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Aus: Ausgabe vom 03.08.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskämpfe in der BRD

Kaffee, Kuchen und Schikane

Union Busting: Beschäftigte und Gewerkschafter protestieren gegen gallebittere Arbeitsbedingungen bei Starbucks
Von Julian Städing
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Protest gegen gewerkschaftsfeindliche Strategie der US-Kaffeehauskette Starbucks am Freitag in Berlin

Es sei mal dahingestellt, ob die Kaffee- und Kuchenkreationen aus dem Hause Starbucks, dem milliardenschweren und global agierenden US-Unternehmen aus Seattle, jedermanns Geschmack treffen, Starbucks’ perfide Geschäftspraxis im Umgang mit Beschäftigten hingegen lässt sich kaum bestreiten.

Seitdem der spanische Franchisenehmer »Amrest«, der fast alle Starbucks-Cafés in Deutschland betreibt, mit an Bord ist, werden engagierte Gewerkschafter immer häufiger von der Geschäftsführung schikaniert. Union Busting nennt sich das, eine Methode also, mit der gewerkschaftliche Organisierung oder Betriebsratsgründungen verhindert werden sollen. Viele halten dem permanenten Druck nicht stand, brennen aus, werden aus dem Unternehmen gemobbt.

Diese gewerkschaftsfeindliche Politik in den Betrieben des Kaffeehausschwergewichts indes bleibt nicht unwidersprochen: Am vergangenen Freitag kamen rund 50 Menschen am Pariser Platz in Berlin unter dem Motto »Betriebsratszerschlagung bei Starbucks stoppen – Gemeinsam gegen Union Busting« zusammen und solidarisierten sich mit allen betroffenen Kolleginnen und Kollegen.

Zur Unterstützung waren unter anderem die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), die »Aktion Arbeitsunrecht«, »Hände weg vom Wedding« und die »Berliner Aktion gegen Arbeitgeberunrecht« (BAGA) vor Ort. Die Berliner Filiale in Sichtweite zum Brandenburger Tor hatten die Organisatoren der Kundgebung nicht ohne Grund gewählt: Im Jahr 2002 wurde sie als erste in Deutschland eröffnet. Ein symbolischer Ort, um den Fall des ehemaligen Starbucks-Betriebsrats Michael Gläser zu thematisieren.

Gläser wurde seit Mai dieses Jahres zwölfmal »verhaltensbedingt« fristlos gekündigt – überwiegend aufgrund kritischer Äußerungen gegenüber Amrest. Bundesweit hat er in Starbucks-Filialen Hausverbot. Gläser nimmt das nicht widerstandslos hin, prozessiert vor Arbeitsgerichten.

»In ganz Deutschland werden Betriebsräte bekämpft, wenn sie sich für ihre Mitarbeiter einsetzen«, ergriff Exbarista Gläser auf der Kundgebung das Wort. »Für mich grenzt das an eine betriebliche Diktatur. Dienstpläne werden nach Belieben des Arbeitgebers geändert. Wir waren gezwungen«, so Gläser weiter, »spontan die Filiale für die Arbeit zu wechseln. Ich wurde online überwacht, eine Kollegin sogar vor der Haustür.« Der Lohn sei knapp oberhalb der Armutsgrenze, Überstunden würden nicht bezahlt, sondern Ende des Jahres »einfach genullt.« Und mit der Übernahme einzelner Filialen durch Amrest hätten Beschäftigte ihr Aktienpaket ersatzlos verloren. Wichtiger sei aber folgendes: »Betriebe können wahllos zerschlagen werden: Eine normale Betriebsratsarbeit war einfach nicht möglich«, betonte Gläser.

Nicht möglich, weil bei Starbucks bzw. bei Amrest auf die Praxis des sogenannten Redistricting gesetzt wird: Betriebsräte werden nicht für einzelne Filialen, sondern für willkürlich eingeteilte Distrikte gewählt. Umfang und Grenzen eines solchen Distrikts variieren. Verschiedene Filialen einer Stadt können jederzeit und beliebig oft zu einem neuen Distrikt zusammengeschlossen werden. Für den Betriebsrat bedeutet das konkret, dass er nicht nur seine eigene Filiale – in Gläsers Fall jene im Konsumtempel »Alexa« am Alexanderplatz – vertreten muss, sondern plötzlich auch fünf andere, die zum Teil weit voneinander entfernt liegen.

Gläsers »Distrikt 2« beispielsweise wurde Ende vergangenen Jahres mit »Distrikt 1« zusammengelegt – und weil dort schon ein Betriebsrat tätig war, verlor Gläser automatisch seinen Posten. Mitte Mai lief der halbjährig nachwirkende Kündigungsschutz für Betriebsräte aus. »An der Eingangstür bei Starbucks hört die Demokratie auf«, klagte Gewerkschafter Jürgen Hofmann, der ebenfalls auf der Kundgebung sprach. »Viele Kolleginnen und Kollegen von Starbucks wissen genau, was alles passiert ist – aber sie sind eingeschüchtert und haben Angst.« Gläsers Fall zeige nur die Spitze des Eisberges: Eine inflationäre Anzahl von Abmahnungen und Kündigungen sei schon ausgesprochen worden. Hofmann sagte weiter: »Jedem Gast müsste es gallebitter aufstoßen, wenn er wüsste, wie die Arbeitsbedingungen bei Starbucks und Amrest sind. Rechte von Beschäftigten werden hier mit Füßen getreten.«

Demonstrativ schenkten die Kundgebungsorganisatoren vis-à-vis dem Starbucks-Eingang ihren eigenen Kaffee aus. Ohne Milchschaum und Schnickschnack; aber eben auch ohne bitteren Beigeschmack.

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