Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Gegründet 1947 Dienstag, 4. August 2020, Nr. 180
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti« Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Aus: Ausgabe vom 29.07.2020, Seite 12 / Thema
Die Musik des Volkes

Kompositionen des Widerstands

Eines Unbeugsamen Leben für die Musik, für Freiheit und Frieden. Am heutigen Mittwoch begeht der griechische Tonsetzer Mikis Theodorakis seinen 95. Geburtstag
Von Gerhard Folkerts
Mikis 2.jpg
Mikis Theodorakis, geboren am 29. Juli 1925 auf der griechischen Insel Chios (Ort und Datum der Aufnahme unbekannt)

Mikis Theodorakis, verehrt und geliebt von Menschen auf der ganzen Welt, wird am heutigen 29. Juli 95 Jahre alt. Er ist eine Jahrhundertpersönlichkeit, die ihre künstlerische und politische Überzeugung bis heute bewahrt hat – als Komponist, Dirigent, Sänger, Dichter, ehemaliger Staatsminister und Widerstandskämpfer. Seine künstlerische Meisterschaft ist von seinem konkreten politischen Handeln in der jeweiligen historischen Situation nicht zu trennen. Aus seinen Kompositionen strahlen seine Überzeugungen und Kenntnisse auf uns zurück, bewegen und ergreifen uns. Theodorakis bildet mit seiner unbeugsamen Haltung Orientierung in den Stürmen der Geschichte und ist ein Kompass für politisch Schiffbrüchige.

Wo gibt es einen Komponisten der bereits durch zwei erklingende Akkorde erkannt wird? Dies gelingt Theodorakis mit seiner »Alexis Zorbas«-Musik. Mit dem Tanz des Zorbas greift er auf den Schatz griechischer Volksmusik zurück. Wie Antäus bleibt er der Erde und somit den Menschen verbunden. Er kennt die griechische Volksmusik mit ihren Tänzen und Liedern, die byzantinische Musik, den Rembetiko der griechischen Flüchtlinge, die Kompositionstechniken europäisch klassischer Musik, die Widerstandslieder der Andarten aus den Befreiungskriegen gegen die Türken. Hier liegen die Quellen seines imposanten Werks, das 1.000 Lieder, weltliche Oratorien wie den »Canto General« und »Axion Esti«, fünf Sinfonien, Kammer-, Ballett- und Filmmusik umfasst.

Der Dialog mit den Menschen seines Landes und seiner Epoche erwächst ihm aus einer besonderen Verantwortung, die darin besteht, »die Volkskunsttradition und jene Tradition, die den jeweiligen Kunstfortschritt der jeweiligen Epoche repräsentiert, miteinander zu verschmelzen, ohne aber die technischen Errungenschaften der zeitgenössischen Kunst zu verraten. Der Mensch muss sich im Kunstwerk erkennen können. Ich lehne die Haltung jener Komponisten ab, die aus demagogischen Gründen Werke komponieren, um von Fachleuten beklatscht zu werden. Der Kern des Problems liegt darin, ob man als Künstler in der Lage ist, die elementaren Konflikte und Widersprüche der Gesellschaft zu erfassen und zu verarbeiten.«¹

Im Zeitalter der Extreme

Theodorakis erlebt die Folgen der griechischen Flüchtlingsströme aus der Türkei, den II. Weltkrieg mit den Besatzungen durch Italiener, Deutsche und Engländer, den griechischen Bürgerkrieg von 1945 bis 1949 und die Militärdiktatur 1967. Er, der sich widersetzt, wird verfolgt, in Konzentrationslager und Gefängnisse gesperrt. Er organisiert den Widerstand gegen die Militärdiktatur 1967 und kann ins französische Exil flüchten. Er komponiert, wo es möglich ist. Seine Werke erlangen historische Bedeutung: Bereits 1939 wird sein »Lied vom Kapitän Zacharias« zum Widerstandslied der Marine. Dreißig Jahre später werden Stücke aus seinem Liederzyklus »Romiosini« zu geheimen Widerstandsliedern gegen die Obristen. Nach dem vom Militär blutig niedergeschlagenen Aufstand der Studenten des Polytechnikums in Athen gegen die Diktatur widmet Theodorakis den Studenten 1973 eine Hymne. 1982 komponiert er die Hymne der PLO. 1957 zeichnet eine mit Hanns Eisler, Darius Milhaud und Dmitri Schostakowitsch besetzte Jury in Moskau Theodorakis als einen der begabtesten Komponisten der jungen Generation mit der Goldmedaille aus. Ein Jahr später erhält er aus London einen Auftrag zur Komposition der Ballettmusik zu »Antigone«, die dann 1958 in Covent Garden uraufgeführt wird.

