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Aus: Ausgabe vom 03.08.2020, Seite 6 / Ausland
Syrien

Zweischneidiger Deal

Nordsyrische Autonomieregion schließt Abkommen mit US-Firma über Ölförderung
Von Nick Brauns
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Junger Arbeiter in einer Ölraffinerie in der Region Idlib (Dezember 2015)

Die kurdisch geführte Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien hat einen Vertrag mit einer US-Firma über den Verkauf von Öl aus syrischen Ölfeldern abgeschlossen. Das meldete das Nachrichtenportal Al-Monitor Ende vergangener Woche. Mit der im US-Bundesstaat Delaware registrierten Delta Crescent Energy LLC sei die Entwicklung und Modernisierung der Ölfelder in den Gebieten unter Kontrolle der multiethnischen Militärallianz der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) sowie der Verkauf des geförderten Öls vereinbart worden. Das syrische Außenministerium verurteilte am Wochenende das Abkommen, das syrische Öl »zu stehlen«, mit scharfen Worten.

Sinam Mohamad, die Vertreterin des die Autonomieregion nach außen repräsentierenden Demokratischen Syrienrates in den USA, habe ihr die Existenz eines solchen Vertrages über Whats-App bestätigt, schreibt die Journalistin Amberin Zaman auf Al-Monitor. Der republikanische Senator von South Carolina, Lindsay Graham, erklärte gegenüber dem Sender CBS, dass ihn der Generalkommandant der SDK, Maslum Kobani, persönlich über das Zustandekommen des Abkommens informiert und gebeten habe, dem US-Präsidenten die Details zu vermitteln. US-Außenminister Michael Pompeo bezeichnete am Donnerstag im Außenpolitischen Ausschuss des Senats das mit Billigung der US-Regierung ausgehandelte Abkommen, dessen Unterzeichnung sich länger als erwartet hingezogen habe, als »o. k.«.

Auf dem Weltmarkt spielt die syrische Ölförderung, die vor Kriegsausbruch rund 0,5 Prozent der weltweiten Förderung ausmachte, keine Rolle. Doch für die innersyrische Ökonomie ist das Öl von zentraler Bedeutung und für die Autonomieverwaltung eine Haupteinnahmequelle. Nach der Vertreibung der dschihadistischen Miliz »Islamischer Staat« (IS) kontrollieren die SDK den Großteil der syrischen Ölfelder, die sich in Rumalan nahe der Grenze zur Türkei und in der an den Irak grenzenden Wüstenregion um Deir Al-Sor konzentrieren. Vor Ausbruch des Krieges wurden dort täglich rund 380.000 Barrel Rohöl gefördert. Heute liegt die Produktion bei gerade einmal 60.000 Barrel, die in improvisierten Raffinerien weiterverarbeitet und über lecke Pipelines oder Tanklastwagen abtransportiert werden.

Neben Eigenverbrauch und dem Verkauf in die benachbarte Region Kurdistan-Irak wird von der Autonomieverwaltung trotz des von den USA verhängten Embargos gegen die Regierung von Präsident Baschar Al-Assad auch Öl an Damaskus verkauft. Von dem jetzigen Abkommen mit der Delta Crescent Energy LLC seien mehrere Ölfelder ausgespart worden, um sicherzustellen, dass die Syrer außerhalb der Autonomieregion »nicht ihres Anteils am Öl beraubt werden«, heißt es im Al-Monitor-Bericht. Die russische Regierung, die Damaskus mit Truppen in Nordsyrien unterstützt, sei vorab über das Ölgeschäft mit der US-Firma informiert worden und habe keinen Einspruch eingelegt.

Nach einem Teilrückzug der US-Truppen, der im Oktober 2019 den Weg zu einer weiteren türkischen Invasion in Nordsyrien freigemacht hatte, hatte US-Präsident Donald Trump erklärt, einige hundert Soldaten würden zum »Schutze des Öls« in der Region verbleiben. Daraufhin hatte die syrische Regierung Washington beschuldigt, das Öl zu rauben.

Durch den Deal mit der US-Firma erhofft sich die Autonomieverwaltung neben einer Modernisierung ihrer Ölförderungs- und Raffineriekapazitäten wohl auch Schutz der USA vor weiteren türkischen Angriffen. Dabei handelt es sich um ein zweischneidiges Schwert, denn so wird nicht nur die völkerrechtswidrige Präsenz der US-Truppen in Nordostsyrien weiter legitimiert, sondern auch eine von der Autonomieverwaltung ausdrücklich angestrebte politische Lösung mit Damaskus erschwert.

Die Kontrolle über die syrischen Ölfelder bildete für die Autonomieverwaltung eine »Verhandlungsmasse« für zukünftige politische Verhandlungen mit Damaskus, hatte der Generalinspekteur des US-Verteidigungsministeriums in seinem im Mai veröffentlichten Quartalsbericht zum US-geführten Einsatz »Inherent Resolve« gegen den IS festgestellt. Weiter heißt es dort, dass es solche Verhandlungen »derzeit« nicht gäbe, da unter anderem die fortgesetzte Präsenz von US-Streitkräften für die Autonomieverwaltung eine bevorzugte Partnerschaft darstellt während die Forderung von Damaskus nach Übergabe der Ölfelder den SDK keinen Nutzen brächten.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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