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Aus: Ausgabe vom 03.08.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Antifaschistin

»Der Rechtsruck ist ein Alptraum für mich«

Über faschistische Kontinuitäten in der alten und neuen Bundesrepublik. Ein Gespräch mit der Publizistin und Schauspielerin Peggy Parnass
Interview: Andrei Doultsev
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»Unvorstellbar, dass Naziopfer in Deutschland mundtot gemacht werden sollen.« (Antifaschistische Kundgebung am 8. Mai am Brandenburger Tor in Berlin anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung)

Ihre Reportagen sind unter anderem illustre Darstellungen von Heuchelei in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Würden Sie diesen Staat als eine Anpassungsgesellschaft bezeichnen?

Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, ihn so zu nennen. Denn um sich selbst zu schützen, war es für die Täter nicht nötig, sich anzupassen – sie wurden ja nicht verfolgt, sie wurden nicht vor Gericht gestellt. Sie konnten ihre Karrieren einfach fortsetzen. Die Täter waren in der Nachkriegsgesellschaft keine Fremdkörper, sie passten da gut rein. Es gab ein Ein- und Untertauchen in die bzw. den Massen und das falsche Bewusstsein der Täter, dass sie es ja nicht gewesen sind. Hannes Heer hat darüber ein Buch geschrieben mit dem sehr zutreffenden Titel »Hitler war’s«. Die Schuld wurde an ihn delegiert.

Wie ist es für Sie als Überlebende der Schoah, in diesem Deutschland zu leben? Wut, Hilflosigkeit, Abscheu – was empfinden Sie?

Das Gefühl von Ungerechtigkeit hatte ich bereits als kleines Kind. Zwangsläufig. Was mich umhaut, ist nicht ein einzelnes Verbrechen hier oder da, sondern das weltweite Ausmaß von Unrecht. Wie kann man etwas loswerden, das derart etabliert ist? Die zwölf Jahre Nazizeit waren dabei die Steigerung ins Unermessliche.

2019 diffamierte das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz die »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten«, VVN-BdA, als »linksextremistisch beeinflusst«, woraufhin der Organisation der Opfer des Naziterrors als Ganzes die Gemeinnützigkeit entzogen wurde. Anfang Juli bekräftigte das Berliner Finanzamt für Körperschaften diese Entscheidung. Warum ist die VVN wichtig in Deutschland?

Ich finde es wichtig, dass Verfolgten des Naziterrors das Recht zugestanden wird, sich zusammenzutun, eine Organisation haben zu dürfen, um ihre Trauer und ihre Erinnerung wahren zu können – in einem Land, das Schuld an der Ermordung von 50 Millionen Menschen in Europa trägt …

Der Entzug der Gemeinnützigkeit rückwirkend ab 2016 durch diese Berliner Behörde ist für die VVN existenzgefährdend. Es drohen hohe Steuernachzahlungen.

Wie kann man eine Opferorganisation im Land der Täter derart sanktionieren? Und selbst wenn die VVN wirklich »linksextrem« sein sollte – mich würde das sehr freuen.

Der VVN wird unter anderem vorgeworfen, Naziaufmärsche und Polizeieinsätze gewaltsam zu blockieren.

Einfach lächerlich … Das ist ein internationaler Skandal! Wir, die Opfer des Naziterrors, VVN-Mitglieder und -Sympathisanten, brauchen Aufmerksamkeit für dieses unwürdige Vorgehen und Unterstützung der VVN. Aber auch internationale Solidarität mit der deutschen Linken. Man darf einer Organisation der Opfer des Naziterrors in Deutschland nicht das Existenzrecht rauben. Unvorstellbar, dass Naziopfer in Deutschland mundtot gemacht werden sollen.

Sie selbst haben ja den Naziterror überlebt …

Meine ganze Familie, alle Verwandten – Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, Vettern, Cousinen – sind in Treblinka und anderen KZ der Nazis ums Leben gekommen. Alle. Man kann Opfern nicht den Mund verbieten. Aber man sollte verbieten, wie mit Opfern umgegangen wird. Statt dessen sehen wir, wie die VVN bedrängt wird, weil die Nazis immer noch da sind. Sie organisieren sich in neuen Parteien, Terrorgruppen, sie dienen in der Polizei ...

Das Bundesamt für Verfassungsschutz erwähnte in seinem kürzlich erschienenen Bericht für das Jahr 2019 mit keinem Wort die rechte Terrorgruppe »NSU«, die von Neonazis durchsetzte Bundeswehr-»Elitetruppe« KSK oder die Tatsache, dass Polizisten in »sozialen Netzwerken« Hitlerbilder und faschistische Sprüche austauschen.