Wo gibt es ein Land, in dem die Vertonungen der Werke von Literaturnobelpreisträgern nicht nur in Konzertsälen, sondern in Tavernen und auf Straßen, auf politischen Veranstaltungen und in Konzerten gesungen werden? Und dies auch von Menschen, die nicht das Glück hatten, Schulbildung zu erlangen, ja nicht wissen, wer die Autoren der gesungenen Texte sind. Dies gelingt dem 1925 auf Chios geborenen Komponisten Mikis Theodorakis. Seine Kompositionen sind eng mit dem Schicksal der Menschen seines Landes verbunden. Den Streik der 500.000 Tabakarbeiter von Thessaloniki verarbeitete er im Liederzyklus »Epitaphios« und die Folgen des Bürgerkriegs in der »Die Ballade vom toten Bruder 1962« oder 1974 in »Canto General« dem Befreiungskampf der Völker Südamerikas.

Mikis Theodorakis’ politisches und künstlerisches Ziel ist es, die »Wunde Makronisos« zu schließen, die Spaltung und Zerrissenheit Griechenlands zu überwinden, die Einheit des Volkes herzustellen. Stets mischt er sich mit seinen Kompositionen als handelnder politischer Staatsbürger in die Geschehnisse seines Landes ein und sorgt so dafür, dass Politik nicht auf Staatstätigkeit zusammenschrumpft. Damit zeigt er, was die Widerstandskraft des einzelnen bewirken kann. Und er gibt unterdrückten Menschen eine Stimme, die sich durch ihn in der Sprache der Musik wiederfinden. Theodorakis demonstriert, wo die Kunst in geschichtlichen Prozessen verantwortungsvoll stehen kann. Bis heute zeigt er sich als Kämpfer gegen die totalitären Züge unseres Zeitalters und reißt globalen Netzwerken und Medien ihren politische und kulturelle Gewalt verbergenden Schleier herunter. Mit seiner Musik erreicht er auch die Menschen, die sonst nur Unterhaltungsmusik hören. Nicht nur seine Lieder, auch seine Opern und Sinfonien gehen alle an.

