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Aus: Ausgabe vom 03.08.2020, Seite 12 / Thema
Das Ende der DDR

Rücksichtslose Eile

Ab August 1990 verfolgte die Treuhand nur ein Ziel – die Privatisierung der ostdeutschen Industrie um jeden Preis. Das bedeutete ihre nachhaltige Zerstörung
Von Jörg Roesler
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Veräußerung, und zwar sofort. Eine wesentlich andere Idee, wie mit den Betrieben der DDR umzugehen sei, hatte Detlev Rohwedder nicht (hier am 22. August 1990 in Bonn, etwa zum Zeitpunkt seiner Berufung zum Präsidenten der Treuhandanstalt)

Helmut Kohl und Lothar de Maizière, die beiden Politiker, die sich seit Anfang 1990 als Architekten der deutschen Einheit wähnten und sich dank der Wahlergebnisse vom März 1990 dazu auch berufen glaubten, dürften die Nachricht stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen haben: Rainer Maria Gohlke, den sie erst im Juli zum Präsidenten der Treuhandanstalt (THA) gemacht hatten, war am 20. August zurückgetreten.

Beide Politiker fühlten sich insofern persönlich betroffen, als es sich um die Spitzenposition in »ihrer« Treuhandanstalt handelte und nicht mehr um die im März 1990 von der Vorgängerregierung Hans Modrow geschaffene »Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums«. Probleme mit dieser zweiten Treuhand hatte es von Anfang an gegeben, da sie offensichtlich auf der Stelle trat, anstatt die ihr von den beiden Politikern diktierte Aufgabe zu bewältigen. Die lautete, durch rasche Privatisierung der staatseigenen ostdeutschen Betriebe die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Wirtschaft im Osten ihre Stagnation überwindet und in die Lage versetzt wird, bald auf Westniveau zu gelangen. Bereits in der Übergangszeit, so hatte Kanzler Kohl es den DDR-Bürgern versprochen, sollte es keinem von ihnen schlechter, vielen aber besser gehen als zuvor. Angesichts dieser ehrgeizigen Zielsetzungen verlangten die Politiker von der Treuhand, mit der Privatisierung keine Zeit mehr zu verlieren, nachdem die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 Gesetzeskraft erlangt hatte. Die personell im Aufbau befindliche Treuhand war seitdem noch nicht in der Lage gewesen, den verkündeten Aufschwung zu organisieren, vielmehr war die Industrieproduktion der DDR gegenüber dem Vormonat im Juli um mehr als ein Drittel (35 Prozent) und im August nochmals um 15 Prozent gesunken.

Rohwedder übernimmt »Tollhaus«

Zu diesen schlechten Nachrichten kam nun noch der Rücktritt von Gohlke, der sich, nachdem er sich einen Überblick über die von der Treuhand zu bewältigenden Aufgaben verschafft hatte, offensichtlich der ihm übertragenen Verantwortung nicht gewachsen fühlte. Dabei hatten es sich die Politiker bei der Auswahl keineswegs leicht gemacht: Gohlke erfüllte beide Anforderungen, die die regierenden Politiker an den an der Spitze der THA zu etablierenden Manager stellten: Er war erstens wie sie von der Richtigkeit des Grundsatzes überzeugt, dass »Privatisierung die beste Sanierung« sei. Und zweitens hatte er beruflich bereits praktische Erfahrungen beim Umgang mit maroden Betrieben gesammelt, die es wieder konkurrenzfähig zu machen galt. Gohlke hatte in den 80er Jahren mit Erfolg ein Sanierungskonzept für die defizitäre Bundesbahn entwickelt. Ihm verdankte das Staatsunternehmen Neuerungen wie die Einführung der Bahncard. Er engagierte sich auch bei der Vorbereitung des modernen ICE-Netzes.

