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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 7 / Ausland
Kolumbien

Kubas Hilfe gefordert

Kolumbien: Bürgermeister von Medellín bittet zur Coronabekämpfung um Mediziner aus Havanna. Rechte schäumen vor Wut
Von Volker Hermsdorf
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Kolumbien: Martialisch gegen Corona, aber auch gegen kubanische Unterstützung (Bogotá, 14.7.2020)

Weil er in der Coronapandemie die Hilfe kubanischer Ärzte in Anspruch nehmen will, ist der Bürgermeister der zweitgrößten kolumbianischen Stadt Medellín, Daniel Quintero, zum Hassobjekt der militanten Rechten des Landes geworden. Am Sonntag hatten Medien des Landes einen bereits am 15. Juli verfassten Brief veröffentlicht, in dem der parteilose Quintero den kubanischen Botschafter in Bogotá um Unterstützung bei der Entsendung einer medizinischen Brigade nach Medellín gebeten hatte.

»Ich möchte die Regierung der Republik Kuba formell um ihre Hilfe und Solidarität in Form einer medizinischen Brigade für Medellín bitten, die 600 Intensivbetten versorgen kann«, heißt es in dem vom Onlineportal Las2orillas veröffentlichten Schreiben. Seine Stadt verfüge »nur über 118 Spezialisten für die Intensivstationen«, und das sei »eine unzureichende Zahl, um die Versorgung schwer Erkrankter zu gewährleisten«. Erfahrene Fachkräfte der Insel könnten die Betreuung von Patienten verbessern, erklärte der Politiker.

Vertreter des rechten Lagers schäumten vor Empörung. Die Anfrage Quinteros sei »unerhört«, protestierte Senatorin Maria Fernanda Cabal, die dem Demokratischen Zentrum des ultrarechten Expräsidenten Álvaro Uribe angehört. Nachdem auch dieser sich per Twitter in die Kontroverse eingeschaltet hatte, erklärte sein politischer Zögling Präsident Iván Duque in seiner eigenen Fernsehsendung »Prevención y Acción«, das Land sei vorbereitet, »die Pandemie mit eigenem medizinischen Personal anzunehmen«.

Kolumbien ist jedoch zu einem der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder auf dem Kontinent geworden. Laut Statistik der Johns-Hopkins-Universität wurden bis Mittwoch bereits über 9.000 am Covid-19-Virus Verstorbene und mehr als 267.000 Infektionsfälle registriert. Dabei meldete Reuters unter Berufung auf kolumbianische Ärzte, dass viele Krankheits- und Todesfälle gar nicht erfasst würden. Laut der Nachrichtenagentur arbeiten die medizinischen Einrichtungen in Kolumbien seit Anfang Juli am Rande ihrer Kapazitätsgrenze. Bogotás Bürgermeisterin Claudia López Hernández schlug Alarm, weil die Krankenhäuser ihrer Stadt bereits zu 91 Prozent ausgelastet seien. Zahlreiche Intensivpatienten aus der Küstenstadt Barranquilla werden mittlerweile in das 700 Kilometer entfernte Medellín verlegt.

Angesichts der dramatischen Situation hielt Bürgermeister Quintero seinen Kritikern entgegen: »Wir haben die Botschaft des Coronavirus nicht verstanden. Jenseits von Grenzen, ethnischer Zugehörigkeit und Ideologien erinnert das Virus uns daran, dass wir uns als Menschen alle gegenseitig brauchen. Das Leben muss über der Politik stehen«. Doch während die offizielle Politik des Landes sich auch inmitten der Coronakrise weiter dem Diktat Washingtons unterwirft, das alle Länder vor einer medizinischen Kooperation mit Kuba gewarnt und »nachteilige Reaktionen« für den Fall der Zuwiderhandlung angedroht hatte, erfährt Quinteros zunehmend auch Unterstützung.

Der Gouverneur des an der Karibikküste gelegenen Departamento del Magdalena, Carlos Caicedo Omar, bat den kubanischen Botschafter José Luis Ponce ebenfalls um »sowohl kurz- als auch langfristige Unterstützung für die Behandlung von Covid-19-Patienten sowie die Verbesserung der unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten in seiner Provinz«. Im Februar war Virna Johnson, die Bürgermeisterin der Provinzhauptstadt Santa Marta, für einen ähnlichen Vorstoß noch von dem ehemaligen Präsidenten und jetzigen Senator Uribe mit dem Vorwurf angegangen worden, Kooperationen im Gesundheitswesen nützten nur »Kuba mit seinem Schutz für den Terrorismus und Maduro, der solche Vereinbarungen für sein gescheitertes Modell nutzt«.

Mit dem erkennbaren Versagen der Regierung in der Coronakrise verlieren die wütenden Angriffe der Rechten jedoch an Wirkung. Jetzt sei nicht der Zeitpunkt »für Ideologen und Extremisten«, erklärte der Bürgermeister von Cali, Jorge Iván Ospina, am Montag im Radiosender Bluradio. Er unterstütze deshalb die Initiative von Quintero und Caicedo und befürworte deren Bitte um die Entsendung kubanischer Ärzte, um das Virus besser bekämpfen zu können.

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