Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Ein guter Freund

Katar profiliert sich als Sportnation und will die Olympischen Spiele. Die Beziehungen nach Deutschland sind exzellent
Von Andreas Müller
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So schön kann’s auch bei Olympia sein: Bei der Leichtathletik-WM 2019 in Katar kollabiert der Este Magnus Kirt vor Hitze

Es war nur eine Frage der Zeit: Am Montag hat Katars Nationales Olympisches Komitee offiziell verkündet, dass sich das Emirat um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2032 bewerben will. Den Wunsch habe man dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell gemeldet. Im vergangenen Jahr wurden bereits die Leichtathletikweltmeisterschaften in dem arabischen Land ausgetragen – wir erinnern uns an die Bilder von vor Hitze kollabierenden Athleten. In zwei Jahren folgt die Fußballweltmeisterschaft. Das kleine Emirat mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern hat den Sport als große internationale Bühne für sich entdeckt. Es geht um »Soft Power«, internationales Ansehen und Ablenkung von innen- und außenpolitischen Schweinereien.

Die Fußball-WM war bislang Katar größter Coup. Wie es dem Land gelang, sie sich zu angeln, bleibt eine spannende Frage. Sie dürfte umso lauter gestellt werden, je näher das Championat rückt, das vom 21. November bis 18. Dezember 2022 ausgespielt wird. Der Direktor der hypermodernen nationalen Sportakademie in Doha, Andreas Bleicher, zeigte sich kurz nach dem Votum des Fußballweltverbandes FIFA am 2. Dezember 2010 vom Zuschlag nicht weiter überrascht. Es habe im Vorfeld »gewisse Signale gegeben, dass es klappen« würde. Woher dieser Optimismus?

Hartnäckig halten sich Gerüchte, der Zuschlag sei nicht zuletzt dank professioneller Lobbyarbeit »Made in Germany« erteilt worden. Folgt man dieser Hypothese, fügen sich in der Tat einige Puzzleteile zusammen. Es fällt sofort auf, dass, je näher die Wahl Anfang Dezember 2010 rückte, desto öfter hochrangige Besucher aus dem Emirat in Berlin ein und aus gingen. Im Gegenzug war die Kanzlerin Ende Mai 2010 bei einem offiziellen Besuch der Golfregion selbstverständlich mit großer Entourage auch in Katar gelandet. Sofort nach ihrer Rückkehr eilte sie zum DFB – offiziell, um den Nationalspielern in ihrem Camp in Südtirol viel Glück für die WM in Südafrika zu wünschen.

Vier Monate später reiste der Emir von Katar höchstpersönlich nach Berlin, um für den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen zu werben. Anschließend folgten noch im November Besuche von Scheich Mohammed bin Khalifa Al Thani, dem Chef des Bewerbungskomitees, der nicht nur mit der Bundeskanzlerin zusammentraf, sondern auch mit DFB-Vertretern. Ende November, kurz vor der Wahl der WM-Gastgeber am 2. Dezember in Zürich, traf der Scheich noch einmal mit Franz Beckenbauer zusammen, der damals Sitz und Stimme im FIFA-Exekutivkomitee hatte. Zudem wurden eine ganze Reihe Wirtschaftskonferenzen ausgerichtet, wie etwa im April 2010 im Berliner Hotel Adlon. Dort gab sich das »Deutsch-Arabische Wirtschaftsforum Ghorfa« die Ehre, Spitzengast war Angela Merkel. Der »Ghorfa«-Präsident hieß von 2006 bis 2013 übrigens Thomas Bach, der anschließend IOC-Präsident wurde und nun über die Olympiabewerbung des Emirats ziemlich erfreut ist.

Bei all diesen hochrangigen Zusammenkünften soll es nicht um Katars Prestigeprojekt gegangen sein? Die guten wirtschaftlichen Kontakte des arabischen Landes zur BRD sind verbrieft. Die Deutsche Bahn angelte sich bereits Ende 2009 einen Auftrag über satte 17 Milliarden Euro aus Katar. Fünf Jahre später lagen die katarischen Beteiligungen an deutschen Unternehmen laut Bundeswirtschaftsministerium seinerzeit bei rund 13 Milliarden Euro, allen voran mit 17 Prozent bei VW. Auch bei der Deutschen Bank hat das Land Einfluss. Über zwei Fonds hält man mittlerweile mindestens 6,1 Prozent der Anteile, gehört damit zu den fünf größten Investoren. Die genaue Beteiligung ist unbekannt.

Bei einer deutsch-katarischen Wirtschaftskonferenz 2018 kündigte Emir Tamim bin Hamad Al Thani höchstpersönlich an, sein Land wolle in den kommenden fünf Jahren zehn Milliarden Euro in Deutschland investieren. Auch vom enormen Investitionsprogramm des Emirats zur Vorbereitung der WM 2022 wollen deutsche Firmen profitieren. Zum Bau der acht WM-Stadien und zur Verbesserung der Infrastruktur im Land allgemein und der Metropole Doha im speziellen stehen etwa 200 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Katar in seinen sportlichen Vorhaben zu unterstützen kann sich auszahlen.

Eine durch Deutschland beförderte Bewerbung Katars als Kompensationsgeschäft? Die Voraussetzung ist gegeben. Als die Fußball-WM 2006 an Deutschland vergeben wurde, stammten entscheidende Stimmen vom asiatischen Verband AFC oder genauer: von dessen damaligem Chef Mohammed bin Hammam aus Katar. Dieser war von seinem Emir persönlich für die deutschen WM-Werber Franz Beckenbauer und Fedor Radmann in die Spur geschickt worden. »Der Emir ist ein guter Freund von uns, der uns auch geholfen hat. Er war ein wichtiger Begleiter. Ich weiß nicht, ob wir es ohne ihn geschafft hätten«, gestand Beckenbauer 2011 in einem TV-Interview. Kurzum: Bin Hammam sei von seinem Emir »angewiesen worden, für uns ein paar Stimmen zu holen«, so Beckenbauer offenherzig.

Sein Herzensverein FC Bayern München, dessen Ehrenpräsident er ist, bezog im Januar 2011 – also einen Monat nach der WM-Vergabe – erstmals in Katar ein Trainingscamp und kam seither alljährlich wieder. Auf den Ärmeln der Bayern-Trikots prangt mittlerweile gut sichtbar das Logo der staatlichen Fluglinie Katars.

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