Mit dieser Berufsbiographie schien Gohlke gut geeignet. Und nun tat er den beiden Politikern dies an: Statt der konkreten Lösungen kam die Kapitulation vor der großen Aufgabe. Kohl und de Maizière mussten angesichts der wirtschaftlichen Situation in Ostdeutschland rasch einen Ersatz finden, der nicht nur – wie Gohlke – über Erfahrungen beim Umgang mit defizitären Unternehmen verfügte, sondern der auch – anders als Gohlke – vor der Größe der zu bewältigenden Aufgabe, im Landesmaßstab aus sanierungsbedürftigen VEB konkurrenzfähige Privatunternehmen zu machen, nicht zurückschreckte. Sie entschieden sich nunmehr für Detlev Rohwedder als den geeigneteren Manager.

Was dessen Sanierungserfahrungen betraf: Rohwedder war 1979 an die Spitze des Dortmunder Stahlkonzerns Hoesch berufen worden. Binnen weniger Jahre hatte er ein Konzept für den Konzern entwickelt, für das er 1983 zum »Manager des Jahres« gekürt worden war. Was den Glauben an die Segnungen des Privateigentums und der Marktwirtschaft betraf, teilte Rohwedder ungeachtet seiner langjährigen SPD-Zugehörigkeit die Auffassung der CDU-Politiker Kohl und de Maizière.

Einsicht in die Probleme der Treuhandanstalt nahm Rohwedder ab Ende August und sah die chaotischen Zustände, die in der Behörde herrschten, sprach von einem »Tollhaus«, das er vorgefunden habe. »Kaum einer sah von Beginn an die Schwierigkeiten so deutlich wie Rohwedder. Ihm war das gewaltige Ausmaß der notwendigen Umstellungen mit ihrem Zeitbedarf und ihren tief einschneidenden sozialen Wirkungen vollkommen bewusst«, würdigte Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Tätigkeit des zweiten Treuhand-Präsidenten nach dessen Tod. Von den bisher vorherrschenden Maximen, wie der Privatisierungsprozess gelenkt werden sollte, wollte Rohwedder angesichts der unbefriedigenden Ergebnisse nichts wissen. Seiner Ansicht nach sollten in Zukunft die Großbetriebe von der Treuhand-Zentrale, die mittleren und kleinen ostdeutschen Betriebe aber von 15 Zweigstellen der THA verkauft werden.

Bei den personellen Veränderungen in der Leitung schreckte er nicht davor zurück auch Ostdeutschen, die bereits unter der Modrow-Regierung Spitzenpositionen in der Treuhandanstalt eingenommen hatten, Verantwortung zu übertragen. Er schätzte ihren Sachverstand. Mit seiner Art des Vorgehens sammelte der neue Chef bei den ostdeutschen Angestellten Punkte, die, von den Spitzenpositionen abgesehen, zahlenmäßig die Mehrheit bildeten.

In einer Hinsicht war Rohwedder jedoch zu keinen Kompromissen bereit. Seine Handlungsmaxime lautete: »Privatisierung hat Priorität«. Diesbezüglich herrschte volle Übereinstimmung zwischen Rohwedder und Bundesfinanzminister Theodor Waigel. Privatisierung sei, betonte der neue Treuhand-Chef immer wieder, die wirksamste Form der Sanierung. Seine Auffassung prägte zusehends die Tätigkeit aller Mitarbeiter der THA, unabhängig von ihrer Herkunft aus West- bzw. Ostdeutschland. Seine Zuversicht steckte an: Die ersten 1.000 der 8.000 Treuhand-Unternehmen könnten bis Ende 1990 privatisiert sein. Innerhalb von zwei Jahren, versicherte Rohwedder, werde die Treuhandanstalt ihre Aufgabe gelöst haben, die DDR-Kombinate zu privatisieren, gegebenenfalls zu sanieren und einige von ihnen, wenn nötig, zu liquidieren.

