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Aus: Ausgabe vom 01.08.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Urlaub

Von Konstantin Arnold
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Frühling. Paarungszeit. Die Tauben picken auf den Plätzen wie grasende Kühe oder pflanzen sich auf eine Art und Weise fort, die wir uns seit Jahrhunderten mühsam versuchen abzugewöhnen. Erst nur die Kirche, dann sind wir selbst zu Kirche geworden. Das Schöne an den Jahrhunderten ist ja, dass sie sich selbst vom Mist filtern und von allein auf ihren Wahrheitsgehalt reduzieren, auf das Ewige, alles, was hält, wirst schon sehen! Nicht der Rede wert. Portugiesische Anreden sind ewig, Weihnachten und Sex von hinten, Lieder, die von traurigen Italienern in Cordanzügen gesungen werden, während sie auf Heuballen stehen, und deutsche Rezepte, die aus Hungersnöten in Weltkriegen gemacht wurden. Das Italienische und Portugiesische unterscheiden sich nur in ihren Klischees, nicht aber im Alltag, und das Geheimnis liegt in den Tagen verborgen, die wie alle anderen Tage sind. Gerade da unterscheiden sich Italien und Deutschland sehr. Die Deutschen sind gut bei der Arbeit, die Italiener besser danach. Und umgedreht. In Italien arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in Scheiße rum und setzt sich nach Feierabend im Anzug auf einen schönen Platz, auf dem Tauben picken wie grasende Kühe, die sich gewaltsam miteinander fortpflanzen.

Trinkt Wein. Ist da. Sonst nichts. Außer, es kommt noch eine Flasche Wein vorbei, jemand, mit dem man die teilen kann. Fertig. Ende der Aktion. Falls keine Tageszeitung mehr über den Platz weht, die man lesen kann. In Deutschland fährt man im Anzug zur Arbeit, Tür auf, Treppe runter, ganz früh und ganz aufgeregt auf dem Fahrrad, mit Leuchtkleidung an, klingelt, wie man mit einem Maschinengewehr auf Frauen und Kinder schießen würde, und frisst sein aufgetautes Mittagessen aus einem Plastikcontainer, den sich die Ehefrau im praktischen Familienset selbst zum Geburtstag schenkte. Wie eine Kuh. Ganz und gar und glücklich. Und nach Feierabend, Tür zu, Treppe runter, jetzt kommt’s, zieht man sich etwas Graues an und geht die Treppe wieder runter in Badelatschen kurz zum Dönermann, noch eine Hawaii kaufen, um gemütlich zwischen den Raufasertapeten eine Serie fertigzugucken oder im Internet Sachen zu kommentieren und danach was bei Amazon zu kaufen, Gartenmöbel, scrollend, mit nur einem Fettfinger, oder einen Zeit-Artikel zu lesen, den eine vegane Volontärin aus einem teuren Yogaretreat in Indonesien geschrieben hat, in dem alle um fünf Uhr aufstehen, Avocados essen mit edlen Samen drauf, die von Kindern gesammelt wurden, und diese ganze Gottlosigkeit mit etwas Einatmen aufarbeiten. Für Kacke, die endlich mal fest ist.

Gefangen im Grenzenlosen, zu glauben, wir steigen, wenn wir gehen, fahren, fliegen, erledigen, absolvieren. Nichts ist so inhaftierend wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und beim Nichts wollen wir’s belassen, bevor’s mit mir durchgeht und ich am Ende überall lande, nur nicht da, wo ich hinwollte. Im Urlaub. Ganz unten, im Süden vom Süden. Von Lissabon ist der Süden gar nicht weit weg, die Stadt ist aus vielem, aus dem woanders Urlaub gemacht wird, und man kommt schnell an und kann seine Arbeit ruhig mitnehmen, weil das Geheimnis in Tagen verborgen liegt, die sind wie alle anderen Tage. Außer, dass sie noch weiter südlich sind. Es gibt ihn also überall, den Süden, sogar im Süden, den Traum von noch weiter Süden, in dem nichts zu spät ist und man viel vorhat und alles möglich ist, weil es immer 11.30 Uhr ist, eine magische Zeit. Jeder Morgen passiert hier wie das erste Morgengrauen der Welt, und die Morgen können ihr Versprechen über den Tag lang halten. Die Tage beginnen in süßen Zimmern mit offenen Fenstern, die raus auf den Rasen zeigen, auf den viel Sonne fällt. Das Draußen kommt rein. Es ist die Kombination aus Gardine mit Sonne, offenen und geschlossenen Fenstern und einem Erdgeschoss, das unter einer großen Quinta den Hang hinabfällt. Nur für uns. Man kann die Sonne und den Rasen vom Bett aus sehen und dann barfuß seinem Blick nachgehen, wenn man möchte, und sich nackt auf den Rasen stellen und die vielen Halme unter den Füßen fühlen oder die Vögel. Drum rum sind Platz und Blick. Nachts liegt das Haus in einsamer Stille, und Sehnsüchte erwachen, die man tagsüber mit Sachen und Dingen eingeschläfert hat.

