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Aus: Ausgabe vom 28.07.2020, Seite 2 / Inland
Struktureller Rassismus

»Weiße Menschen profitieren seit Jahrhunderten«

Bundesregierung für Kompetenzzentrum gegen Rassismus. Betroffene fordern systematische Aufarbeitung. Ein Gespräch mit Winnie Akeri
Interview: Dilan Karacadag
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Teilnehmende einer Demonstration der »Black Lives Matter«-Bewegung (Berlin, 18.7.2020)

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, macht sich für ein sogenanntes Kompetenzzentrum gegen Rassismus stark. Wie bewerten Sie diesen Vorstoß?

Dass Rassismus wieder mit Integration und Migration in einen Zusammenhang gestellt wird, ist sehr problematisch. Das sollte man trennen. Die Integrationsbeauftragte spricht von einem Hilfetelefon und von Wissenschaftlern, die über Rassismus forschen. Hilfetelefone und das Kompetenzzentrum dürfen aber nicht miteinander verknüpft werden. Auch muss noch geklärt werden, welcher Rassismusbegriff und welche Kompetenzen dem Vorhaben zugrunde liegen.

Das Ganze ist auf Bundesebene entschieden worden – mit gutem Willen. Aber wieder werden diejenigen, die seit langem Antirassismusarbeit machen, nicht gehört bzw. in die Diskussion nicht eingebunden. Doch gerade von Rassismus Betroffene wie Schwarze Menschen und People of Color müssen in solche Projekte einbezogen sein. Ihnen muss mehr zugehört und nicht immer alles ohne sie entschieden werden. Wenn man das geschafft hat, dann kann man schauen, wo es Rassismus gibt.

Für vergangenen Mittwoch war eine Diskussionsrunde unter anderem mit Vertretern von Verbänden angekündigt. War jemand von Ihrer Initiative dabei?

Wir wurden eingeladen, aber konnten aus zeitlichen Gründen nicht teilnehmen. Genossen von anderen Organisationen, mit denen wir auch eng zusammen arbeiten, waren dabei. In der Einladung wurde nicht explizit von einem Kompetenzzentrum gesprochen. Das wurde von der Integrationsbeauftragten entschieden.

Wie wäre von Rassismus Betroffenen grundsätzlich geholfen?

Ich mache beispielsweise arbeitsrechtliche Beratung für Geflüchtete, die sonst nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Grundsätzlich fordern wir die flächendeckende Einrichtung von Antidiskriminierungs- und Beratungsstellen sowie eine Prozessbegleitung. Diese Stellen sollen einerseits den Menschen professionelle Hilfe auf Augenhöhe bieten, statt sie in einer Opferhaltung zu betrachten. Andererseits sind sie aber auch für die Sichtbarmachung von Rassismus sehr wichtig.

Es muss zudem allgemein verstanden werden, dass es bestimmte Machtverhältnisse gibt und Weiße Menschen von ihnen profitieren – seit mehr als 500 Jahren. Und dieses System funktioniert immer noch. Dazu gehört auch, dass weiß und europäisch zu sein als Maßstab für Fortschritt, für Demokratie gilt und alle Menschen sich daran orientieren müssen. Weiße Menschen müssen erkennen, dass sie Privilegien haben. Danach erst kann die Frage gestellt werden, »möchte ich das?« und: »Wie kann ich anderen helfen?«

Was sollte die Bundesregierung tun, um effektiv Rassismus zu bekämpfen?

Die Debatte wird so geführt, als wäre es ein Waldbrand und als könne man Feuerwehrleute hinschicken, das Feuer zu löschen, und dann gebe es kein Rassismus mehr. Das ist aber nicht so. Deshalb muss der erste Schritt sein, für eine Bildung zu sorgen, die es den Menschen ermöglicht, kritisch über Rassismus nachdenken zu können. In der Schule sollte man sich mehr mit Kolonialverbrechen auseinandersetzen. Analog zur Aufarbeitung des Holocaust wünsche ich mir das für die Geschichte des Kolonialismus. Der andere Schritt wäre, Statuen oder Straßennamen von Kolonialverbrechern zu entfernen.

Nach dem Anschlag von Hanau hat Bundesinnenminister Horst Seehofer erstmals von Rassismus und Bundeskanzlerin Angela Merkel von Schwarzen Menschen gesprochen. Trotz allem habe ich das Gefühl, dass Rassismus nicht verstanden wird. So meinte Seehofer mit Blick auf die Polizei, dort gebe es keinen strukturellen Rassismus. Das sehen beispielsweise Betroffene von sogenanntem Racial Profiling, was ein rassistischer Akt der Polizei ist, anders.

Wie sollte damit umgegangen werden?

Schulung und Aufarbeitung sind sehr wichtig. Um das Ausmaß zu ermitteln, brauchen wir zum Beispiel eine Studie. Aber es braucht auch eine unabhängige Beschwerdestelle, damit die Polizei nicht gegen Polizisten ermittelt. Wir brauchen auch Zahlen über Rassismus in den Schulen, auf dem Wohnungsmarkt und in der Arbeitswelt, um effektiv dagegen vorgehen zu können. Es kann schließlich nicht sein, dass nur die Betroffenen von Rassismus aktiv werden. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der alle mit anpacken müssen.

Winnie Akeri ist Sozialwissenschaftlerin und Mitglied des Bundesvorstands der »Initiative Schwarze Menschen in Deutschland«

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