Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Wirecard

Rasanter Aufstieg, tiefer Fall

Von unlauteren Machenschaften beim Finanzdienstleister Wirecard wusste die ganze Branche – und die Politik
Von Jörg Kronauer
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Der Minister, der nichts ahnte und alles wusste: Olaf Scholz am 29. Juli 2020 in Berlin vor dem Bundestagsfinanzausschuss zum Wirecard-Skandal

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser: Olaf Scholz hat den wahren Schuldigen im Skandal um Wirecard gefunden – die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY. Die hat, und damit hat der Finanzminister ja natürlich recht, jahrelang mutmaßlich grob gefälschte Bilanzen des Aschheimer Zahlungsdienstleisters umstandslos testiert. Da muss man nicht misstrauisch werden, wenn selbst die hartgesottene Finanzbranche die Nase zu rümpfen beginnt; da reicht es aus, wenn die Aufsichtsbehörde Bafin, nachdem die Financial Times brisante Details zu schweren Unregelmäßigkeiten bei Wirecard publiziert hat, erst einmal Anzeige gegen einen recherchierenden Journalisten erstattet und dann gemächlich einen einzigen Angestellten der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung den Fall durchleuchten lässt, obwohl Firmen vom Fach dafür aus gutem Grund gewöhnlich 40 hochspezialisierte Experten einsetzen würden: Alles bis auf EY habe seine Ordnung gehabt, erklärte Scholz am Mittwoch abend nach der Sondersitzung des Finanzausschusses des Bundestages. Dass man EY womöglich nicht vertrauen kann, das konnte der Minister der Finanzbranche nun wirklich nicht ahnen.

Wie Wirecard seinen rasanten Aufstieg in den Dax organisierte, wie die Behörden dem Konzern dabei durch Untätigkeit bei der Aufklärung von Betrug und durch aktive politische Unterstützung halfen, ist in den vergangenen Tagen ein wenig klarer geworden – nicht aufgrund irgendwelcher Aktivitäten der Bundesregierung, auch nicht durch den Finanzausschuss des Bundestages, der am Mittwoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, teilweise gar unter expliziter Geheimhaltung, tagte, sondern – wie so oft – dank der Recherchen von Journalisten. Das fängt bei der Frage an, wie Wirecard eigentlich seinen Umsatz machte. Die Firma zählte zum Beispiel Aldi zu ihren Kunden, einen umsatzstarken Konzern, sollte man meinen. Doch »mit Aldi verdienen Sie kein Geld«, ließ sich ein Wirecard-Manager zitieren: »Das ist ein Kunde fürs Schaufenster. Die Marge muss von anderen kommen.« Die Ursache: Bei seriösen Kunden können Zahlungsabwickler allenfalls zwei bis drei Prozent des Transaktionsvolumens als Gebühr kassieren, bei »Kunden fürs Schaufenster« womöglich sogar weniger. Mehr ist bei sogenannten Hochrisikokunden drin – üblicherweise Betreiber von Porno- und Glücksspielwebsites, deren Klientel beim Bezahlen öfter Spirenzchen macht. In der Branche heißt es, in diesem Milieu könnten Zahlungsabwickler Gebühren von zehn Prozent erheben.

Bekannt war immer, dass Wirecard in seinen Anfangsjahren dieses Geschäftsmodell nutzte. Der Anteil sei bis 2019 »unter zehn Prozent« des Gesamtumsatzes gesunken, behauptete zuletzt noch Konzernchef Markus Braun. Die Zweifel daran nehmen allerdings zu. Im ersten Quartal 2017, berichtet das Wall Street Journal, hätten die Durchschnittsgebühren bei einem der wichtigsten Geschäftspartner des Unternehmens bei gut sieben Prozent der Transaktionen gelegen; man darf sich ausmalen, wieso. Das Handelsblatt zitierte Arik Shtilman, den Chef des britischen Zahlungsdienstleisters Rapyd, mit der Aussage, sein Unternehmen erhalte inzwischen zahlreiche Anfragen bisheriger Wirecard-Kunden: »40 bis 50 Prozent dieser Anfragen lehnen wir ab, weil es um Hochrisikokunden geht.« Im Jahr 2008 kassierte Mastercard von Wirecard eine Strafzahlung von elf Millionen US-Dollar, weil die Aschheimer Firma mit Hilfe illegaler Umcodierung Hochrisikokunden als seriös erscheinen ließ. 2009 folgte dem Wall Street Journal zufolge Visa mit einer zwölf Millionen US-Dollar schweren Strafforderung an Wirecard, diesmal wegen exzessiver »Chargebacks«. Das sind Rücküberweisungen, die fällig werden, wenn Kunden eine Ware zurückgeben; Chargebacks von bis zu einem Prozent der Transaktionen gelten in der Branche als nachvollziehbar. Bei den Wirecard-Kunden waren es damals aber oft zwei bis 15 Prozent oder sogar noch mehr. Das gilt allgemein als klassischer Hinweis darauf, dass jemand künstlich eine riesige Zahl unübersichtlicher Hin-und-her-Überweisungen tätigt, um in der Masse illegale Zahlungen welcher Art auch immer zu verbergen – Geldwäsche etwa.