Ansonsten ist alles blau und golden, und seit sie da ist, ist es noch viel blauer, noch goldener. Vorher war sie nicht da. Sie kam vor einigen Nächten mit dem letzten Zug aus Lissabon, und ich holte sie an einem einsamen Bahnhof ab, der noch einsamer wurde durch die wenigen Züge, die an ihm hielten. Seitdem sie da ist, verbringe ich die Morgen mit ihr oder mit Pessoa. Die mit ihr sind himmlisch. Wir liegen in Position aufeinander und beobachten die sonnendurchfluteten Gardinen beim Herausfliegen oder gucken irgendwohin, ohne es anzugucken. Alles ist angenehm, und das Gehirn denkt noch nicht, und man weiß nur, was man letzte Nacht miteinander getan hat, und ist sehr froh über diese Erinnerung, die das Liegen noch viel bequemer macht und die Stimmen verstellter und den Morgen früher, auch wenn es oft spät ist. Manchmal träumt sie schlecht und wacht auf und hält mir vor, was ich getan hätte, während ich schlief. Manchmal träume ich schlecht oder schön oder beides und fühle mich schlecht oder schön oder beides und will meine Augen einfach wieder schließen. Träume, diese Wünsche oder Ängste oder beides! An den Wänden unser Blut, Blutspuren gewonnener Kämpfe, heißer, schlafloser Nächte, Mücken! die es im Traum gar nicht gibt, nur im echten Südeuropa.

Die Morgen mit Pessoa hingegen sind sehr langweilig und sehr schön. Wir sitzen gemeinsam auf einem Stuhl, den irgendein toller Mensch unter eine große Korkeiche gestellt hat. Urzeitlich gewachsen. Das Sonnenschattenmuster der Korkeiche fällt auf die Seiten, und ich blättere um. Ende der Aktion. Ab und zu nippe ich an meinem Kaffee. Das lauteste Geräusch weit und breit, wenn man sich an das Gezwitscher der Vögel gewöhnt hat. Der Kaffee ist kalt. Sanfte Ölpinienluft steigt auf, ganz heiß und ganz trocken und angebrannt, ganz kurz vor einem Waldbrand. Ein Geruch, der sich als Wind sanft um den Körper legt. Wie ein Schleier aus Phantasie. Lustvoll in sich aufgeatmet. Gerüche sind Erinnerungsauslöser, und hier gibt es nur die Guten. Nichts riecht nach den nassen Pappeln einer schwierigen Kindheit, kein scharfer Tannengeruch eines mitteleuropäischen Friedhofs weit und breit. Manchmal arbeite ich auch, aber ihr kleiner Körper provoziert mich, und ich muss das Zimmer wechseln. Es ist ein hässliches Zimmer, mit einem schweren nussbraunen Holztisch, den ich mir quergestellt habe. Die Bambusrollos sind unten, und die Fenster sind auf, bis der Bauer am späten Vormittag mit seinem Traktor losfährt, um das Heu reinzuholen oder abzumachen oder irgend etwas mit dem Heu zu machen. Ansonsten gibt es in dem Raum noch ein zusammengeklapptes Bügelbrett und eine Mikrowelle, einen Sack Kartoffeln und eine abgefackelte Dreifachsteckdose, die so alt ist, dass mir beim Schreiben hin und wieder Elektroschocks durch die Pulsadern ballern. Ein Bücherregal gibt es auch, in dem viele vergessene Bücher in vielen verschiedenen Sprachen stehen, die keiner mehr liest. Sie haben fürchterliche Titel und heißen »Harrys Weg zur Flucht« oder »Zur großen Liebe ist man ein Leben unterwegs« oder »Alentejo, Weite von oben«.

