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Aus: Ausgabe vom 27.07.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Gesundheitswesen

Ärzte am Limit

Seit zwei Wochen streiken in Spanien Hunderte Mediziner gegen miese Arbeitsbedingungen, bisher vergeblich
Von Carmela Negrete
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Die Botschaft des protestierenden Klinikpersonals ist eindeutig: »Ohne Arbeitsrechte legen wir Krankenhäuser lahm« (Madrid, 13.7.2020)

Sie gelten als Helden in der Coronapandemie – und müssen doch gegen miserable Arbeitsbedingungen protestieren: Ärzte in Spanien. In Gesundheitszentren und Krankenhäusern fehlen vor allem Assistenzärzte. Vor zwei Wochen organisierten Madrider Ärzte einen unbefristeten Streik. Vorausgegangen waren gescheiterte Verhandlungen mit der Regionalregierung der rechtskonservativen Volkspartei, dem Partido Popular. Am Montag vergangener Woche demonstrierten sie in der Madrider Innenstadt und verlasen ein Manifest »gegen die Prekarisierung«.

In der Region Madrid waren viele Ärzte während des coronabedingten Kollapses des Gesundheitssystems mit befristeten Verträge eingestellt worden. Die laufen nun aus, Erwerbslosigkeit droht, obwohl die Pandemie noch nicht überstanden ist. Viele von ihnen sollen im Monat bis zu 230 Stunden gearbeitet haben, trotz Verbot von Mehrarbeit.

Ein weiterer Protestgrund: Assistenzärzte sollen während ihrer befristeten Anstellung ausgebildet werden. Deshalb verdienen sie als Basislohn lediglich rund 1.000 Euro im Monat. Für die Ausbildung sei wegen der Überstunden indes keine Zeit, erklärten die Protestierenden. Aufgerufen waren rund 4.600 Assistenzärzte, von denen sollen sich nach Angaben der Ärztegewerschaft »Sindicato Médico« etwa eintausend am Streik beteiligen.

Ihre Forderungen sind klar: Festanstellungen, garantierte Pausen während des Dienstes und eine intensive Betreuung insbesondere von neu eingestellten Klinikärzten. Letzteres ist wichtig, um aufgrund oft geringer Praxiserfahrungen Fehlbehandlungen bei Patienten zu verhindern, die rechtlich relevant sein können. Deshalb fordert das hauptstädtische Klinikpersonal einen Tarifvertrag mit verbindlichen Regeln. Des weiteren bekommen Ärzte, die fern ihres Wohnortes leben, keine Ausgleichszahlungen, auch ein Ruheort während des Nachtdienstes fehlt zumeist.

Die Proteste breiten sich aus. In Valencia protestierten Ärzte am vergangenen Donnerstag. Rund 500 von ihnen nahmen unter dem Motto »Ohne Arbeitsrechte werden wir die Krankenhäuser lahmlegen« teil. Die Mediziner fordern den Rücktritt der regionalen sozialdemokratischen Gesundheitsrätin. Die Tageszeitung Las Provincias zitierte am vergangenen Dienstag den Psychiater Juan Pablo Carrasco: »Wir haben einen Lohn, der unwürdig ist, nachdem man sieben Jahre studiert hat.« Es seien nicht mal sieben Euro pro Stunde. Der Applaus für die »Coronahelden« solle sich endlich in garantierten Rechten ausdrücken, stand auf einem Transparent des streikenden Klinikpersonals.

Zahlreiche Entscheidungen im spanischen Gesundheitsbereich obliegen den regionalen Comunidades Autónomas. Regional unterschiedlich wurden in den zurückliegenden Jahren Krankenhäuser privatisiert und Stellen gestrichen. Im Großraum Madrid wurden etliche Kliniken privatisiert, dort sind Covid-19-Opfer auch überproportional häufig. Und Streit gab es beispielsweise zwischen der Zen­tralregierung in Madrid und der katalanischen, der während der Ausgangssperre Kompetenzen entzogen worden waren, obwohl diese behauptete, die Pandemie besser bewältigen zu können.

Das sehen in der Region offenbar nicht alle so. Liberale kritisierten die zu geringe Anzahl neu eingestellter Krankenhausmitarbeiter. Die Folge: Infektionswege konnte nicht schnell genug zurückverfolgt werden, um die Virusausbreitung einzudämmen. Die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, Aktivistin der links-alternative Plattform »Barcelona en Comú«, meinte, die Regionalregierung habe »zu spät« auf die Ausbrüche in Lleida und Barcelona reagiert.

Unterdessen wird der Streik seitens der Gesundheitsbehörden ignoriert, und Lösungsvorschläge aus Madrid erreichten die Streikenden bislang ebenfalls nicht. Das medizinische Personal in Spanien ist während der Pandemie großen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Anfangs fehlte Schutzkleidung, Masken mussten tagelang wiederverwendet, Kittel aus Mülltüten gebastelt werden. Bisher haben sich 52.700 Klinikbeschäftigte mit dem Coronavirus infiziert. Das sind nach amtlichen Statistiken rund 20 Prozent aller registrierten Fälle. Bis zum 5. Juli starben 63 Mediziner und Krankenschwestern.

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