Mikis Theodorakis ist ein bedeutender Melodiker unserer Zeit. Seine Melodien besitzen reiche Verzierungen und Floskeln mit unerwarteten Zwischentöne, den Minimalintervallen. Sie sind kleiner als Halbtöne und lassen sich in unserem Notensystem nicht genau fixieren. Hieraus ergibt sich die für unser Ohr orientalisch anmutende Klangfärbung griechischer Musik. Theodorakis schafft mit dem Künstlerischen Volkslied eine neue Gattung der Musik. Seine Kompositionstechnik erreicht in seinen Liedern, dass die Hochliteratur unmittelbar Herz und Kopf der Hörer berührt. Anschluss an die griechische Musikkultur erlangt Theodorakis dort, wo ihre Unterdrückung begann. Daher die Anknüpfung an das Melodische, um jene Isolation, die einem Komponisten wie Nikos Skalkottas in Griechenland widerfuhr, zu verhindern. Theodorakis schafft dies durch die Verbindung europäisch-mittelalterlicher, arabischer und neuzeitlicher Tonsysteme. Er erweckt in seinen Kompositionen neues musikalisches Leben, indem er in der Verbindung unterschiedlicher Musikkulturen ihre gemeinsamen Wurzeln hervorhebt und damit das Trennende zurückweist. Hörbar werden diese für uns ungewohnten Klangbilder, die Dromoi oder Makam im »Choros Asikikos für Cello-Solo« und in den Liederzyklen »Asikiko Poulaki« und »Dionysos«. Neu ist auch Theodorakis’ Instrumentierung in der er sowohl Volksinstrumente wie Bouzouki, Sanduri, Gitarren, Mandolinen, Klarinetten aus Epiros, verschiedenste Schlagwerke wie auch Instrumente klassischer Musik einsetzt. Ziel seines Komponierens ist es, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen eigener Intuition und kompositorischer Konstruktion, zwischen apollinisch-verstandesmäßigem und dionysisch-gefühlsmäßigem Prinzip. Wer Konzerte mit Werken von Theodorakis besucht, findet Menschen aller Generationen, Klassen und Bildungsschichten, Menschen die ihre Sehnsüchte und ihre Klagen »über die quälenden Wunden der Welt« in seiner Musik wiederfinden. Mikis Theodorakis hat nach mehr als 400 Jahren osmanischer Fremdherrschaft den Griechen eine eigene Klangwelt und damit musikalische Identität zurückgegeben.

Quälender Klang

Theodorakis studierte während des griechischen Bürgerkrieges am Athener Konservatorium bei Filoktitis Ikonomidis und von 1954 bis 1959 in Paris bei Olivier Messiaen. Während des Bürgerkrieges komponierte er das Sextett für Querflöte, Klavier und Streichquartett, das Trio für Violine, Cello und Klavier und die 11 Preludien für Klavier. Als ich nach meinem ersten Klavierabend in Athen Theodorakis fragte, weshalb er nicht 12 Präludien wie Bach, Chopin oder Schostakowitsch komponiert habe, sagte er mir, dies sei einfach zu beantworten, denn »nach dem elften wurde ich, als Mitglied der EAM, der nationalen Befreiungsbewegung Griechenlands, verhaftet und kam in das Todeslager Makronisos. Auf Makronisos duftete es nach Meer. Aus den Lautsprechern klangen die städtischen Volkslieder. Die Bouzouki ging wie ein Riss durchs Herz. Ich entdeckte ein neues Griechenland.«² Hier im Todeslager entstanden die Skizzen seiner 1. Sinfonie, die sämtlich verloren gingen. Später schrieb Theodorakis aus dem Gedächtnis die Noten auf. Er widmete die 1. Sinfonie seinen Jugendfreunden Vassilis Zannos und Makis Karlis, »den lebenden Toten« wie Theodorakis sie nennt. 1952 wird diese Sinfonie unter Theodorakis’ Leitung uraufgeführt. »Als 1940 die italienische Besatzung begann, wurde in den Tiefen der griechischen Gesellschaft ein neues Geräusch geboren und verschmolz sofort mit dem Geräusch der Waffen, Bombardements, Klagen, dem metallischen Klang in den befehlenden Stimmen der Eroberer, bald auch mit den ersten Schreien und Liedern der demonstrierenden Massen. Ich stand im Zentrum des ›Klangs‹ und suchte ihn dort, wo die Intensität am größten war. Diese ›Klänge‹ waren gigantisch und unfassbar, weil in ihnen die Todesahnung mitschwang. Sie waren aber dennoch so ›lebendig‹ gegenwärtig, dass der Eindruck entstand, das Bewusstsein könnte schnell stärker als der Tod werden. Der Klang als Ausdruck des Lebens in seinen existentiellen Augenblicken führte über den Tod hinaus. Der quälende Klang, der dich umbringt, ohne dich zu töten, ist der Klang der Folterungen. Makronisos ist für mich der Klang der Massenfolterungen. Es ist sicher kein Zufall, dass ich von diesen Erinnyen erst loskam, als ich 1959 zur Volksmusik fand und den ›Epitaphios‹ schrieb.«³