Oh, du Alentejo. Noch nie hast du geschienen wie jetzt. Du immer gleiche Landschaft, die mir jedesmal anders erscheint. Es ist die gleiche Landschaft im Licht einer anderen Zeit, die man als anderer Menschen durchschreitet, und ich bin in dieser Landschaft schon so viele Menschen gewesen. Ich habe viele schöne Sommer mit dir verbracht. Die Abendsonne schien in jedes Bild, und die Wege waren kurz, und alles war kurz davor, kurz bevor es losging, noch vor allem Anfang. Unsere Mittel waren begrenzt, und wir waren neu und lernten uns kennen und fuhren umher und sprangen Hand in Hand von hohen Klippen in tiefes Meer und ließen uns wieder gehen. Wir waren Maria, Sophia, Verena, Julia, die Oma von Julia, noch eine Maria, und ich glaube, sogar eine Nicole war dabei, wobei, das ist unmöglich. Und jetzt? Himmel, Himmel, Luft, Luft, Land, Land, Leben, Leben, Licht, Licht! Ich sehe alles farbiger, höre alles deutlicher, fühle alles komplizierter. Das Grün und das Blau und das Licht, das sich dazwischen breitmacht. Die geraden Straßen, an denen himmelhohe Bäume stehen, die sich über den Straßen wiedertreffen. Die vollen Felder, die Ebenen werden und bis zum Horizont gehen und erst aufhören, wenn man nicht weiter gucken kann und sich die Erde krümmt oder die Berge kommen. Der Horizont, bewacht vom Schwarz nackter Korkbäume, unter denen glückliche schwarze Schweine rennen. Eine Landschaft stimuliert mich. Die Sonne macht die Felder golden, und der Wind bläst sanft wie eine schöne Frauenhand, die einem durch die Haare geht. Man sieht die Sonne strahlen, und man sieht die Weite, wie sie sich mit viel Blick füllt, bis man sie kaum noch gucken kann. Blauweiße Häuser mit roten Dächern, die irgend jemand zwischen den Hügeln vergessen hat, und Dörfer, die weiß aus der Diesigkeit hervorkommen, mit Sonnenuntergang gestrichen. In denen alle verwandt sind und Cousinen ficken (müssen). Jedes Foto von diesen Dörfern wäre eine Beleidigung für die Dörfer. Für die Postkartenkühe, die ein Postkartenbauer ins Feld gesteckt hat und abends mit lautgeschrienen Schimpfwörtern wieder reinholt. Highlight eines Postkartentages. Vielleicht ein durchfahrender Laster pro Tag, indische Saisonarbeiter oder Ledermänner, die braun und alt an den Straßen stehen und ihr Pferd vor einer Kneipe geparkt haben, nachdem sie den Käse gerührt oder die Oliven gepresst oder ein schwarzes Schwein geschlachtet haben. Deswegen essen wir so gut und essen soviel und reden beim Essen soviel übers Essen. Essen aus Tontöpfen. Baden im Wein oder im Pool, wenn wir zuviel Wein getrunken haben, oder beides. Oder wir warten mit dem Baden noch und spielen Stierkampf, indem wir uns Koriander in den Nacken stecken und durch ein Handtuch rennen, das einer hält.