Westliche Denkstrukturen

Seit Rohwedder die Führung der THA übernommen hatte, kamen die Verkaufsaktionen rascher voran. Bis Ende 1990 waren 450 Betriebe privatisiert. Die Zuversicht allerdings, dass nach der Privatisierung eines bedeutenden Teils der ostdeutschen Industrie dank der »Selbstheilungskräfte des Marktes« der wirtschaftliche Niedergang im Osten gestoppt werden könnte und der von der Politik vorausgesagte Aufschwung kommen würde, erwies sich als Illusion. Auch unter Einbeziehung der Monate September bis Dezember 1990, während der Rohwedder die THA bereits voll verantwortlich leitete, wurde im verarbeitenden Gewerbe in Ostdeutschland nach Berechnungen des Westberliner »Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung« nicht viel mehr als die Hälfte des Produktionswertes von 1989, dem letzten vollen Wirtschaftsjahr der DDR, erreicht. Erschreckend waren die sozialen Folgen: Die Anzahl der Beschäftigten nahm parallel zum Produktionsrückgang um fast ein Viertel ab. Im 2. Halbjahr 1990, dem ersten Halbjahr der Tätigkeit der Treuhand, bewegte sie sich auf 78 Prozent des Niveaus von 1989.

Rüdiger Liedtke, ein linker Journalist und Schriftsteller aus München, hat 1992 der Sozialministerin des Landes Brandenburg, Regine Hildebrandt, in einem Interview die Frage gestellt, ob die Installierung der Treuhandanstalt als reine Privatisierungsanstalt »eine richtige oder eine falsche Entscheidung« gewesen sei. Hildebrandts unmissverständliche Antwort lautete: »Die Treuhand in der Form, wie sie nach der Währungsunion eingesetzt worden ist, war eine falsche Entscheidung. Die sozialistische Planwirtschaft der sofortigen Konkurrenz unter den härtesten Bedingungen auszusetzen, konnte wirklich nur schiefgehen.« Sei es ein Fehler gewesen, fragte Liedtke die Ministerin, dass die Privatisierungspolitik der THA-Verantwortlichen von westlichen Denkstrukturen ausgegangen seien? Die Antwort: »Das trifft den Kern des Problems. Dieses Rezept stellte sich bald als völlig unsinnig heraus. Es wurde gar nicht hingeschaut, welche Strukturen da gewachsen waren. Da wurde ganz anders gedacht. Es wurde auf ›Teufel komm raus‹ privatisiert.« Auch Rohwedder vertrat ungeachtet der Vielzahl seiner im Berufsleben entwickelten und erprobten Managementmethoden, Betriebe wieder auf Vordermann zu bringen, uneingeschränkt diese Auffassung und stellte die Totalprivatisierung als entscheidende Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung im Osten nie in Frage.

Mahnende Manager

Konnte ihm keiner einen anderen Rat geben? War ein anders Vorgehen als das seine in den Kreisen des bundesdeutschen Wirtschaftsmanagement undenkbar? Diese Frage mit Ja zu beantworten liegt nahe. Doch es gab, als Ende 1989, Anfang 1990 der Zusammenschluss der DDR mit der Bundesrepublik spruchreif wurde, etliche »Wirtschaftskapitäne«, die ein anderes Konzept vertraten. Bei ihnen handelte es sich keineswegs nur um Außenseiter, sondern auch um Prominente. Bereits Anfang November 1989 hatte sich der AEG-Vorstandsvorsitzende Heinz Dürr im Spiegel in einem drei Seiten umfassenden Beitrag über »Chancen, die DDR-Wirtschaft zu modernisieren« zu Wort gemeldet. Dürr blieb dabei angesichts der überhitzen Berichterstattung der Journalisten über die aktuellen Geschehnisse in der DDR bemerkenswert sachlich und zurückhaltend. »Modellwechsel ist angesagt«, befand er: »Freie Preisbildung, eine konvertible Währung und Privateigentum sind auf Dauer gesehen unverzichtbar. Was aber nicht heißen kann«, erklärte der AEG-Chef, »bundesdeutsche Verhältnisse zu kopieren«. Nein, »nur so einfach draufloswirtschaften und an die unsichtbare Hand des Marktes zu glauben«, diese Meinung vieler seiner Kollegen im bundesdeutschen Management teilte Dürr nicht. »Das Ziel – freie Preisbildung und konvertible Währung«, sei schon richtig, brauche aber Zeit, könne »wohl nur in mehreren Etappen erreicht werden«.