In Gefängnissen und Verbannungslagern hörte Theodorakis von der Schönheit laizistischer und volkstümlicher Musik, hörte ihre Lieder, Tänze, lernte die Baglama, die kleine Bouzouki kennen, das Instrument, das so leicht in die Verbannungsorte geschmuggelt werden konnte. Hier lernte er das laizistische Lied, dessen Schöpfer namentlich bekannt ist, das Lied der Rembeten, der Flüchtlinge aus der Türkei, kennen und die Vielfalt der demotischen Lieder, deren Autoren unbekannt blieben, ähnlich wie in unseren Kunst- und Volksliedern. »Meine Volksmusik, die zwischen 1959 und 1967 entstand, war aufs engste verbunden mit dem Volk, den Ereignissen und Kämpfen verbunden. Der Klang des Widerstands und Kampfes, der Klang der Verzweiflung in Gefängnissen und Lagern hörbar.« Beispiele hierfür sind die »Mauthausen-Kantate« (1965), »Sonne und Zeit« (1967) und »Belagerungszustand« (1967), der Klang der Verbannung in Griechenland in »Marsch des Geistes (1969), »Den Kindern, getötet in Kriegen« (1982) und außerhalb des Landes in »Canto General« (1972) und im »Adagio für Flöte, Klarinette, Trompete und Streichorchester« (1992), gewidmet den Toten im Bosnien-Krieg.

Sein musikalisches Credo nennt Theodorakis in Jaques Coubarts Buch 1969: »Ich schreibe keine Lieder, um zu unterhalten. Es ist keine Musik, die vergessen lässt. Man muss Freude aus ihr gewinnen, dass man sich reicher, anspruchsvoller, stärker fühlt. Sie muss zum Nachdenken führen, zum Wunsch nach einem schöneren Leben. Darum muss sie Wurzeln im Gedächtnis des Volkes schlagen. Die Menschen, das Blut, die Toten der Vergangenheit finden sich wieder, nicht um Hass, sondern um Liebe zu säen.«⁴

Musik als Vermittlerin

Wer Mikis Theodorakis begegnet, ist fasziniert von der emotionalen Wärme, der Aura, den von ihm versprühten geistigen Funken, der Direktheit dieses Mannes. Seine Persönlichkeit spiegelt sich in seiner Musik. Seine Kompositionen und Gedichte sind Seiten eines offenen Geschichtsbuches. Wir sollten darin lesen, um die Zeichen unserer Zeit zu hören und zu begreifen. Seine Lieder sind in Griechenland in aller Munde. Jeder, der in diesen Jahren eines der großen Konzerte zu Theodorakis Ehren im alten Olympiastadion in Athen oder im Herodes-Atticus-Theater erlebt hat, kann sich hiervon überzeugen. Hier versteht auch der unerfahrene Konzertbesucher, was es bedeutet, durch Theodorakis’ Musik eine inhaltlich fundierte Gemeinschaft zu finden und im Dialog mit seinem Werk Inhalte wiederzuerkennen. Das heißt, Hörerin und Hörer werden erkennen, dass sie nur selbst realisieren können, was sie wollen, welche gesellschaftlichen Vorstellungen sie erwarten, vertreten oder bekämpfen. Kunst und damit auch die Musik kann zur kollektiven Erinnerung der Menschheit werden, wenn sie ihre Vermittlerrolle zwischen Künstler und Publikum wahrnimmt. Den Werken von Theodorakis wohnt Erkenntnis inne, Erkenntnis der Geschichte und der Gegenwart. Hieraus resultiert die Furcht machtbesessener und totalitärer Regierungen vor seiner Musik, die bewirkt, dass seine Kompositionen und Konzerte immer wieder verboten wurden.

