Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Sa. / So., 8. / 9. August 2020, Nr. 184
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Kapitalismus, Protest-Abo! Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 15 / Feminismus
Undogmatisch Gendern

Undogmatische Lösungen

Geschlechtergerechte Sprache ohne Genderstern? – Journalistinnenbund gibt Ratschläge
Von Claudia Wangerin
imago0094969044h.jpg
Als Begriff hat es der Gender-Gap 2019 bereits in den Duden geschafft

Geschlechtergerechte Sprache ist ein Reizthema – das hat nicht erst die Twitter-Blamage des Berliner AfD-Verkehrspolitikers Gunnar Lindemann gezeigt, der kürzlich das Wort »Fahrspurende« für einen missglückten Versuch des »Genderns« von Fahrspuren hielt.

Auf den ersten Blick fällt der Totalverzicht auf das generische Maskulinum aber schwer, wenn die Alternativen den Lesefluss nicht stören sollen. Und wenn zum Beispiel durch einen Genderstern in »Christliche Fundamentalist*innen« suggeriert wird, Trans- und Intersexuelle würden in dieser Gruppe eine größere Rolle spielen als etwa Muslime in der AfD, wirkt das unfreiwillig komisch.

Mit der strikten Verwendung von Genderstern oder Gender-Gap auch für noch so männerlastige und männerdominierte Gruppen kann sich deshalb auch ein Teil der feministischen Autorinnen kaum anfreunden. Nicht nur, wenn sie für Printmedien arbeiten und Platz sparen müssen, sondern auch, weil die journalistische Beschreibung von Milieus, Parteien oder Berufsgruppen, die zum Teil nicht annähernd dem Ideal von Parität oder Diversität entsprechen, etwas anderes ist als die Anrede in einem politischen Aufruf, der Menschen aller Geschlechtsidentitäten erreichen soll.

Auch eine Stellenanzeige, die genau das anstreben soll, damit es irgendwann keine frauen- und männertypischen Berufe mehr gibt, ist etwas anderes als ein Bericht über einen Streik von Erzieherinnen, in dem getrost auch mal das generische Femininum verwendet werden kann, solange es Realität ist, dass in dieser Berufsgruppe und ihren Arbeitskämpfen weit überwiegend Frauen aktiv sind. Allerdings bietet sich auch der Oberbegriff »Kita-Beschäftigte« an.

Der Journalistinnenbund hat auf der Internetseite »genderleicht.de« eine Reihe von Tipps zusammengestellt, wie geschlechtergerechtes Formulieren auch ohne Genderstern und Gender-Gap gelingen kann. Ausgeschlossen werden diese Möglichkeiten dort aber nicht – statt dessen wird empfohlen, sich den Text laut vorzulesen, um zu testen, ob er sich durch Gendern holprig anhört, und sich nicht verbissen an Regeln dafür zu halten. Als Alternativen werden geschlechtsneutrale Oberbegriffe wie »Anwesende«, »Lehrkräfte« oder »medizinisches Personal« genannt. Statt »Herausgeber« oder »Herausgeber*innen« wird »herausgegeben von« empfohlen. Entscheidend kann aber auch die Zielgruppe sein: »Nutzen Sie das Gendersternchen oder den Gender-Gap, wenn es für die Menschen passt, die Sie mit Ihren Gedanken erreichen wollen. Oder wenn es zu Ihrem Medium passt.« Linke Kreise müssen sich hier einmal mehr die Frage stellen, wie breit ihre Zielgruppe sein soll – und welche Sprache das eine Milieu erreicht, ohne das andere abzuschrecken.

Neue Varianten, die Teile der linken Umweltbewegung ins Spiel gebracht haben, kommen beim Journalistinnenbund allerdings noch nicht vor. Bei den Aktiven (auch eine Möglichkeit!) von »Ende Gelände« ist zur Zeit der geschlechtsneutrale deutsch-italienische Plural »Aktivisti« beliebt. Szenelinke ließen sich dazu allerdings auch schon Schreibweisen wie »Aktivisti*s« einfallen.

Über ein ähnliches Missverständnis in Frauenverbänden klärt der Journalistinnenbund auf: »Das Wort ›Mitglied‹ ist sächlich und damit ein geschlechtsneutraler Oberbegriff. Warum also ein ›-in‹ anhängen?«

www.genderleicht.de

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Wolfgang Kroschel, Cottbus: Lesbar bleiben Daniela Dahn hat in einem ihrer Bücher geschrieben, die Gleichberechtigung sei von der praktischen Frage in die Grammatik gerutscht. Und da ist sie jetzt und entfacht eine, zumal in Deutschland, akade...

Mehr aus: Feminismus

Die inhaltliche Basis für Protest: konsequent linker Journalismus. Jetzt Protest-Abo bestellen!