Letzterem stimmte auch Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, Ende November 1989 in einem ebenfalls im Spiegel erschienenen Interview zu. Auf die Frage des Journalisten: »Ist es nicht zu befürchten, dass es bei der Umstellung der Wirtschaft zu nachhaltigen sozialen Verwerfungen kommt?« antwortete Herrhausen: »Die Anpassungsprozesse werden mit einer Dramatik verlaufen. Deshalb würde ich versuchen, es in Stufen zu machen.« Es sei, führte er weiter aus, »aber flott von der ersten zur zweiten und von der zweiten zur dritten zu gehen«.

Die Probleme, die seit Beginn der Politik der raschen und massenhaften Privatisierung ab Juli 1990 die DDR-Wirtschaft plagten, waren also von einigen »Wirtschaftskapitänen« der Bundesrepublik vorausgesehen worden. Diese hatten vor einer allzu schnellen Durchsetzung der marktwirtschaftlichen Strukturen in der noch bestehenden DDR gewarnt, und zwar wegen der zu erwartenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen eines allzu unbekümmerten Vorgehens im Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes.

Offensichtlich haben diejenigen bundesdeutschen Manager, die ab Juli die Führungspositionen in der Treuhandanstalt besetzten, die prominent plazierten ausdrücklichen Warnungen ihrer Berufskollegen ignoriert. Das traf auch auf Rohwedder zu, obwohl er gegenüber seinen ostdeutschen Untergebenen wenigstens teilweise offener war und mehr Verständnis zeigte als andere leitende Westmanager in der Treuhandanstalt. Doch bezüglich der Handlungsmaxime »Privatisierung ist die beste Sanierung« und dem Vorsatz, diese Doktrin so rasch wie möglich zu realisieren, unterschied sich Rohwedder von der Masse des bundesdeutschen Wirtschaftsestablishments keineswegs. Damit ließ er auch alle Fehler zu, vor denen Dürr und Herrhausen gewarnt hatten und deren Folgen Regine Hildebrandt so sehr beklagte.

Konkurrenz plattgemacht

Gohlkes Kapitulation vor der ihm gestellten Aufgabe, diese Institution zu führen, erscheint unter Kenntnis der selbstredend auch ihm bekannten Warnungen und der daraus ­resultierenden Ratschläge zur Transformation der DDR-Wirtschaft in einem anderem Licht. Es war jedenfalls nicht generelle Vorsicht oder gar Ängstlichkeit, die den erfahrenen Sanierer zur Aufgabe des angebotenen Jobs veranlassten.

Von vornherein nicht interessiert an der Entwicklung einer Strategie zum Thema, wie die Umstellung der ostdeutschen Industrie insgesamt zu bewältigen sei, war die Masse der potentiellen und tatsächlichen Aufkäufer unter den bundesdeutschen Unternehmen, denen Rohwedder die Treuhand-Betriebe anbot. Sie, die gegenüber ausländischen Firmen Westeuropas und Nordamerikas das Vorkaufsrecht besaßen, dachten gar nicht daran, mit ihrem Aufkauf volkseigener Betriebe einen Beitrag dafür zu leisten, dass der Start der ostdeutschen Industriebetriebe in die bundesdeutsche Marktwirtschaft ohne große Verluste gelang, sondern verfolgten nur ihre eigenen Interessen. Die brandenburgische Wirtschaftsministerin nannte dazu in ihrem mit dem Journalisten Liedtke geführten Interview einige Beispiele aus Brandenburg: »Die Draht- und Schraubenfabrik Finsterwalde wurde an einen Interessenten im Westen verkauft und von dem gegen null gefahren – nach dem Prinzip der Beseitigung der Konkurrenz. Oder nehmen Sie den Schwermaschinenbau Wildau. Da kamen Interessenten aus den alten Bundesländern. Sie schauten sich den Betrieb an, die Kundenbücher, die Preiskalkulationen, die Produktpalette. Den Kundenstamm übernahmen sie, die Preise unterboten sie. Auf diese Weise fuhren sie den im Grunde durchaus intakten Betrieb herunter, schlachteten ihn aus.«

