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Aus: Ausgabe vom 28.07.2020, Seite 8 / Inland
Geflüchtete aus griechischen Lagern

»Solch ein Aufwand für so minimale Hilfsleistung«

Mehrere Familien aus griechischen Geflüchtetenlagern in BRD angekommen. Tausende noch in »Hotspots«. Ein Gespräch mit Karl Kopp
Interview: Gitta Düperthal
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Geflüchtete steigen nach ihrer Ankunft am Freitag auf dem Flughafen Kassel-Calden aus der Maschine

Insgesamt sollen laut Bundesinnenministerium 928 Geflüchtete aus den überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln nach Deutschland kommen, um hier ein Asylverfahren zu durchlaufen: 243 kranke Kinder, ihre Eltern und Geschwister. Am Freitag landeten 82 auf dem Flughafen Kassel. Was wird sie hier erwarten?

Sie werden zunächst auf die Bundesländer verteilt. Zu hoffen ist, dass sie nun endlich Ruhe finden: eine menschenwürdige Unterbringung, ein faires Asylverfahren, eine Zukunft in Deutschland. Mit einem ersten Flug im April kamen 47 Kinder aus den Lagern in Griechenland. Das war chaotisch organisiert. Bei dem Auswahlverfahren damals gab es keineswegs nur Freudentränen, sondern auch Verzweiflung derer, die bleiben mussten. Sechs durften nicht einsteigen, weil sie die Krätze oder andere Krankheiten hatten. Geschwister wurden voneinander getrennt. Der erste Rettungsflug war also keine besondere Ruhmestat.

Bei der zweiten Gruppe am Freitag lief es etwas besser. Zur Vorbereitung wurden die Schutzsuchenden diesmal zunächst in Athen untergebracht. Beteiligt waren die Internationale Organisation für Migration, IOM, der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, UNHCR, deren Kinderhilfswerk UNICEF, griechische Ministerien und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Es wurden Dossiers angelegt, um die Kinder bzw. Familien auszusuchen.

Es besteht also nicht nur Grund zur Freude?

Wir sind über jede einzelne Person froh, die gerettet wird. Es geht aber um eine humanitäre Krisensituation, der derzeit 10.000 Kinder auf den griechischen Inseln ausgesetzt sind. Keines von ihnen sollte auch nur einen Tag in derart menschenunwürdigen Lagern verbringen. Fragt sich also, wozu ein solcher Registrierungsaufwand gemacht wird, wenn die tatsächliche Hilfsleistung dann so minimal ist.

Die griechischen »Hotspots« müssen geräumt werden, den Schutzsuchenden muss endlich ein menschenwürdiges Leben in Deutschland und anderen aufnahmebereiten Staaten eröffnet werden. Es kann und darf keinen Grund geben, Menschlichkeit und Solidarität zu verweigern. Elf EU-Staaten sind bereit mitzumachen.

Wie ist aktuell die Lage in Griechenland?

In den verschiedenen europäischen Lagern auf den Inseln sind momentan 31.700 Menschen untergebracht, allein in Moria mehr als 15.000. Das Kernlager hat eine Aufnahmekapazität von 3.000 Menschen. Die meisten müssen in Olivenhainen im Dreck leben, wenn es regnet im Schlamm. Seit dem Lockdown im März hat sich alles weiter verschlimmert, weil die Menschen dort bis heute isoliert sind. Dabei war die Lage vor der Coronapandemie schon dramatisch: Mangelnde Ernährung, miese hygienische Zustände, fehlende Duschen und Toiletten, keine Rechtsberatung.

Einige Bundesländer wollen unabhängig vom Bundesbeschluss mehr Geflüchtete aufnehmen, zum Beispiel Berlin und Thüringen. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Die Bundesländer insgesamt haben Zusagen gemacht, 2.100 Geflüchtete unterzubringen. Zusätzlich gibt es einzelne Landesaufnahmeprogramme. In Thüringen hat das Kabinett am 29. Mai die Aufnahme von 500 Schutzsuchenden beschlossen. Der Berliner Senat hat sich am 16. Juni geeinigt, 300 aufzunehmen. 151 Kommunen haben sich zum sicheren Hafen erklärt, würden ihrerseits Geflüchtete unterbringen.

Ob die Aufnahme unbedingt im Einvernehmen geschehen muss, ist juristisch strittig. Das Bundesinnenministerium wird es sich gut überlegen, ob es rechtlich gegen Bundesländer vorgeht, die mehr Schutzsuchende aus den schlimmen Lagern aufnehmen wollen. Die Zivilgesellschaft, die Länder und die Kommunen bleiben hartnäckig. Die »Seebrücke«-Bewegung, die Menschenrechtsorganisationen, die Flüchtlingsräte und die vielen anderen Initiativen werden weiter Druck machen: No one left behind – niemand soll zurückgelassen werden.

Karl Kopp ist Leiter des Europa-Referats des »Pro Asyl« e. V.

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