Die Nazis scheuen sich nicht mehr, offen auszusprechen, was sie vorhaben. Und ihre heimlichen Unterstützer schützen sie dabei. Der gegenwärtige Rechtsruck ist ein Alptraum für mich.

Was war angesichts der politischen Verhältnisse in Westdeutschland Ihre wichtigste Erkenntnis als Publizistin?

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Peggy Parnass, aufgenommen im März 2016 in Hamburg

In der alten Bundesrepublik war ja immer die Rede vom »Sympathisantensumpf« der RAF. Um dagegenzuhalten, machten Axel Engstfeld und ich 1982 einen Film unter dem Titel »Von Richtern und anderen Sympathisanten« – und widmeten ihn den Nazirichtern, die ja nie angeklagt wurden, eben weil sie so viele Unterstützer im Apparat hatten. Richter mit Nazivergangenheit, über die immer eine schützende Hand gehalten wurde. Der Film basierte auf Texten von mir, die zuerst als Kolumne in Konkret erschienen waren. Er war sehr erfolgreich, bekam sogar den Bundesfilmpreis. Doch geändert hat sich nichts, null … Das war wohl der Kern, die wichtigste Erkenntnis: Dass du dich hier abstrampeln kannst, um politisch etwas geradezubiegen, aber ändern tut es gar nichts.

Hatten Sie je das Gefühl, dass Sie sich sich in Ihrer Arbeit Beschränkungen auferlegen mussten?

Für mich gibt es kein Tabuthema. Natürlich gibt es diesen Druck gegen links. Jedes Mal, wenn ich irgendetwas veröffentlichte, wurde ich abgestraft, gab es Drohbriefe und -anrufe, Morddrohungen. Praktisch immer, wenn ich den Mund aufgemacht habe. Aber es gibt da nichts, was mich aufhalten würde: Ich sage, schreibe und denke, was ich will – wie in dem neuen biographischen Film über mich (»Überstunden an Leben«, 2018, Regie Gerhard Brockmann und Jürgen Kinter, A. D.), der gerade mit großem Erfolg läuft und der sehr politisch ist.

Darin ist eine Aufnahme Ihrer Wohnung zu sehen – an einer gut sichtbaren Stelle hängt ein Foto von Ulrike Meinhof. Was bedeutete Ihnen die Freundschaft mit ihr?

Immer noch viel. Sie bestand, bis ­Ulrike 1968 Hamburg verließ. Danach habe ich sie nie mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört. Ich bin ihr in gewisser Weise auch sehr dankbar dafür, dass sie mich nicht aufgesucht hat. Wenn sie mich gebeten hätte, sie unterzubringen, bei mir übernachten zu dürfen, wäre es mir wie so vielen ihrer Bekannten und Freunde gegangen – ich hätte nicht nein sagen können. Aber mit dem, was sie dann tat, war ich überhaupt nicht einverstanden. In unserer Freundschaft waren wir uns als Pazifistinnen einig, und Ulrike hatte ein starkes Unrechtsbewusstsein, das ich teilte. Sie war unglaublich warmherzig, mitfühlend, großzügig.

Im Stern erschien im März 2007 ein Gastbeitrag von Ihnen zur Debatte um die Freilassung von Christian Klar, der wegen seiner RAF-Aktivitäten seit 1982 im Gefängnis saß. In dem Artikel setzen Sie die Dauer seiner Haft – damals bereits 24 Jahre – ins Verhältnis zu der in der BRD verurteilter faschistischer Massenmörder. Die Öffentlichkeit bemitleide, heißt es bei Ihnen, die »beklagenswerte, greise Witwe von Hanns Martin Schleyer! Die unglückliche Frau. Die Arme«. Dabei war der SS-Hauptsturmführer und spätere »Arbeitgeberpräsident« Schleyer, in führender Position beteiligt an Kriegsverbrechen in der besetzten Tschechoslowakei …

Klar musste insgesamt fünfundzwanzig Jahre im Knast absitzen, das musste kein Nazi. Schleyer wurde, nach dem, was er im »Reichsprotektorat Böhmen und Mähren« verbrochen hatte, nicht bestraft. Die Nazimörder durften ruhig und unbehelligt weiterleben. Der Artikel über Christian Klar war mir sehr wichtig, keiner wollte den haben. Der Stern druckte ihn überraschenderweise ab.

Ihre Prozessberichte sind lebhafte Zeugnisse dafür, dass sich im Westdeutschland der Nachkriegsjahre hinter der Fassade von Wohlstand und Wirtschaftswunder Abgründe auftaten.

Es gab ja diese Wirtschaftswunderzeit – für mich selbst aber war es eine Zeit des Hungerns: Ich hatte kein Geld und nichts zu essen … Und das war die große Blütezeit hier. Die Zeit auch, in der man »Gastarbeiter«, denen wir unser Wohlleben zu verdanken haben, wie Scheiße behandelt hat. Dabei war die Bundesrepublik nach meinem Empfinden keine traumatisierte Gesellschaft, es war ja nicht so, dass man hier schreiend und weinend herumlief. Die Leute hätten, nach dem, was sie der Welt angetan hatten, das doch tun müssen. Eigentlich jeder, nicht nur die Täter, sondern alle, weil es so war, wie es war. Sie haben hier aber einfach weitergemacht, als wäre nichts gewesen.

Welches Ihrer Bücher ist Ihnen besonders wichtig?

»Prozesse« kostete mich neun Jahre Arbeit, sechzehn Stunden am Tag … Mein Lieblingsbuch ist aber »Unter die Haut«, ein sehr persönliches Werk. Es kam zu einer Zeit heraus, als es mir furchtbar peinlich war, dass Leute mich gelesen haben, weil alles, was ich schrieb, so intim war. Da kamen dann Menschen mit wissendem Blick auf mich zu, und ich kannte die Leute überhaupt nicht, wusste nichts über sie. Sie aber alles über mich ...

Ein Lebensabschnitt, der mich besonders interessiert, ist Ihr Aufenthalt in Paris. Sie haben diese Zeit zwar in manchen Interviews erwähnt, aber nie ausführlicher darüber geschrieben oder berichtet.

Aus London kommend, fuhr ich für zwei Tage mit einem schwedischen Kollegen dorthin. Er kehrte zurück – ich blieb. Weil die Stadt mir gefiel und weil ich dort neue Menschen kennenlernte. Ich war in Paris, als sie wie verrückt Algerier jagten (im Algerienkrieg, 1954–1962, gegen die Unabhängigkeit der ehemaligen französischen Kolonie, A. D.) – und war sehr enttäuscht davon und fand es schrecklich zu sehen, dass es Franzosen gab, die kaum besser waren als deutsche Nazis. Ich wohnte damals in kleinen billigen Hotels. Eines Tages haben sie meine Zimmertür aufgerissen und unterm Bett nachgesehen, ob ich einen Algerier verstecke …

Einer Ihrer Texte ist unter dem Titel »Weihnachten« erschienen. Sie beschreiben darin Ihre Wut über Freunde, die jahraus, jahrein darüber jammerten, dass sie über die Feiertage zu ihren Eltern reisen mussten. Ihre wurden Ihnen genommen, als Sie noch ein sehr kleines Mädchen waren.

»Mein Gott, Weihnachten …! Schon wieder zu meiner Mutter« – ich hatte Lust, sie zu verprügeln. Mir hat meine Familie zeitlebens gefehlt, mir wurde kein Lieblingsgericht von meiner Mutter zubereitet. Meine Mutter, meine Eltern haben mir die Nazis genommen. Ich habe bis heute nicht verkraftet, dass ich keine Eltern habe, sie fehlen mir ständig.

Peggy Parnass, 1927 in Hamburg geboren, überlebte die Schoah zusammen mit ihrem Bruder in Schweden – die beiden waren 1939 mit einem Kindertransport nach Stockholm gebracht und gerettet worden. Ihre Eltern wurden im KZ Treblinka ermordet. Ihre gesamte Familie wurde von den Nazis umgebracht.

Peggy Parnass ist Publizistin und Schauspielerin. Sie studierte in Stockholm, London, Hamburg und Paris. Als Gerichtsreporterin schrieb sie 17 Jahre lang für das Monatsmagazin Konkret; eine Auswahl ihrer Kolumnen erschien in dem preisgekrönten Buch »Prozesse« (Erstauflage 1978). Sie veröffentlichte mehrere Bestseller, darunter »Unter die Haut« (1983) und »Süchtig nach Leben« (1990). Ihre Berichte demaskieren die Lebenslügen der Bundesrepublik und kratzen am Selbstbild der angeblichen Musterdemokratie. Im vergangenen Jahr wurde Peggy Parnass mit Esther Bejarano die Ehrenbürgerschaft der Stadt Hamburg verliehen. (jW)

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