Und ließ sich mit Tricks und mit dubiosen Machenschaften nicht der gewünschte Umsatz erzielen, dann täuschte Wirecard ihn eben einfach vor. Im Oktober 2017 etwa gab das Unternehmen an, man habe 203.000 Kunden; laut internen Unterlagen, die die Financial Times einsehen konnte, waren es gerade einmal 107.000. Zumindest im Asiengeschäft generierte Wirecard dann auch Umsatz durch simples Vortäuschen völlig frei erfundener Guthaben – die zuletzt rund 1,9 Milliarden Euro, deren Nichtexistenz unlängst aufflog und die den Skandal um den Dax-Konzern ins Rollen gebracht haben.

Und die Bundesregierung? Staatssekretär Jörg Kukies hielt seinen Minister Scholz in Sachen Wirecard seit Anfang 2019 auf dem Laufenden. Das Kanzleramt wurde im August 2019 – kurz vor der China-Reise der Bundeskanzlerin (vgl. Text unten) – vom Finanzministerium über den Konzern informiert, auch über die Vorwürfe gegen ihn. Niemand unternahm etwas, auch nicht die Bafin, die jetzt auch noch eingestehen musste, dass sie zusätzliche Informationen von der Bankenaufsicht und der Strafverfolgungsbehörde in Singapur erhalten hatte, die beide seit Anfang 2019 akribisch gegen Wirecard ermittelten. Genutzt hat die Bafin die Informationen nicht. Ganz im Gegenteil: Bafin-Chef Felix Hufeld behauptete am 1. Juli vor dem Finanzausschuss des Bundestags, man warte »bis heute auf eine Antwort« aus Singapur. Dass das gelogen war, hat die Finanzaufsichtsbehörde inzwischen bestätigt.

Hintergrund: Türöffner ins Kanzleramt

Wie ist ausgerechnet Klaus-Dieter Fritsche dazu gekommen, sich für Wirecard als Türöffner im Berliner Kanzleramt zu betätigen? Am 13. August 2019 hatte der Mann, ehedem Vizepräsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, dann von 2005 bis 2009 als Koordinator, von 2014 bis 2018 als Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes im Kanzleramt tätig, in Berlin einen Gesprächstermin für die Aschheimer Firma erbeten und ihn am 11. September gemeinsam mit zwei Managern wahrgenommen. »Ein Freund« habe ihn darum gebeten, hat Fritsche gegenüber dem Spiegel erklärt. Man wüsste gern mehr.

Bevor der erfahrene Geheimdienstexperte Fritsche um die Kontaktanbahnung gebeten wurde, war er Anfang 2019 in Österreichs Innenministerium unter dem FPÖ-Minister Herbert Kickl engagiert worden, um den Umbau des österreichischen Verfassungsschutzes nach Kickls Vorstellungen voranzutreiben. Gewisse Beziehungen zu Österreichs Verfassungsschutz wiederum unterhielt nach Berichten österreichischer Medien Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek; Beobachter sind überzeugt, er verberge sich hinter dem »Jan«, der über einen Mittelsmann Informationen aus dem Geheimdienst an den FPÖler Johann Gudenus, Intimus des damaligen Parteichefs Heinz-Christian Strache, weitergab. Marsalek scheint auch im Kickl-Ministerium vernetzt gewesen zu sein; jedenfalls hatte er in ihm nicht nur mindestens einen Informanten, er präsentierte dort im Sommer 2018 ein Projekt – zum Themenfeld »Bekämpfung illegaler Einwanderung«.

Hatte Fritsche in Wien direkt oder indirekt Kontakt zu Marsalek? Ist etwas dran an den Spekulationen, der österreichische, vielleicht auch andere Geheimdienste hätten Interesse an Informationen zu den teilweise wohl – vorsichtig formuliert – dubiosen Geldströmen gehabt, die »Hochrisikokunden« mit Hilfe von Wirecard transferierten? Wenn ja – welche Rolle spielte Marsalek? (jk)

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (31. Juli 2020 um 17:25 Uhr)
    Der Herr ist nicht der Chefkoch eines Restaurants. Ihn als Chef zu bezeichnen, entspricht nicht den Tatsachen, vor allem nicht den Kompetenzen. Sehr gut:

    »Niemand unternahm etwas, auch nicht die Bafin, die jetzt auch noch eingestehen musste, dass sie zusätzliche Informationen von der Bankenaufsicht und der Strafverfolgungsbehörde in Singapur erhalten hatte, die beide seit Anfang 2019 akribisch gegen Wirecard ermittelten. Genutzt hat die Bafin die Informationen nicht. Ganz im Gegenteil: Bafin-Chef Felix Hufeld behauptete am 1. Juli vor dem Finanzausschuss des Bundestags, man warte ›bis heute auf eine Antwort‹ aus Singapur. Dass das gelogen war, hat die Finanzaufsichtsbehörde inzwischen bestätigt.«

    Schon ernüchternd, dass dieser Chef gegenüber dem Ausschuss des Bundestages lügt. Oder er hat sich geirrt. Oder er ist nicht zeitnah informiert worden etc.

    Zeitnah. Eine dehnbare Haltung, die sich bis zum Anfang des Jahres 2019 erstrecken kann. Morgen ist der erste August 2020. Diese Aussagen sind schon verwirrend. Denn Herr Hufeld hat gelogen. Ein Mann mit dieser Funktion sollte integer sein, oder? Oder steckte er in einer Zwangslage – man weiß ja nie ...

    Ich hoffe, dass es seiner Familie und ihm gut geht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Conrad Fink, Freiberg a. N.: Spitze des Eisbergs Wie bekannt, ermittelt die Staatsanwaltschaft im Falle Wirecard wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, Untreue und Marktmanipulation. Es geht um mutmaßlich ergaunerte Summen von weit über drei Milliarden...

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