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Aus: Ausgabe vom 03.08.2020, Seite 10 / Feuilleton
Antifaschismus

Ein Kompass für das Leben

Immer geradlinig: Zum 95. Geburtstag des niemals nachlassenden Antifaschisten Günter Pappenheim
Von Frank Schumann
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Dem Buchenwaldschwur verpflichtet: Pappenheim feiert in der KZ-Gedenkstätte den Jahrestag der Selbstbefreiung (11.4.2016)

Von 1945 bis 1990 hieß der thüringische Ort Kleinschmalkalden Pappenheim. Den Namen des von den Nazis ermordeten Sozialdemokraten verlor die Gemeinde in dem Monat, als die D-Mark in der DDR Einzug hielt. Auch die Schule wurde umbenannt, die seit 1987 nach Ludwig Pappenheim hieß. Jetzt trägt der Ortsteil von Floh-Seligenthal wieder seinen alten Namen.

Günter Pappenheim, der 1925 geborene Sohn des auf solche Weise ins Vergessen Verdrängten, war Schlosserlehrling in Schmalkalden und solidarisch mit französischen Zwangsarbeitern, weshalb er mit 17 verhaftet wurde. Im Oktober 1943 kam er ins KZ Buchenwald, erhielt die Häftlingsnummer 22514 und erfuhr die Solidarität von inhaftierten Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie nahmen ihn unter ihre Fittiche, weil sie seinen Vater kannten: den engagierten Landtagsabgeordneten und Redakteur der Volksstimme, der am 4. Januar 1934 im Moorlager Emsland erschossen worden war.

Günter Pappenheim erlebte die Selbstbefreiung des Lagers am 11. April 1945. Er war unter denen, die eine Woche später bei der Trauerkundgebung auf dem Appellplatz den berühmten Schwur von Buchenwald sprachen: »Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.« Auch Günter Pappenheim nahm das zeitlebens als persönliche Verpflichtung.

In seiner Heimat- und Geburtsstadt Schmalkalden setzte er sich, inzwischen bei der SPD, für die Vereinigung der beiden Arbeiterparteien ein. Er qualifizierte sich an verschiedenen Einrichtungen, studierte unter anderem drei Jahre an der Parteihochschule in Moskau und an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst, war zwischendurch Erster Sekretär der SED-Kreisleitung in Schmalkalden, dann im Kreis Luckenwalde. In den frühen 70ern übertrug man ihm den Vorsitz im Rat des Bezirkes Potsdam, und anderthalb Jahrzehnte, von 1974 bis 1989, gehörte der aufrechte Antifaschist Pappenheim der Zentralen Parteikontrollkommission der SED an. Noch immer ist er Mitglied der Partei Die Linke. Dort sorgt er konstruktiv für Unruhe, damit die DDR nicht vergessen wird.

Sein Leben verlief erkennbar nicht ohne Brüche, er erlitt Blessuren, blieb aber ideologisch geradlinig und verrenkte sich nicht. Für ihn sei der Schwur von Buchenwald »ein Leben lang verbindlich, ein Kompass für das Leben, ein Programm für die Lebensgestaltung«, erklärte Pappenheim im April dieses Jahres zum 75. Jahrestag der Selbstbefreiung des Lagers. Die große Feier fiel wegen der Pandemie aus, wie so viele andere Gedenkveranstaltungen auch.

Dafür gab es merkwürdige Begleitmusik. Der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) – 1947 von Nazigegnern wie Günter Pappenheim als VVN gegründet – wurde die Gemeinnützigkeit aberkannt. Weil der Verfassungsschutz in Bayern die Organisation als »extremistisch beeinflusst« charakterisiert hatte und CSU, FDP, AfD und Freie Wähler diese Position unterstützt hatten. Pappenheim protestierte beim Bundesfinanzminister – der verwies auf die Zuständigkeit der Länder in der Steuerverwaltung.

Pappenheim protestierte auch gegen den »Putschversuch im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten«, als am 5. Februar 2020 mit den Stimmen von AfD, CDU und FDP der Vertreter einer 5,0005-Prozent-Partei zum Ministerpräsidenten Thüringens gewählt worden war. »Der Tabubruch von Erfurt« (gleichfalls Pappenheim) bestand darin, dass es offenkundig Absprachen mit dem Faschisten und AfD-Fraktionschef Björn Höcke gegeben hatte.

In Erfurt war Günter Pappenheim drei Jahre zuvor vom französischen Botschafter zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion ernannt worden, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes. Die DDR ehrte ihn für sein jahrzehntelanges Engagement mit ihrem Vaterländischen Verdienstorden. In der Bundesrepublik steht eine vergleichbare Ehrung aus. Deshalb muss man dem Ersten Vizepräsidenten des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Vorsitzenden der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e. V. umso herzlicher gratulieren: Der aktive Antifaschist Günter Pappenheim wird heute 95.

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