Wo gibt es in Gegenwart und Geschichte einen Komponisten, der sich für sein Volk fast acht Jahrzehnte im politischen Kampf engagiert, für ein Volk, zu dem er eine schmerzliche Verbundenheit empfindet? 1936 entstandene Gedichte aus »Epitaphios« von Jannis Ritsos vertont Theodorakis 1958. »Damit tritt ein neuer Dialogpartner auf den Plan«, sagt Theodorakis. »Nicht mehr die wenigen ›Eingeweihten‹, sind es, mit denen sich der Dialog vollzieht. Der neue Partner ist jetzt das ganze Volk, an erster Stelle seine avantgardistischen sozialen und politischen Kräfte.« Theodorakis macht von nun an immer wieder große Dichtung zu Liedern, gesungen auf Kundgebungen, in Gefängnissen, in Konzerten. Die Epitaphios-Lieder veranlassen den Komponisten zum intensiven Studium der Musiktradition seines Landes, vor allem der Volksmusik. Die Mutter in Epitaphios ist die Mutter Griechenlands. Sie singt von allen jungen Menschen, die durch Gewaltherrschaft ums Leben kamen. Ritsos schreibt in Epitaphios: »Ein jedes Wort ist ein Aufbruch zu einer Begegnung, viele Male gescheitert, und ein wahres Wort ist es dann, wenn es auf der Begegnung besteht.« Tauschen wir den Ausdruck Wort durch den Begriff Ton aus, eröffnet sich ein wesentlicher Zugang zu Theodorakis’ Musik: Seine Forderung nach dem Dialog und nach der Begegnung mit dem Publikum – das unterscheidet Theodorakis von den meisten seiner komponierenden Kolleginnen und Kollegen. Theodorakis fordert, Musik verständlich zu machen und zugleich das Bewusstsein der Hörenden zu wecken, dies nicht allein für die Traditionsstränge eines Werkes, sondern auch für neue Inhalte und neue Formen. Und: Theodorakis Musik ist eine Musik des Widerstands – eines Widerstands gegen die Verletzung der Würde des Menschen, gegen den Missbrauch der Macht, gegen die Einschränkung der Freiheit und gegen alle Einschränkungen künstlerischer Tätigkeiten.

Mikis Theodorakis’ Schaffen umfasst fünf Phasen vom anfänglichen Lied bis zu seiner Opern-Tetralogie »Medea«, »Elektra«, »Antigone« und »Lysistrata«. Während aller fünf Schaffensphasen prägen die geschichtlichen Ereignisse sein künstlerisches Handeln. Das Schöne und das Hässliche bleiben für ihn fundamentale Kategorien. Werden sie einzig innerhalb des Werkes als ästhetische Kategorie, das heißt, nur aus der Komposition heraus bestimmt, verlieren sie für Theodorakis den Bezug zur Wirklichkeit. Beide, das Schöne und das Hässliche, erklärt Theodorakis allein durch den Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Theodorakis’ Musik bedeutet und beinhaltet stets mehr als Musik. Sie ist ein Instrument der Erkenntnis von Wirklichkeit, ein Mittel zur Aneignung und Veränderung der Welt, mit dem Ziel, dieses Modell auf die Realität zu übertragen und zu verwirklichen.

In allen fünf Schaffensphasen verwendet Theodorakis für seine Kompositionen mythologische Stoffe. Wir finden sie als Thematiken sinfonischer Werke, in seinen Bühnen-, Ballett- und Filmmusiken und in der letzten Schaffensphase, in der er seine Opern komponierte. Theodorakis nutzt den griechischen Mythos, um aktuelle Probleme und Konflikte transparent zu machen: den in der Menschheitsgeschichte nicht durchbrochenen Kreislauf von Zerstörung und Tod. Das in dem Drama »Antigone« auftretende Bruderpaar Eteokles und Polyneikes symbolisiert die beiden Seiten des Bruderkrieges nicht nur in der Antike, sondern auch im griechischen Bürgerkrieg von 1945 bis 1949.

