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Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Die kleinen miesen Tricks

Maggie Nelsons komplexe Beschreibung eines Mordprozesses: »Die roten Stellen«
Von Frank Schäfer
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Hat das Labor bei der DNA-Analyse der Mordspuren geschlampt?

Maggie Nelsons Tante, mütterlicherseits, wird 1969 Opfer eines Gewaltverbrechens. Die Jurastudentin Jane Mixer hat sich zu Hause bei ihren Eltern angemeldet, um ihnen von der geplanten Hochzeit mit ihrem Freund Phil zu erzählen. Sie sieht Meinungsverschiedenheiten voraus, deshalb fährt sie allein, Phil soll später nachkommen. Jane kommt nie zu Hause an, sie wird am folgenden Tag auf einem abgelegenen Friedhof gefunden. Mit zwei Kugeln im Kopf und einer Strumpfhose tief in ihren Hals eingeschnürt. Der Mord wird nie aufgeklärt.

Es ist eins dieser traumatischen Ereignisse, die Familien bisweilen über mehrere Generationen hinweg prägen. Maggie Nelson geht dem nach. Zunächst in einem Gedichtband, »Jane: A Murder«. Ihr Buch ist gerade im Erscheinen begriffen, da meldet sich 2004 die Polizei bei ihr. Man hat einige Jahre zuvor Janes Kleidungsstücke einer DNA-Analyse unterzogen und die Ergebnisse in einer FBI-Datenbank gespeichert, 2004 findet man eine Übereinstimmung. Das auf ihrer Strumpfhose sichergestellte Genmaterial gehört mit einer Wahrscheinlichkeit von 171,7 Billionen zu eins dem vicodinsüchtigen Krankenpfleger Gary Earl Leiterman, der wegen Rezeptfälschung im »Combined DNA Index System« gelandet war. Leiterman wird vor Gericht gestellt und verurteilt. »Sie sollten sich lieber darauf vorbereiten«, scherzt der ermittelnde Beamte, »einen Nachtrag zu schreiben. Einen Nachtrag, der alles erklärt.«

Maggie Nelsons Buch »Die roten Stellen« ist dieser Nachtrag. Aber er kann gar nicht soviel erklären, jedenfalls nicht in dieser Causa, die zwar mit einer Verurteilung endet, aber möglicherweise auch das Zeug hat zu einem handfesten Justizskandal. Denn neben Leitermans Genmaterial befindet sich noch andere DNA auf Jane Mixers Klamotten, die des Gewalttäters John David Ruelfas. Nur ist der zum Tatzeitpunkt erst vier Jahre alt. Möglicherweise hatte also schlicht das Labor geschlampt.

Nelson rollt hier aber längst nicht nur diesen Fall auf, sie schreibt sich mit allem, was sie hat, hinein. Wer die späteren, sehr gelobten Bücher »Bluets« und »Die Argonauten« von ihr gelesen hat, kennt ihre multiperspektivische, digressive, immer wieder auch in weiten Umwegen das Thema umspielende und dadurch die Ortskenntnis erhöhende Methode.

Sie schildert das Gerichtsverfahren aus der Sicht der Betroffenen, die kleinen miesen Tricks, mit denen mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft operiert, weil sie um jeden Preis eine Verurteilung will. Sie erzählt von ihrer Depression infolge einer gescheiterten Beziehung, den Schuldgefühlen ihrer Großeltern, Janes Eltern, die mit ihrer studentenbewegten Tochter im steten Clinch lagen, vom eigenen Trauma, den Tod ihres Vaters nicht verhindert zu haben, und vom Verhältnis zu ihrer Schwester, die wie Jane mit wilder Entschlossenheit gegen den bürgerlichen Konsens aufbegehrt, während die Autorin eher auf das Lob der Erwachsenen schielt. Sie liest die einschlägige psychologische und kriminalistische Literatur, auch den sensationsheischenden »True Crime«-Trash. Und sie beschreibt ihr »Mordgemüt« und die Scham, die sie schließlich darüber empfindet, den Tod ihrer Tante literarisch ausgeschlachtet zu haben.

»Die roten Stellen« ist ein assoziatives und unordentliches Buch, dessen Ab- und Ausschweifungen auch schon mal ins Leere führen, das in einer »dichten Beschreibung« aber auch ein komplexes und aufrichtiges Bild davon gibt, wie Menschen auf eine solche Ausnahmesituation reagieren. Dazu gehört auch die mediale Verwurstung in Serien wie »48 Hours Mystery«, bei der sie als Interviewpartnerin mitwirkt, um jene ebenfalls sezieren zu können – ihren latenten Rassismus zum Beispiel. »Bevor wir das Interview begannen, hatte ich die Korrespondentin vergeblich gefragt, ob sie der Meinung sei, ich solle etwas Make-up auflegen, damit ich vor der Kamera besser aussähe. Ich war ungeschminkt zu einem Termin gekommen in der Annahme, man würde mich anmalen. Sie sagt mir, ich solle mir keine Sorgen machen – sie würden mich nicht filmen, wenn ich nicht gut aussähe. Wir laufen zur Hauptsendezeit, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Keine Schwarzen, keine schlechten Zähne.«

Maggie Nelson: Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses. Aus dem amerikanischen Englisch von Jan Wilm. Hanser Berlin, München 2020, 223 Seiten, 23 Euro

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