Zum bekanntesten Beispiel für diese Art Konkurrenzdemontage im Gefolge der Privatisierungen wurde das Kaliwerk Bischofferode in Thüringen. Die Verhandlungen der THA mit dem hessischen Unternehmen Kali und Salz AG, das mehrheitlich zum BASF-Konzern gehörte, führten zu einem Fusionsvertrag. Von der damit geschaffenen Mitteldeutschen Kali- und Salz AG (MDK) gehörten der BASF 51 Prozent der Aktien, der Treuhandanstalt 49 Prozent, d. h. die BASF konnte von nun an bestimmen, was mit den thüringischen Bergwerken geschah. Die Kaliförderung sollte, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein, streng durchrationalisiert werden, hieß es seitens der BASF – einschließlich der Aufgabe wenig rentabler Schächte, die nach Meinung der MDK vor allem im Thüringischen lagen. Von den vier ostdeutschen Kalischächten sollten zwei geschlossen werden, in Hessen dagegen nur einer. Für die Bischofferoder Kalikumpel war damit klar, was ihr Betriebsrat so formulierte: »Es sollte eine Fusion stattfinden, bei der vom Osten fast nichts bleibt. Die lästige Konkurrenz sollte eliminiert und außerdem sollten neue Märkte für den Westen gewonnen werden.«

»An der Arbeit der Treuhand gab es viel Kritik, die bis heute nicht verstummt ist«, schrieb der Wirtschaftsjournalist Peter Stützle 2014 rückblickend auf den Beginn der Treuhand-Privatisierung. »Der Hauptvorwurf lautet, überlebensfähige Unternehmen seien zu schnell abgewickelt worden. Dabei sei es auch darum gegangen, unliebsame Konkurrenz etablierter Westfirmen auszuschalten.« Stützle, der diesen Vorwurf für übertrieben hielt, musste aber zugeben: »Tatsächlich wurde bei der Neustrukturierung der ostdeutschen Wirtschaft mit harten Bandagen gekämpft. Neben Konzernen, die nur ihre Marktposition verbessern wollten, gab es unseriöse Glücksritter, an denen manch eine hoffnungsvoll erscheinende Privatisierung am Ende scheiterte.«

Es war offensichtlich: Rohwedder und die anderen westdeutschen Manager in den oberen Etagen der Treuhand, die Erfolgszahlen bei der Privatisierung der ehemaligen VEB vorweisen wollten, drückten bei den Bewerbern aus dem Westen Deutschlands beide Augen zu. Ganz offen empörte sich Christa Luft, Wirtschaftsministerin im Kabinett Modrow und bis 2002 Abgeordnete der PDS im Bundestag, über das Verhalten jener Treuhänder. Sie stellte fest: Erfolgreich bewarben sich auch »Leute, die schon x-mal Firmen in den Sand gesetzt hatten und die doch keine Referenzen vorweisen mussten«.

Das Resultat dieser Art Privatisierung war die Zerstörung der Produktionsstrukturen, der arbeitsteiligen Beziehungen und langfristigen Lieferverbindungen der ostdeutschen Industriebetriebe. Die Ursache dafür lag eindeutig im Prozedere des Übergangs von der Plan- in die Marktwirtschaft. Die auf rasche Privatisierung ausgerichtete Verkaufspolitik der Treuhand ermöglichte den interessierten westdeutschen Betrieben, sich beim Kauf vorrangig von einer kurzfristig zu erzielenden Steigerung der Profite leiten zu lassen ohne Berücksichtigung der vorhandenen Fertigungsstrukturen.

Zweckdienliche Mär

Dass eine sorgfältige, sicherlich zeitaufwendige Integration des jeweiligen aufgekauften ostdeutschen Unternehmens in den Stammbetrieb unter Nutzung der vorhandenen Potentiale des aufgekauften Unternehmens sich auf jeden Fall gelohnt hätte, davon war man übrigens im westlichen Ausland überzeugt. Diesbezüglich sprach das US-Wirtschaftsmagazin International Business Week von realen Chancen für eine beschleunigte Wirtschaftsentwicklung in Deutschland, die es zu nutzen gelte. Die Produktivität der DDR-Wirtschaft liege zwar 30 bis 40 Prozent unter der Westeuropas, aber in der DDR gebe es »die besten Arbeiter, die beste Technologie und die höchste Produktivität des Ostblocks«.