Antikörper gegen die Diktatur

»Seit meiner Jugend nahm ich die Existenz dieser sich neu zeichnenden Kreise des Bösen wahr. In meinem 15. Lebensjahr musste ich den Kreis des Zyklonen – des Zweiten Weltkrieges – miterleben und konnte so einige seiner Grundzüge beobachten und festhalten, die weit über das Gegenwartsgeschehen hinausgingen. Ich sah die sich ständig wiederholende Katastrophe von Theben«. Da mit Theben nicht nur eine Stadt, sondern ein ganzes Menschengeschlecht ausgelöscht wird, nennt Theodorakis die Geschehnisse in Theben die »Tragödie aller Tragödien (…), den Krieg als eine Folge höchster menschlicher Schwäche, (…) den Hunger nach absoluter Macht, weil der Schöpfer der Mythen auf diese Weise zeigen will, dass das den Menschen vernichtende Urteil das Kind des Menschen selber ist.«⁵ Eines der zentralen Themen in Theodorakis Werk und Leben bildet das individuelle Gewissen gegenüber staatlichen Gesetzen, bildet das Ethos als moralisches Gesetz gegenüber den von Menschen in unterschiedlichen Zeiten gemachten Gesetzen.

Am 95. Geburtstag ehren wir den großen Vokalkomponisten und Sinfoniker Mikis Theodorakis. Seine Werke werden auf den Kontinenten, in Konzertsälen und Theatern aufgeführt. Sein Leben zeigt uns, nicht im Heraushalten aus dem Streit der Welt und in künstlerischer Tätigkeit in der Abgeschiedenheit des Elfenbeinturms liegt die Hoffnung der Welt, sondern im Aufbegehren der Kunstschaffenden gegen begangenes Unrecht. Anlässlich einer CD-Produktion schrieb Theodorakis 1991: »Ich habe das Glück gehabt, mit bedeutenden Dichtern zusammenzuarbeiten. Als die Texte dieser Dichter übersetzt wurden, wunderten sich viele, dass bei den Griechen diese ›unpolitischen‹ Lieder eine ›revolutionäre Stimmung‹ erzeugten. Die Erklärung hierfür gilt noch heute. Es gibt immer Diktaturen. (…) Die alltägliche Diktatur existiert in unserer Gesellschaft, in uns, um uns herum, in unseren Familien. Ich glaube, dass es keinen effektiveren Antikörper gegen die Diktatur gibt als die Musik.«

Die Faszination und Liebe zu seiner Musik, mit der Theodorakis uns beschenkte, erfüllt uns mit ungekannten Emotionen und neuen Klangwelten. Das Erlebnis seines Werkes gehört mit zum kostbarsten Besitz der Menschheit. Würde es einen Nobelpreis für Musik geben, Mikis Theodorakis müsste ihn erhalten.

Anmerkungen

1 Mikis Theodorakis: Meine Stellung in der Musikszene, Leipzig 1986

2 ders.: Die Wege des Erzengels, Frankfurt am Main 1995

3 ders.: Meine Stellung, a. a. O.

4 Jaques Coubart: La Grèce entre le reve et le cauchemar, Paris 1969

5 Theodorakis: Meine Stellung, a. a. O.

Gerhard Folkerts ist Komponist und Pianist und steht seit 2004 in persönlichem Kontakt zu Mikis Theodorakis. Mit dessen Genehmigung vertont er seine Gedichte und bearbeitet seine Werke.

– CD: Mikis Theodorakis: »Das Klavierwerk«

– CD: Mikis Theodorakis: »Ein Leben für die Freiheit« (CD mit Julia Schilinski und Rolf Becker)

– Mikis Theodorakis: Seine musikalische Poetik. von-Bockel-Verlag, Neumünster 1995

Lesen Sie auch das Wochenendgespräch mit Mikis Theodorakis in dieser Zeitung in der Ausgabe vom 25./26.7.

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Hellwacher Geist, der messerscharf analysiert: Mikis Theodorakis...
    12.11.2018

    Ein ungestümes Leben

    Neue Biographie über Mikis Theodorakis zeigt den Komponisten endlich auch im Alter
  • Widerstand ist eine Sache von Rhythmus und Klang: Mikis Theodora...
    15.06.2016

    Und was macht ihr?

    Das verbotene Wort Revolution denken. Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta