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Aus: Ausgabe vom 25.07.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Reisereportage

Zwischen zwei Ozeanen

Panama ist nicht nur Vogelparadies. Hochhäuser in Städten, an Stränden und auch im Regenwald
Von Maria Indyk
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Wolkenkratzer und Schaluppen: Panama-Stadt verbindet beides

Mit ihrer Skyline aus Glas und Stahl empfängt mich die Hauptstadt Panama-Stadt. Einer der Wolkenkratzer besteht aus gegeneinander versetzten Elementen, die sich zu einer überdimensionalen Schraube drehen. Ein anderer erinnert an ein Segel. In den unterschiedlich geformten Glaswürfeln spiegeln sich Wolken und die Schatten der in den Hochhausschluchten kreisenden Vögel. Entlang der Promenade schaukeln im Meer Schaluppen und Yachten. Die kleinen Boote dienen den Wasservögeln als Ruhe- und Beobachtungsplatz. Vor dem kristallenen Häusermeer – man traut seinen Augen kaum – verschlingt eine Panzerechse einen Fisch.

Die Straße Cinta Costera führt in einem Rundbogen mitten durch das Meer, links und rechts plätschern sanfte Wellen. Das Bild bestimmen jetzt nicht mehr Hochhäuser mit Glasfassaden, sondern die koloniale Architektur der Altstadt mit ihren restaurierten Plätzen und Palästen. An der Uferpromenade wirkt die Atmosphäre entspannt. In der Altstadt ist die Polizei allgegenwärtig und am Uferweg patrouillieren Beamte zu zweit auf Motorrädern. Die Bewohner glauben, die Kriminalität wäre sonst größer. Sie berichten, dass die Ordnungshüter vor kurzem eine Gehaltserhöhung erhalten haben und nach einem halben Jahr versetzt werden, um der Korruption vorzubeugen.

Von Ozean zu Ozean

Die Geschichte des Panamakanals ist allgegenwärtig. Statuen würdigen Personen, die sich für seinen Bau einsetzten und Gedenktafeln an Staudämmen erinnern an Ingenieure, die dafür ihr Leben ließen. Die Schicksale der zu Tausenden verstorbenen Arbeiter bleiben unerwähnt. Sie wurden Opfer von Gelbfieber, Cholera, Malaria, Ruhr, Lungenentzündung und Tuberkulose. Schwarzweiße Arbeiterfotos lächeln dennoch fröhlich und gesund von Schokoladentafeln. Der Kanal, der den Pazifik mit der Karibik verbindet, wird als Panamas wichtigste Touristenattraktion gepriesen. Der Preis für eine Schifffahrt löst bei mir nur Kopfschütteln aus. Die Reise auf der Schiene im Panoramaabteil ist erschwinglich und dauert eine Stunde. So wurden früher Arbeitskräfte und Materialien transportiert. Zwar sind zu beiden Seiten des Kanals Nationalparks, bloß fährt der Zug zu schnell, um Tukane, Wasservögel oder gar Faultiere zu erspähen. Unübersehbar sind abgeholzte Baumstümpfe, die aus dem Gatúnsee ragen. Mit seinem Wasser werden die Schleusen betrieben. Der Unterlauf des Rio Chagres wurde in den Jahren 1907 bis 1913 durch den Gatún-Damm zu dem 26 Meter über dem Meeresspiegel liegenden See aufgestaut und ein dicht bewaldetes Tal geflutet.

Für wenige US-Dollar, Panamas Währung, fahre ich mit dem Bus zurück an den Pazifik. Nimmt man in der Metropole ein Taxi, ist der Sicherheitsgurt des Fahrers schon mal mit einer Wäscheklammer befestigt. Zeitgemäß ist, dass es in der Großstadt in keinem Lebensmittelladen Plastiktüten gibt. Überreicht wird eine Bolsa ecológica (ökologische Tüte), wie der Schriftzug verrät. Sie ist aus einem Material, das dünner als Stoff und Jute ist. Nach Verlassen der Stadt verunstalten Müllberge dennoch die Umgebung von Nationalparks und die tropische Landschaft.

Der Parque Nacional Soberanía liegt neben dem Panamakanal und ist eines der vielen Vogelparadiese des Landes. In seiner Nähe bleibt die Suche nach einer kleinen familiären Unterkunft erfolglos. Untergebracht im Summit Rainforest Resort fällt mein Blick aus dem 7. Stock auf ein Stück Regenwald. Es gibt einen Schmetterlingsgarten, wo Pflanzen mit dem Namen Besos calientes (heiße Küsse) unterschiedliche dieser flatternden Schönheiten zum Saugen einladen. Bananenfalter ziehen die krumme gelbe Frucht vor. Öffnen sie ihre Flügel, schimmern sie dunkelblau. Das strahlend leuchtende Blau des Morpho, auch Himmelsfalter genannt, ist nur für einen Augenblick sichtbar, ruhelos schwirrt er davon. Bei einem kleinen Rundweg auf dem Gelände werden Fauna und Flora auf Schildern erklärt. Ist Fortuna gnädig, werden die Gäste beim Frühstück von einem Halsbandarassari aus der Familie der Tukane beobachtet, der nebenbei die Früchte einer Palme genießt.

