Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 29.07.2020, Seite 16 / Sport

Ode an die Klammer

Von André Dahlmeyer
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Im Wintersport haben sich die Gauchos nie positionieren können: Straßenszene aus Rio Gallegos

Einen wunderschönen guten Morgen! In Argentinien sind immer noch alle Ortschaften des Landes isoliert und deren Ein- und Ausfallstraßen mit riesigen Erdwällen zugeschüttet. Unterdessen häufen sich allerdings – mittlerweile im fünften Cuarentena-Monat – die Todespartys im ganzen Land. Die Leute haben salopp gesagt die Schnauze voll. Darunter Zombies, die noch nicht wissen, dass sie Zombies sind (oder waren), aber wen juckt’s, die Zombies offensichtlich nicht.

Bereits das ganze Jahr ohne Arbeit, die zahlreichen Blagen auch noch zu Hause mit am Start, und dem nicht genug, hat die Regierung frühzeitig per präsidialem Dekret verordnet, dass Dienstleistungen wie Strom, Wasser, Internet und Kabelfernsehen (Gas- und Abwasseranschluss haben nur die Reichen) für den Zeitraum von zunächst drei Monaten (mittlerweile sechs) gestundet werden müssen (ohne Saft ­abdrehen). Das heißt, Hinz und Kunz ziehen sich pausenlos Horrornachrichten rein, und die Medien frohlocken, denn denen hatte schon lange niemand mehr im Silberland über den Weg getraut (das Medienkonglomerat »Grupo Clarín« lenkt das ganze Land). Nun sind sie die Herrscher über Brot und Spiele, Leben und Tod. So wie die Situation in Argentinien ist, wundert man sich nur wirklich darüber, dass wir noch nicht zum Schwarzweißfernsehen zurückgekehrt sind.

Argentinien ist eines der zwei, drei Länder weltweit, in denen Fußball noch als soziale Errungenschaft gilt. Aktuell findet er (oder sie) nicht statt. Im Wintersport haben sich die Gauchos nie positionieren können, obwohl die Andenkordillere zu den wenigen Gegenden auf der Welt zählt, wo die Bedingungen dafür mehr als exzellent sind. Aber er (oder sie) wird einfach nicht gefördert (wovon auch). Die ­wenigen Wintersportler, die es gibt, sind Kinder aus der Oberschicht. Aber mal so richtig aus der Oberschicht. Das Oligarchie zu nennen ist gar nicht übertrieben.

Argentiniens Westen ist aktuell ex­trem zugeschneit. Dreißig Grad minus, und die Räumfahrzeuge schütten drei Meter hohe Berge an den Seiten der Ruta auf. Fragt man sich, wozu? Damit deutsche oder schweizerische oder österreichische Rentner und -innen vorbeistolzieren und ein Hohelied auf das Nichts anstimmen? Können die ja gar nicht. Kein Flug geht hier nach wie vor rein oder raus. »Atrapado sin salida«, gefangen ohne Ausweg: Das ist die Castellano-Übersetzung von »Einer flog übers Kuckucksnest«. Als ich noch auf Feuerland lebte, war das unser Lemma, unser Motto, und wir hatten es weiß Gott nicht selbst gewählt. Feuerland hatte die höchste Selbstmordrate ganz Argentiniens, weil es fast unmöglich war, mal einen Abstecher von der Insel zu machen. Es sei denn, man war reich, und selbst dann war es nicht selbstverständlich. Die Insel wurde einfach nicht angeflogen, außer in den zwei, drei Monaten Sommertourismus, aber da waren die komischen Vögel verstopft von Europäern mit Bakschisch.

Reisen ist in Argentinien derzeit nur per Passierschein möglich, aber gut, dafür wird natürlich eine Menge Schmiergeld gezahlt, und es sind dann in der Regel auch die Camioneros, die Lastkraftwagenfahrer, die das Virus von Süden nach Norden und von Osten nach Westen befördern. Das Virus macht nämlich keinen Stabhochsprung, es weiß davon gar nichts. Es ist ein Virus und als solches blöd. Aber wehe dem, der ihm Zucker gibt. Dann wird es zum Laboraffen. Was einen (und eine) tröstet, ist das Axiom, das alles irgendwann zurückschlägt. (So soll es sein. So wird es sein.)

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