Am besten hält es Pablo. Er ist der beste Torero unter uns und der spanischste Mensch, den wir kennen. Er ist alles, und alles, was er sagt, ist aus Beton oder Denkmal, ein jahrelang zurechtgelegter Satz, der immer davon erzählt, wie er Focaccia kaufte und Wein und alles in einem Korb mit an den Strand nahm, um seine Italienerin zu ficken, oder nackt mit seinem Bruder Schnorcheln ging. Seine Hemden hängen faltenlos an einem Haken und er schüttet Wodka drüber, wenn es die Uhrzeit so von ihm will, einfach so, als würde er sie nie an einen Haken gehängt haben. Tagsüber arbeitet er an sich und an seinen Muskeln, und nachts trinkt er mit bis zum Schluss. Er ist der Schluss. Alles, was er tut, tut er mit Grazie. Er klettert auf alles und springt von allem wieder runter und hat keine Angst und macht einen ganz ausgezeichneten Linguado, den er mit Butter, Zitronen und Salz zubereitet. Er hat immer einen wunderbaren Weißwein kaltgestellt und serviert alles mit äußerster spanischer Ruhe. Ohne dass dabei was kalt oder warm wird. Er weiß alles über Oliven und über Wein, und er weiß, wie die Erde schmeckt, aus der sie kommen, weil dort seine Ahnen liegen und selbst zu Erde geworden sind. Sie haben selbst Käse gemacht oder Chorizo oder Öl, und sie haben ihr Mittag draußen gegessen und sind alt und stark geworden, weil sie ihr Olivenöl und ihren Käse stets draußen gegessen haben. Sein Onkel habe ein Haus in Toledo, und es würde ihn ehren, wenn wir mal vorbeikommen und seiner Ahnen gedenken, indem wir mittags draußen ihre Sachen essen. Wir sprachen oft über seine Ahnen und darüber, dass wir alle nach Toledo kommen würden und vor dem Essen Americanos trinken mit Sprudel und dann Wein und dann nur noch Aguardente und dabei dieses eine spanische Lied hören würden, von dem ich den Text nicht kenne und ihn auch nie kennen will. Im Kühlschrank war immer Wein, und die Zigaretten gingen nie aus und wurden untereinander geteilt, wie die Luft, die wir atmen. Manchmal fragten wir uns, mit welchen berühmten Männern wir schlafen würden und ob wir für den Rest unseres Lebens eher auf Mittag- oder Abendessen verzichten könnten. Pablo sagt, er könne niemals auf das Mittagessen mit seinen Ahnen verzichten, aber den meisten von uns lag mehr am Abendessen.

Der Unterschied zwischen Mittag- und Abendessen ist, dass sich nach dem Abendessen eine Hitze einstellt, die sich irgendwo entladen muss, während sich nach einem langen Mittagessen eine sanfte Decke über den Rest des Tages legt, die einen in den Pool oder in den Liegestuhl zwingt. In beiden Fällen wird weiter getrunken. Nur so ließen sich beide Mahlzeiten miteinander verbinden. Die Grenze zwischen beiden Mahlzeiten ist eine Siesta. Sie ist die Grenze zwischen Mittag und Abend, wie Paris die Grenze zwischen Norden und Süden ist. Außerdem muss der Wein billig sein, sagt Pablo, und die Flasche darf nicht zu kommerziell aussehen. Man darf auch nicht so essen, wie die Deutschen essen, die nur essen, um fertiggegessen zu haben, und immer aufstehen wollen, mit dem Kaffee gleich die Rechnung, bitte. Man muss viele Sachen gleichzeitig essen und langsam, dass nimmt den Sachen, die man isst, den Druck, wie es einer Verabredung den Druck nimmt, noch eine andere Verabredung zu haben. Wir waren oft sehr erschöpft, weil wir tanzten und tranken, Wellen gab es auch. Seeigel auch, und die Schreie derer, die in sie traten, verfolgen mich bis heute. Wenn nichts passierte, lagen wir so da, zwischen den Mahlzeiten, cremten uns ein, heizten uns auf, gingen schwimmen und begannen wieder von vorn oder fielen in einen schönen, tiefen Strandschlaf. Die Freundin eines Freundes von uns konnte wie die Betrügerin aus den Filmszenen in »La Piscine« durch den Pool schwimmen, dachte ich, aber vielleicht dachte ich das auch nur, weil ich es nicht denken durfte. Abends duschten wir dann endgültig und cremten uns noch mal ein und genossen die Bronze, die von uns ausging. Wir sahen toll aus. Glänzten. Trieben es miteinander und duschten noch einmal. Lippen, Zähne, Nasen, die Welt roch nach Bodylotion und brauner Haut.

