Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Oktober 2020, Nr. 253
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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Eine Handvoll Milliardäre

Die Westmächte begannen 1918 eine Krieg gegen Sowjetrussland, angeblich um es vor Deutschland zu schützen. In dieser Situation wandte sich Lenin an die Arbeiter der USA
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Verwundete britische Soldaten werden vom Schlachtfeld weggetragen (Ölgemälde von Ugo Matania)

Genossen! Ein russischer Bolschewik, der an der Revolution im Jahre 1905 teilgenommen hatte und dann viele Jahre in Eurem Lande verbrachte, erbot sich, meinen Brief an Euch zu übermitteln. Ich habe seinen Vorschlag mit um so größerem Vergnügen angenommen, weil gerade jetzt die amerikanischen revolutionären Proletarier eine besonders große Rolle zu spielen berufen sind als die unversöhnlichen Feinde des amerikanischen Imperialismus, des stärksten Imperialismus, der noch frisch ist, der sich als letzter in das Weltvölkergemetzel um die Aufteilung der kapitalistischen Profite (die USA griffen 1917 in den Ersten Weltkrieg ein, jW) eingeschaltet hat. Gerade jetzt haben die amerikanischen Milliardäre, diese modernen Sklavenhalter, in der blutigen Geschichte des blutigen Imperialismus eine besonders tragische Seite aufgeschlagen, indem sie – ganz gleich, ob direkt oder indirekt, offen oder heuchlerisch verbrämt – ihre Einwilligung zu dem Feldzug der englischen und japanischen Räuber gaben, dessen Ziel es ist, die erste sozialistische Republik zu erwürgen.

Die Geschichte des modernen, zivilisierten Amerika wird durch einen jener großen, wahrhaften Befreiungskriege, wahrhaft revolutionären Kriege eingeleitet, deren es so wenige gegeben hat neben der riesigen Zahl der Raubkriege. (…) Das war der Krieg des amerikanischen Volkes gegen die englischen Räuber, die Amerika unterdrückten und in kolonialer Sklaverei hielten, genauso wie diese »zivilisierten« Blutsauger bis auf den heutigen Tag Hunderte von Millionen Menschen in Indien, in Ägypten und an allen Ecken und Enden der Welt unterdrücken und in kolonialer Sklaverei halten.

Seit jener Zeit sind etwa 150 Jahre verflossen. Die bürgerliche Zivilisation hat all ihre herrlichen Früchte gezeitigt. Hinsichtlich des Entwicklungsstandes der Produktivkräfte der vereinten menschlichen Arbeit, der Anwendung von Maschinen und aller Wunder der modernen Technik hat Amerika unter den freien, zivilisierten Ländern den ersten Platz eingenommen. Aber zugleich rückte Amerika auch hinsichtlich der Tiefe des Abgrunds, der zwischen einer Handvoll skrupelloser, in Laster und Luxus erstickender Milliardäre und den Millionen der ewig an der Grenze des Elends lebenden Werktätigen klafft, mit an die erste Stelle. Das amerikanische Volk, das der Welt das Vorbild eines revolutionären Krieges gegen die feudale Sklaverei gegeben hatte, geriet in die moderne, die kapitalistische Lohnsklaverei unter einer Handvoll Milliardäre, und so kam es, dass es die Rolle eines gedungenen Henkers spielte, der 1898, dem reichen Pack zuliebe, unter dem Vorwand, die Philippinen zu »befreien«, diese abwürgte und jetzt, 1918, der Russischen Sozialistischen Republik unter dem Vorwand, sie vor den Deutschen zu »schützen«, an die Gurgel fährt.

(…) Die englischen imperialistischen Räuber waren hinsichtlich der Zahl ihrer »Kolonialsklaven« stärker als die anderen. Die englischen Kapitalisten haben nicht einen Fußbreit ihres »eigenen« (d. h. durch Jahrhunderte hindurch zusammengeraubten) Landes verloren. Sie haben dagegen alle deutschen Kolonien in Afrika eingesteckt, Mesopotamien und Palästina an sich gerissen, Griechenland erdrosselt und gehen daran, Russland auszuplündern.

Die deutschen imperialistischen Räuber waren hinsichtlich der Organisation und Disziplin »ihrer« Heere stärker als die anderen, aber schwächer in bezug auf Kolonien. Sie haben alle Kolonien verloren, dafür aber halb Europa ausgeplündert und die größte Zahl kleiner Länder und schwacher Völker erwürgt. (…)

Man kann wohl sagen, die amerikanischen Milliardäre waren reicher als alle anderen und befanden sich geographisch in der sichersten Lage. Sie haben sich am meisten bereichert. Sie haben sich alle, selbst die reichsten Länder, tributpflichtig gemacht. Sie haben Hunderte Milliarden Dollar zusammengeraubt. Und an jedem Dollar haften die Spuren der schmutzigen Geheimverträge zwischen England und seinen »Alliierten«, zwischen Deutschland und seinen Vasallen, der Verträge über die Verteilung der zusammengeraubten Beute; der Verträge über gegenseitige »Hilfe« bei der Unterdrückung der Arbeiter und der Verfolgung der auf den Positionen des Internationalismus stehenden Sozialisten. (…) Jeder Dollar trägt Blutspuren – aus jenem Meer von Blut, das zehn Millionen Gefallene und 20 Millionen Verstümmelte vergossen haben in dem hehren, edlen, geheiligten Befreiungskampf, in dem es darum geht, ob dem englischen oder dem deutschen Räuber die größere Beute zufallen wird, ob dem englischen oder dem deutschen Henker der Vorrang beim Erwürgen der schwachen Völker der Erde gebührt.

Wladimir Ilitsch Lenin: Brief an die amerikanischen Arbeiter. In englischer Sprache im Dezember 1918 in New York und danach in zahlreichen Zeitungen sowie als Broschüre in den USA veröffentlicht. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 28. Dietz-Verlag, Berlin 1975, Seiten 48–50

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