Vogelhotspot

Meine Bleibe ist bei Ornithologen beliebt, sie bietet sich als Ausgangspunkt für den Besuch des Parque Nacional Soberanía an. Der Turm zur Vogelbeobachtung entpuppt sich als umgebautes Luxushotel einer ehemaligen US-amerikanischen Radarstation und ist ausschließlich zahlungskräftigen Übernachtungsgästen vorbehalten. Die Wanderung lohnt sich dennoch. Nasenbären und Tamarine zeigen sich, wie auch die sehr kleinen Krallenäffchen mit ihrem dunklen Gesicht und weißen Bauch. Nahe dem Nationalpark liegt der Botanische Garten Parque Municipal Summit. Dort erfreuen nektarsuchende Kolibris in jeder Größe und Farbschattierung die Besucher. Panamas Nationalvogel, die Harpyie, der größte Greifvogel der Welt, sitzt in einem Käfig. Im Märchenwald im Parque Nacional Altos de Campana stehen uralte Baumriesen, deren Äste mit Bromelien, Moosen und Flechten überwuchert sind. Das tröstet mich darüber hinweg, dass sich weder der Weißschulterkapuzineraffe noch der – wegen seiner gelben Färbung mit schwarzen Punkten auch als Harlekinfrosch bekannte – Panama-Stummelfußfrosch blicken lassen.

Ganz in der Nähe liegt die Halbinsel Punta Chame. Eine langgezogene Landzunge, die in den Golfo de Panamá ragt. Die Landschaft ist karg und ohne natürlichen Schutz vor der Sonne. Strände wie Playa Gorgona, Coronado und Nueva Gorgona sind aufgeteilt in Privatgrundstücke und zugebaut mit mindestens zwölfstöckigen Hotelanlagen. Nur an wenigen Stellen ist der Sandstrand öffentlich zugänglich, und bei Flut verschwindet er größtenteils im Meer. Weiter an der Pazifikküste geht es nach Las Lajas. Ein verträumter Ort mit kleinen Restaurants und familiären Unterkünften. Der Strand ist 20 Kilometer lang und mit Palmen gesäumt. In der Finca »Buena Vista« gibt es Tipps für die Beobachtung von Brüllaffen und für Ausflüge in die Berge.

Auf dem weitläufigen Gelände summen winzige Kolibris umher und abends leuchten Glühwürmchen. Gelbohrfledermäuse haben die Dachnische der Finca als Ruheplatz gewählt und vielleicht besucht ein Leguan kurz den Pool. Die Inhaber beteiligen sich an einem Aufforstungsprogramm und versorgen potentielle Einwanderer mit Informationen. Die Besitzerin erzählt, dass es zwar eine Krankenversicherung gibt, die von Beschäftigten zu 50 Prozent finanziert wird, aber: »Wer es sich leisten kann, versichert sich privat. Denn mit einer gebrochenen Hand und kommunaler Krankenversicherung wird man erst drei Wochen später verarztet.«

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Der Panamakanal: An die Ingenieurskunst wird erinnert, an die Tausenden Arbeiter, die beim Bau ihre Leben ließen, nicht

Panamas einziger Vulkan Barú ist 3.475 Meter hoch und damit der größte Berg des Landes. Er hat sieben Krater und ist vor 500 Jahren das letzte Mal ausgebrochen. Es gibt zwei Möglichkeiten, den weitläufigen Parque Nacional Vulcán Barú zu besuchen. Von dem touristischen Örtchen Boquete führen etliche Wanderwege hinein. Einer der schönsten Pfade ist der Sendero Los Quetzales, benannt nach dem Göttervogel mit dem grünen und scharlachroten Gefieder. Die Herrscher des Mayareichs machten ihren Kopfschmuck aus seinen langen Schwanzfedern. Das Wetter ist auf dieser Höhe generell schlecht, man wandert bei Dauerregen und der Schöngefiederte lässt sich nicht blicken.

Am 28. November feiert Boquete seine Unabhängigkeit von Spanien, Spielmannszüge aus ganz Panama reisen an und die Trommeln schweigen drei Tage und Nächte nicht. Buden und Tribünen sind aufgebaut und es herrscht trotz Dauerregen Volksfeststimmung. Das Städtchen Volcán liegt auf einem ca. 1.200 Meter hohen Plateau an der Westflanke des Vulkans Barú und strahlt, anders als Boquete, eine entspannte Atmosphäre aus. Wählt man die Route von hier in den Park, zeigt sich der Feuerberg schon mal in der Abendsonne. Erreicht man den Gipfel, sieht man an klaren Tagen gleichzeitig die Karibik und den Pazifik.