Natürlich stritten wir auch, aber wir brachten unsere Gefühle sehr idyllisch durch diese Tage. Wir wissen, wie man bei einem Angriff kämpft und wie bei einem Rückzug. Da gehe ich wütend vor, und sie bleibt wütend stehen, im Staub dieses Feldwegs, und zählt die Entfernung unseres Abstands, und ich drehe mich um und gehe zurück, auf sie zu, durch meinen Staub, und sie lacht, ich lache, nehme ihre Hand, alles ist gut. Denkt man zuviel an ein Bild, dann verschwimmt es. Und ich würde durch die Felder laufen, wenn mich die Gewalt meiner Gefühle heimsuchte und ich etwas fertigdenken musste. Es war einfach, etwas fertigzudenken, wenn ich durch die Felder lief oder Bauern sah, die etwas taten, von dem sie etwas verstanden, weil sie es ihr ganzes Leben lang getan hatten. Sie imponierten mir sehr, und ich machte sie zum Gegenstand meiner Phantasie. Ich ließ mich nicht von ihnen blenden, aber ich hielt meine Phantasie für besser, als sie waren, und erkannte am Ende oft, dass sie nicht jene waren, für die ich sie gehalten hatte. So war das mit allen Menschen, außer denen, die mir wirklich etwas bedeuteten, und am meisten war es so mit ganz normalen Leuten oder attraktiven Frauen und teuren Männern, die sich teuer und attraktiv kleideten. Interessante Menschen langweilten mich sehr, aber ich hielt sie für besser und sah immer nur die Menschen, die ich aus ihnen machte, nie mich selbst. Sie trugen ihr volles Haar ganz lang und sagten, was man so sagte, und ihr Haar fiel ihnen ins Gesicht, während sie redeten oder sich das Haar aus dem Gesicht strichen. Ich konnte sie nicht verstehen, aber sie hatten auch kein Geheimnis in sich, und als ich das verstand, bedeuteten sie mir nichts mehr. Es waren alles noble Frauen und schöne Männer mit schönen Frauen, die schöne Männer hatten. Sie trugen ihre langen Beine umher und fuhren schnell Auto durch die Dörfer, aus denen sie kamen. Sie führten ein schönes Leben an der Oberfläche des Lebens, ausgebreitet wie eine Lackierung, unter der schon Rost ist. Sie fühlten sich schuldig, deswegen beschuldigten sie andere. Sie sitzen draußen in den Restaurants einer überkorrigierten Fitzgerald-Geschichte und gucken in ein Tal oder einen Abgrund, wie ihn Goya gemalt hätte. Sie sind mehr Erinnerung daran, als dass sie wirklich stattfinden, und ich habe keine Ahnung, wieso ich am Ende meiner Geschichte bei solchen Arschlöchern landen muss. Liegt vielleicht daran, dass wir auf dem Heimweg in so ein Restaurant wollten und ich keine Maske hatte, auch der Torero nicht, und mir so ein Rudelbumser, der gerade rausging, seine Maske gab, die nach Spucke roch und Aftershave, und ich den Käse nehmen musste und mir durchs Gesicht rieb wie eine Sonnencreme.

Außer dem Käse bestellten wir noch Choco frito und kalten Weißwein und Schnecken und Muskateller, so wie wir uns immer Choco frito und kalten Weißwein und Schnecken und Muskateller bestellten, nachdem wir weit rausgeschwommen waren, und über Töchter redeten, Gene, Erbkrankheiten und all unser Glück damit legitimierten, dass alle Krankheiten aus schlechten Gefühlen entstehen – oder guten, die lange unterdrückt wurden und schlecht geworden sind. Wir vergaßen noch einmal alles. Ein letztes Mal, bevor der Sommer kommt und wir in Lissabon mit ihm weitermachen. Auf dem Heimweg in eine andere Stadt, die anders ist als andere Städte. Wo sich die Straßen hinabschwingen und auf der anderen Seite gerade so wieder hochkommen. Wo Süden ist, auch wenn man aus dem Süden gekommen ist, und man immer mit einer Erkenntnis wiederkehrt, die mich immer wieder an diesen Ort zurückkehren lässt, in dem immer noch Liebe ist, nachdem man geliebt hat, und immer noch Urlaub, obwohl man gerade aus einem gekommen ist. Wir lebten den Sommer in diesem Jahr schon lange, bevor er begonnen hatte, und hatten jetzt zwei Sommer, und einen hatten wir noch vor uns. Aber von nun an würde der Sommer den Sommer für uns übernehmen, und wir würden uns zurücklehnen und nichts mehr tun außer tolle Sachen tragen, die wir für den Sommer gekauft hatten. Sie diese kurzen roten Jeanshosen mit diesem kurzen schwarzen Top, sonst nichts, nur Arme, keine Muskeln, und Sandalen mit burgundlackierten Nägeln dran, und ich die fliegenden weißen Hemden, den Hut und das Tuch. Seit diesem Sommer wussten wir, dass wir ihn niemals in einem anderen Land verbringen könnten, wo der Wein teuer ist und das Bier nicht kalt steht. Im Zweifelsfall immer nach Süden.

Konstantin Arnold, Jahrgang 1990, ist freier Autor und lebt in Lissabon. Er schreibt Reportagen für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Rotwein leisten zu können. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 18./19. Januar 2020 die Kurzgeschichte »Kein Titel«.

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