In der Bundesrepublik hatte Heinz Dürr das auch so gesehen, als er im November 1989 seine Kollegen im bundesdeutschen Management mahnte: »Wir sollten nicht überheblich sein und unseren Kollegen in der DDR jegliche Marketing- und Führungstätigkeit absprechen«. Das in Ostdeutschland vorhandene Erfahrungspotential gelte es zu nutzen. »Die Facharbeiter, Kaufleute und Ingenieure im anderen deutschen Staat sind nicht weniger fähig und fleißig als die in der Bundesrepublik.«

Die Nichtbeachtung der Mahnung des AEG-Chefs durch das leitende Treuhand-Personal hatte im zweiten Halbjahr 1990 zur Folge, dass sich mit den zahlenmäßigen Privatisierungserfolgen die wirtschaftlichen Rückschläge in den ostdeutschen Betrieben vermehrten. Die Beschäftigten in den Treuhand-Betrieben sahen sich im zweiten Halbjahr 1990 zusehends von Arbeitslosigkeit bedroht und schätzten die wirtschaftliche Lage der DDR in den letzten Monaten ihrer Existenz mehr und mehr pessimistisch ein. Das jedenfalls berichtete das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut Emnid. Laut einer Umfrage beurteilten im Frühherbst 1990 80 Prozent der DDR-Bürger die »allgemeine wirtschaftliche Lage« als »schlecht« bzw. »sehr schlecht«, nur ein Prozent als »gut« bzw. »sehr gut«.

Um die Fehler der Treuhand-Politik nicht eingestehen zu müssen, wurde die Mär von der spätestens seit den 1980er Jahren »maroden DDR-Wirtschaft« verbreitet. Jahrzehntelange Planwirtschaft unter SED-Herrschaft habe die Grundlagen der ostdeutschen Industrie zerstört. Deren Beseitigung sei nur unter großen Anstrengungen, deren Realisierung viel Zeit erfordere, möglich.

Jörg Roesler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 26. Mai über alternative Konzepte für die Treuhandanstalt.

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Debatte

  • Beitrag von Bernd K. aus R. ( 4. August 2020 um 11:27 Uhr)
    Der Autor sollte sich vielleicht zur Sommerlektüre am Strand mal den Tatsachenroman »Die blaue Liste« von Wolfgang Schorlau vornehmen. Die der Realität entnommenen Kernpunkte des wie immer gut recherchierten Romans widersprechen nämlich seiner Darstellung wesentlich: Danach war Rohwedder bereit, für circa 600 Betriebe einer Liste, die auf blaues Papier gedruckt worden war, ein genossenschaftliches Modell zu versuchen, das sich beim österreichischen Gerätewerk Matrei seit Kriegsende bewährt hatte. Die Anregung dazu stammte von Wirtschaftswissenschaftlern aus Innsbruck, die das »Experiment« wissenschaftlich begleiteten und untersuchten – und beim Absturz der Lauda-Air-Maschine »Mozart« in Thailand ums Leben kamen. Angeblich befand sich die »blaue Liste« in Rohwedders Privathaus, war nach seiner Ermordung aber verschwunden.

    Ich hatte beim Lesen nicht den Eindruck, dass diese Kernbestandteile des Romans aus der freien Phantasie Schorlaus stammen würden, habe aber natürlich auch keine Zeit, hierzu vielleicht umfassende Recherchen anzustellen.

    Bemerkenswert ist nicht nur das Verschwinden der Liste, sondern dass nach der Ermordung Rohwedders mit Birgit Breuel auch eine willfährige Vollstreckerin der »Totalprivatisierungsdoktrin« eingesetzt wurde, der sich Rohwedder anscheinend – entgegen den Aussagen im Artikel – doch entgegengestellt hat … Was somit vielleicht der Grund für seine Ermordung war?

    Dass die Mörder bis heute nicht gefunden werden konnten, ist ja ein weiteres Mysterium um das »RAF-Phantom«, das von Anfang an durch westdeutsche Geheimdienste »betreut« und in Richtung Gewalt gelenkt wurde.

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