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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Gegen Revisionismus

Geschichtsfälschern Kontra geben

Russland wird auch künftig alle Versuche energisch zurückweisen, die historische Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg zu verdrehen
Von Sergej J. Netschajew
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Sergej J. Netschajew

Die Aufrechterhaltung des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg, den beispiellosen heldenhaften Mut, den der sowjetische Vielvölkerstaat für die Befreiung Europas vom Nazismus zeigte, ist für unser Land von unvergänglicher Bedeutung. Gerade deshalb wurde das laufende Jahr vom Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir W. Putin, zum Jahr der Erinnerung und des Soldatenruhms erklärt. Die UdSSR leistete einen entscheidenden Beitrag zur Zerschlagung des Hitlerfaschismus und musste dafür einen furchtbar hohen Preis zahlen: 27 Millionen Menschenleben, unermessliche Zerstörungen, Leid und Elend einfacher Menschen. Der Krieg hat ausnahmslos jede Familie betroffen. Die Schicksalswege ganzer Generationen wurden dadurch nachhaltig beeinflusst. Auf deutschem Boden ruhen die Gebeine Hunderttausender sowjetischer Bürger. Alle, die den Tag des Sieges nicht mehr erlebten, starben auch für die nachkommenden Generationen der Deutschen.

Die Ursachen, der Fortgang und die Bilanzen des Zweiten Weltkriegs, die Zusammenhänge zwischen damals und heute werden in einem Zeitungsbeitrag dargelegt, der vom russischen Präsidenten unter dem Titel »75. Jahrestag des Großen Sieges: Gemeinsame Verantwortung vor Geschichte und Zukunft« verfasst wurde. Wladimir W. Putin weist dort ausdrücklich darauf hin, dass das Vergessen, das in den Dienst der politischen Konjunktur gestellt wird, die Grundfesten der vor 75 Jahren durch gemeinsame Anstrengungen geschaffenen Weltordnung zerstören kann. Bedauerlicherweise lässt man heute nicht nur im Bemühen nicht nach, die allgemein anerkannten Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu verzerren, sondern versucht sogar, diese zu revidieren. Kategorisch ablehnend stehen wir der Resolution des Europäischen Parlaments von 2019 gegenüber, die das faschistische Deutschland und die Sowjetunion für die Entfesselung des Krieges de facto gleichermaßen verantwortlich macht. Möge das auf dem Gewissen der Abgeordneten bleiben, die diese Resolution unterstützten. In einigen europäischen Ländern will man die Verbrechen der Nazis und Kollaborateure rechtfertigen, stört sich weiter an den sowjetischen Soldatendenkmälern, die niedergerissen werden, und an den Straßen und Plätzen, die Namen der Befreier tragen. Diese sollen nun umbenannt werden.

An dieser Stelle sei deutlich gemacht, dass Deutschland in unserer Erinnerungskultur einen besonderen Stellenwert hat. Denn das ist ein Land, in dem sich zahlreiche Grabstätten sowjetischer Soldaten befinden, die Europa Frieden brachten und nie wieder nach Hause zurückkehrten. Wir danken den deutschen Behörden, einfachen Bürgerinnen und Bürgern für den aufmerksamen und fürsorglichen Umgang mit den sowjetischen Gedenkstätten. Die Gedenkveranstaltungen, die in Deutschland anlässlich des Kriegsendes, der Befreiung Europas vom Nazismus ausgerichtet werden, unterstützen wir gern und stets.

Gleichzeitig wird Russland auch in der Zukunft eine prinzipientreue Reaktion auf jegliche Versuche zeigen, die historische Wahrheit zu verdrehen, die Bilanzen des Zweiten Weltkriegs, die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz und der Nürnberger Prozesse zu revidieren.

Das Kooperationsangebot der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg wurde von der russischen Museums- und Historikergemeinschaft ursprünglich enthusiastisch aufgenommen. Das Museum des Großen Vaterländischen Krieges, das Historische Museum am Roten Platz, das Zentrale Streitkräftemuseum zeigten sich bereit, einzigartige historische Dokumente und Ausstellungsstücke von großem historischen Wert, einschließlich persönlicher Gegenstände von ­Stalin, für die Sonderausstellung »Potsdamer Konferenz 1945 – die Neuordnung der Welt« im Schloss Cecilienhof zur Verfügung zu stellen.

Während der Vorbereitungsarbeiten stellten jedoch die beteiligten Spezialisten der russischen Museen fest – und das eigens dafür erstellte geschichtswissenschaftliche Gutachten kam zu ebensolchem Schluss –, dass die von der deutschen Seite verfassten Erläuterungen zu den Ausstellungsständen und Audioguide-Beiträge gravierende Ungereimtheiten aufweisen, historische Tatsachen verdrehen und unkorrekte Zusammenhänge herstellen, was unserem Land einen Reputationsschaden zufügen kann.

Man möchte ungern, dass die Besucherinnen und Besucher der Sonderausstellung einen falschen Eindruck von der Befreiungsmission der Roten Armee bekommen. Noch ungerechter wäre es, den entscheidenden Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über den Nazismus zu relativieren. Die deutschen Organisatoren lehnten die Bitten der russischen Kollegen ab, am Ausstellungskonzept Korrekturen vorzunehmen, wonach die russischen Museumsvertreter sich veranlasst sahen, von der Teilnahme am Projekt abzusehen. Denn sie haben zu Recht geurteilt, dass der Hinweis auf die Freiheit historischer Interpretationen nicht der Rechtfertigung von Geschichtsfälschungen dienen darf.

Wir sind fest davon überzeugt, dass die internationale geschichtswissenschaftliche Zusammenarbeit auf Fakten, Dokumenten und objektiver historischer Analyse basieren muss. Gerade in diesem Sinne wird sie über lange Jahre auf der Ebene der »Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngsten deutsch-russischen Geschichte« und weiterer zuständiger Behörden und Gremien praktiziert. Nur so kann diese Kooperation auch in der Zukunft dem konstruktiven Dialog, der Vertrauensbildung und Verständigung zwischen den Menschen in unseren Ländern dienen.

Sergej J. Netschajew ist Botschafter Russlands in Deutschland

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 2. August 2020 um 11:48 Uhr)
    Das Ganze ist noch viel schlimmer. Der Zweite Weltkrieg war der Abschluss einer leider erfolgreichen Revanchismuspolitik des Ersten Weltkriegs. Mit der NATO und dem Kalten Krieg wurde so getan (emphatisch!), als handelte es sich um altfeudale Gebietsgewinn- und Gebietsverlustkriege für Imperien. Der Systemwechsel in Russland kam dann nolens, volens einer Niederlage in einer zweiten Revanchismuspolitikwelle (Kohl, Strauß in der BRD) gleich, da er mit der »Rückgabe« und sogar weiteren Gebietsverlusten der Russen zugunsten des NATO-Neo-Empire verbunden war. In der Vollverratsversion durch das eigne Doppelputschmilitär ohne direkten ausländischen Gegner: einmalig – shocking! Die historische Kontinuität zum feudalen Kolonialmonarchiekrieg wird tatsächlich auch viel durch die Kirchen gewährleistet. Das Auftreten von Pussy Riot und Femen ist da ganz ganz erstaunlich spät! Der politische Geschichtsverlauf ist also »neokonservativ«, nicht die linken, fortschrittlichen strukturalistischen Philosophien wie die deutschen historischen Sozialphilosophen »urteilten«!

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