Schwieriger Naturschutz

Nahe der karibischen Küste liegt der Nationalpark San San-Pond Sak. Mit einem Boot wird eine mitten im Mangrovenwald liegende Aussichtsplattform erreicht, von der aus Seekühe zu sehen sind, die sich genüsslich Bananenstauden samt Blättern einverleiben. Während einer Bootsfahrt entdecke ich jede Menge Faultiere. Wir steuern auch den kilometerlangen Strand an, wo geschlüpfte Meeresschildkröten ins rettende Nass gelangen – obwohl sich im November und Dezember keine blicken lässt. Damit die Tiere gefahrlos das Meer erreichen können, und die natürlichen Ressourcen des Nationalparks geschützt werden, wurde im Jahr 2000 im Rahmen einer von der Nationalen Umweltbehörde geförderten Strategie die Organisation AAMVECON gegründet. Ziel ist die Verwaltung und der Erhalt des Schutzgebietes gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung.

Der Nationalpark registriert seine Gäste – die meisten kommen aus Deutschland. Auch Geld kommt von dort. Um sich von der Kritik an der Missachtung sozialer und ökologischer Standards beim Anbau von Bananen und anderer Südfrüchte reinzuwaschen, wirbt der Lebensmittelkonzern Rewe seit Jahren mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie. Seit 2009 ist er neben dem costaricanischen Bananenproduzentenverband Corbana und dem US-Unternehmen Chiquita am öffentlich-privaten Projekt »Alianza Público-Privada Changuinola-Sixaola« beteiligt. Allein die Hälfte des Budgets steuert die deutsche staatliche Entwicklungsorganisation GIZ bei.

Kurz vor der Grenze zu Costa Rica in der Umgebung der Stadt Changuinola sehen wir einen Blütenteppich. Es sind Panamas Cashewbäume (árbol del marañón curazao), die im südamerikanischen Frühling in einem unglaublichen Pink erblühen. In anderen mittelamerikanischen Ländern schien mir die Karibik immer reizvoller als der Pazifik, in Panama ist es umgekehrt. Neben dem bereits beschriebenen Strand nahe La Lajas gibt es an der Pazifikküste noch den kleinen Ort Boca Chica im Parque Nacional Marino de Chiriquí. Mit dem Boot gelangt man von dort zu etlichen Inseln, die zu dieser Jahreszeit »karibischer als die Karibik« sind. Die Chancen sind groß, einen kurzen Blick auf Meeresschildkröten zu erhaschen. Und man ist buchstäblich von Bilderbuchstränden umgeben. Vor Boca Chica liegt auf Sichtweite ein Eiland, auf dem es Brüllaffen gibt und das man für einen US-Dollar mit dem Boot erreicht.

Auf dem Weg nach Boca Chica passiert man das Dorf Horconcitos. Anfang Dezember heißt es dort sehen und gesehen werden – hoch zu Ross und in den feinsten Satteln sitzend. Frauen und Männer mit Hut und Reitbekleidung bestimmen das Bild. Was an eine nicht so ferne Zeit erinnern soll, in der kein Auto, sondern ein Vierbeiner vor dem Haus stand, wirkt auf den Besucher eher wie ein: »Seht her, ich hab und bin das beste Pferd im Stall«.

Weiter an der Pazifikküste liegt der Strand Playa Barqueta an der Bahia de Charco Azúl. Im nahegelegenen Hinterland gibt es ein Sumpfgebiet, in dem Waldstörche mit dunklem Kopf und Schnabel einherschreiten. In ihrer Nähe suchen Gabelschwanzschwalben nach Nahrung. Selbst Raben- und Geierfalken wie den Schopfkarakara bekomme ich zu Gesicht. Er gehört nicht zu den Virtuosen der Lüfte und bevorzugt den Boden. Eigentlich ist auch dieser Strand weitläufig und schön. Ein Schild informiert, dass Schildkröten den Weg kreuzen. Leider ausgerechnet neben einem Restaurant und einem sehr großen, mit Palmenblättern überdachten Sonnenschutz für die zahlreich Badenden.

Zwar ist das Gebiet, wo die Tierchen schlüpfen, mit Drahtkörben und einer Absperrung gesichert – nur professionell wirkt das Ganze keineswegs. Eine kleine geschlüpfte Lederschildkröte ist nachmittags immer noch nicht im Meer, sondern auf einer Hand, die sie streichelt. Die Frage, ob sie krank ist, wird verneint. Ganz nah steht noch ein mehrstöckiger, alles überragender, reizlos hoher Wohnturm mit Balkonen. Er erinnert an eine Vogelscheuche. In seiner Fassade spiegelt sich weder Sonnenstrahl noch Sternenhimmel.

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