wichtiges Instrument dafür ist weiterhin die Antiterrorismusgesetzgebung aus Zeiten der Militärdiktatur von Augusto Pinochet. Auf ihrer Grundlage sitzen nicht nur Córdova, sondern auch Dutzende weitere Mapuche-Aktivisten in den Gefängnissen des Landes.

Nur einen Tag vor den Gewaltausbrüchen hatte am Freitag der Innenminister Víctor Pérez die Region Araucanía besucht. Bei einem Treffen mit den Bürgermeistern der betroffenen Orte drängte er auf eine schnelle Räumung der besetzten Gemeindezentren, da hinter den Prostesten »organisierte bewaffnete Gruppen« stünden. Zudem erklärte Pérez am Rande seines Besuchs: »In Chile gibt es keine politischen Gefangenen.« Der Innenminister, der erst am Montag der vergangenen Woche ins Kabinett berufen worden war, gilt als Rechtsaußen und war ein Vertrauter Pinochets. So war er noch vom Diktator persönlich zum Bürgermeister der Stadt Los Ángeles berufen worden, wo er auch gute Beziehungen zur nahegelegenen deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad unterhielt.

Nur eine Woche nach seiner Berufung ins Kabinett werden daher die Rufe nach seinem Rücktritt immer lauter. Am Monat veröffentlichte die »Gruppierung von Angehörigen aus politischen Gründen Hingerichteter« (AFEP) eine Erklärung, in der sie Pérez direkt für die Geschehnisse in Araucanía verantwortlich macht. Der Sprecher der sich in Temuco im Hungerstreik befindenden Mapuche, Juan Pichún, betonte: »Unsere Gefangenen sitzen ein wegen eines Konflikts um territoriale Kontrolle. Aber wir möchten auch betonen, dass es nicht nur politische Gefangene gibt, sondern auch zu Morden und Folter kommt.«

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