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Aus: Ausgabe vom 31.07.2020, Seite 2 / Inland
Studierendenprotest

»Wir kämpfen für emanzipatorisches Lehramtsstudium«

Besetzung an der Leipziger Universität. Protest gegen Stellenstreichungen und unkritische Lehre. Ein Gespräch mit Christian O.
Interview: Milan Nowak
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In einem Hörsaal der Universität Leipzig (15.10.2014)

Seit Mittwoch nachmittag besetzen Sie und andere das Rektoratsgebäude der Universität Leipzig. Was fordern Sie?

Wir sind eine studentische Protestgruppe namens »Keine Lehre ohne Zukunft«. Wir wehren uns gemeinsam mit Beschäftigten des Fachbereichs Erziehungswissenschaften gegen Stellenkürzungen und den Ausbau reiner Lehrstellen im Lehramtsstudium. Angehende Lehrer brauchen eine forschungsbezogene Lehre! Wir protestieren seit Wochen, unter anderem mit einer Kundgebung vor dem Sächsischen Landtag in Dresden und Fahrraddemonstrationen in Leipzig. Doch das Universitätsrektorat ignorierte uns bisher. Nun haben wir es besetzt.

Die Leitung der Universität will die Stellen der »Lehrkräfte für besondere Aufgaben« entfristen und deren Lehrdeputat von 16 auf 20 Wochenstunden erhöhen. Warum wird dagegen pro­testiert – ist das kein guter Deal?

Nein, ist es nicht! Denn gleichzeitig werden 15 Stellen gekürzt und die Dozenten zum Jahresende in die Arbeitslosigkeit entlassen. Es ist zwar gut, dass einige Lehrkräfte Beschäftigungssicherheit erhalten. Doch diese Art von Sicherheit hat einen hohen Preis: Sie haben keine Arbeitszeit für eigene Forschung – ja, nicht einmal genug Zeit, um ihre Seminarmaterialien kritisch zu reflektieren und miteinander zu bereden. Das ist schlecht, auch für Lehramtsstudenten, die mit solch einer Lehre abgefertigt werden.

Unter den aktuellen Besetzern sind nur Studenten, schreibt das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer. Warum kämpfen Studierende für bessere Lehr- und Forschungsbedingungen der Dozenten?

Viele Lehrkräfte solidarisieren sich mit uns, auch wenn sie bisher selber nicht an der Besetzung teilnehmen. Wir haben das gemeinsame Interesse, eine Lehramtsausbildung an der Universität zu haben, die wissenschaftlichen Standards entspricht. Es braucht eigenständige Erkenntnisgewinne und kritische Debatten – statt Auswendiglernen und kleinschrittiger Lernkontrollen. Wir akzeptieren keine Lehre, welche nicht selbst am wissenschaftlichen Diskurs teilnimmt!

Warum ist es für Lehramtsstudenten wichtig, im Studium wissenschaftlich zu arbeiten? Reichen für den Lehrerberuf nicht die »Basics« aus?

Wissenschaft soll Menschen emanzipieren. Lehramtsstudenten erziehen im späteren Berufsleben die kommenden Generationen und vermitteln ihnen Werte. Gerade sie müssen kritisches Denken, die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und ihren Problemen erlernen.

Gestern hieß es bei Facebook, Thomas Hofsäss vom Universitätsrektorat fordere den Abzug aus dem Gebäude, um Infektionen mit dem Coronavirus zu verhindern. Was ist davon zu halten? Und wie schützen sich die Besetzer vor einer Ansteckung?

Hofsäss meinte auch, er sorge sich, dass ein Feuer ausbrechen oder jemand stolpern könne. Das ist ein Ablenkungs- und Einschüchterungsmanöver. Wir hatten schon im Vorfeld Hygienemaßnahmen vorbereitet und haben weitere ergriffen – zum Beispiel, dass maximal zehn Personen im Raum sind. Wir lüften ständig und verwenden Desinfektionsmittel. Aber wir lassen uns nicht umstimmen. Wir kämpfen für ein emanzipatorisches Lehramtsstudium, denn gerade jetzt brauchen wir kritische Wissenschaften, die Probleme wie diese Pandemie lösen können.

Was ist weiter geplant?

Am Donnerstag haben wir vor dem Gebäude eine Kundgebung veranstaltet. Dort kamen jene zu Wort, die von den Stellenstreichungen betroffen sind. Wir basteln Transparente und dergleichen – und schauen, was uns spontan noch einfällt. Heute abend haben wir ein weiteres Plenum, um unsere Eindrücke sowie das weitere Vorgehen und unsere Forderungen zu besprechen.

Wie kann man Sie unterstützen?

Menschen in Leipzig können vorbeikommen, mit uns diskutieren und sich solidarisieren. Wir freuen uns auch über Essen, Getränke und Bastelmaterial. Lasst uns zusammen für eine gute Lehrerbildung kämpfen! Menschen außerhalb von Leipzig können uns über die Medien unterstützen. Jeder Zeitungsartikel und jede Stellungnahme erhöht den Druck auf die Universitätsleitung.

Christian O. studiert an der Universität Leipzig und ist aktiv im Protestbündnis »Keine Lehre ohne Zukunft«

Wann, wenn nicht jetzt?

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