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Aus: Ausgabe vom 30.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Arme Sünder

Die Schiene in Zeiten der Corona

Keine Liebe, nirgends: Bahn fahren heißt Abstand halten. Vor allem sozial
Von Maximilian Schäffer
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Wenn’s mal wieder länger dauert: Hände desinfizieren und Malbuch zücken

Die Deutsche Bahn AG bot mir unlängst ein kostengünstiges Upgrade in die erste Klasse an. Für 9,90 Euro sei dann alles viel besser: mehr Ruhe, mehr Service, mehr Ledersitze, Zeit und Muße zum Lesen und Onanieren. Im Regionalexpress von Regensburg nach Nürnberg saß ich alleine in breiteren Sitzen, irgendwann, eine halbe Stunde vor Fahrtende setzte sich ein weiterer Mann ins Abteil. Zwei Minuten vor Ankunft jagte der Schaffner den armen Sünder, der wiederum noch schlechter deutsch sprach als der garstige Kontrolleursgehilfe, mit den Worten »Sie haben hier nichts verloren!« noch rechtzeitig vor Zieleinfahrt in den Stehbereich der unteren Bezahlkategorie.

Im ICE von München nach Berlin dröhnte der Elektromotor des Schnellzugs, ich wartete auf Bedienung, war allerdings, nach einer Stunde verstrichener Fahrzeit, lediglich erneut kontrolliert worden. Nicht nur das Upgrade wollte man diesmal von mir sehen, auch noch die Originalfahrkarte. Nach zwei Stunden bekam ich Durst, schleppte den Rucksack mit den Wertsachen an mir ins Bordbistro und erbat einen kleinen Kaffee und ein alkoholfreies Weißbier. Ob man mir das nun in die erste Klasse bringen würde, traute ich mich zu fragen. Der dicke Schaffner, ein feister Sachsenzwerg, Richard Wagner im kretinösen Gesamtbild nicht unähnlich, griente mich recht saudumm an: »Näh! Service gibt’s heute nicht mehr.« Der Grund war »Corona«, und ich könnte mein Zeug doch aber selber mit an den Sitz schleppen und gleich vor Ort kontaktlos und mit Personenregistrierung wegen »Corona« bezahlen. Wieso man kontrollieren, aber nicht servieren könne, traute ich mich nicht zu fragen, ich wollte ihm die gute Laune nicht verderben.

Dass der ICE von München nach Berlin existiert, kann ich soweit bezeugen, dass hingegen der ICE von Berlin nach Interlaken jemals existierte, bezweifle ich grundsätzlich. Weder hin noch zurück fuhr der Zug die versprochene Strecke, blieb jeweils in Basel liegen. Beim ersten Mal fiel er erst einmal komplett aus, weswegen mir fast drei Stunden Wartezeit zugemutet wurden. Wegen »Corona« sollte man dauernd, im Bahnhof, im Zug und in der Toilette Maske tragen und Abstand halten. Im Reisezentrum standen dennoch gut 150 Personen dicht gedrängt, Arsch an Arsch, Nase an Nase; alle prusteten sie passiv-aggressiv vor sich hin. Die gute Frau am Schalter wusste ich durch eine höfliche Frage nach einem kostenlosen Upgrade in die Königsklasse als Entschädigung aus der Fassung zu bringen. »Ich kann Ihnen ja ’n Malbuch geben!«, blökte mir die dummdreiste Westberliner Dirne entgegen, sie erwischte mich an einem besseren Tag als der Sachsenzwerg und durfte sich anhören wie unverschämt, unfähig und vollends asozial ich ihren »Drecksverein von Scheißunternehmen« finde. In Bewusstsein ihrer schlecht bezahlten Tätigkeit nahm ich davon Abstand, sie persönlich zu beleidigen, was dann aber ihr Kollege für sie im Namen der Deutsche Bahn AG mir gegenüber unternahm: »Du bist dreist und asozial, du Vogel! Und jetzt verpiss dich!« Aufgrund von »Corona« stand ein Händedesinfektionsautomat im Raum, den ich nicht übel Lust hatte, mit voller Wucht auf den Boden zu treten.

In Regensburg, einer der reichsten Städte Deutschlands, lernte ich beim nächtlichen Volltrunk drei Azubis der Zahntechnik aus dem näheren Umland kennen. Der erste war ein rotbrüchiger Franz Josef Strauß Jr., dessen soziale Kompetenz mit dem Herstellen von Mundprothesen anscheinend einwandfrei bedient war. Der zweite, besonders vulgär und aggressiv, saß in der Ausbildung die Wartesemester zum Zahnarztstudium ab. Der dritte, zart und hager, war freundlich und traurig, hasste seinen Job und war seit ein paar Monaten, so hatte man ihm gesagt, offiziell depressiv. Das Geld sei bei den Zahntechnikern gar nicht schlecht, meinten alle drei übereinstimmend. Man würde auch ohne größere Anstrengungen nach dem Abschluss übernommen, dann könne man sich endlich ein Auto kaufen, damit man nicht mehr mit der Bahn fahren muss.

Einen nagelneuen elektronischen Renault Zoe konnte man kürzlich, aufgrund der ganzen staatlichen Förderungen, inklusive Service und Versicherung, für nur 29 Euro im Monat leasen.

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