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Aus: Ausgabe vom 24.07.2020, Seite 15 / Feminismus
Haushaltshilfen

Ständische Emanzipation

»Wochenenden sind zum Brunchen da« – nur nicht für alle: Überwiegend weibliche Haushaltshilfen ermöglichen Gleichstellung in der Mittelschicht
Von Claudia Wangerin
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Protestaktion der Minijob-Zentrale: Mit Puppe gegen Schwarzarbeit in Privathaushalten (Chemnitz, 2015)

Haushaltshilfen seien oft schwer zu finden, beklagte am Montag die Deutsche Presseagentur (dpa) und gab dazu die Ergebnisse einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Minijob-Zentrale der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See wieder. »Rund jeder fünfte Bundesbürger nimmt inzwischen die Unterstützung einer bezahlten Haushaltshilfe in Anspruch«, hieß es in dem Bericht.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) habe aber schon vor einiger Zeit festgestellt, dass immer mehr Haushalte vergeblich eine suchten. Nicht nur Rentner, die sich altersbedingt nicht mehr ausreichend um Haus und Garten kümmern können, sondern auch Menschen in der »Rushhour des Lebens«, den Dreißigern und Vierzigern, wünschten sich Unterstützung – um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.
Das heißt: Ohne Aufstockerinnen und »Dazuverdienerinnen« – rund 90 Prozent der angemeldeten Haushaltshilfen sind weiblich – sähen scheinbar moderne Mittelschichtspaare mit Kindern alt aus. Erst Frauen, für die Arbeit alles andere als Selbstverwirklichung ist, ermöglichen ihnen eine halbwegs gleichberechtigte Karriereplanung.
Die »Vier-in-einem-Perspektive« der marxistischen Feministin Frigga Haug, die für alle Menschen etwa gleich viel Erwerbs- und Reproduktionsarbeit sowie gesellschaftliches Engagement und »Arbeit an sich selbst«, also Weiterbildung und Muße vorsieht, erscheint einmal mehr als ferne Utopie.

Mit dem Werbespruch »Wochenenden sind zum Brunchen da« versucht derweil die Internet-Putzkraftbörse »Helpling« ihren Kundenstamm zu vergrößern. In »Sozialen Netzwerken« stieß das nicht auf ungeteilte Begeisterung: »Es sei denn, Sie haben wenig Einkommen, dann putzen Sie bitte auch noch fremde Wohnungen am Wochenende« – »Werbung für Premiummenschen« und »Kein Problem, sich bezahlt im Haushalt helfen zu lassen. Geht aber auch ohne Herrenmenschperspektive«, lauteten unlängst kritische Twitter-Kommentare dazu.
Und es ist wahr: Nicht nur reiche Snobs lassen putzen – allerdings wäre bei denen zumindest theoretisch mehr zu verdienen – und zwar auch legal. Aus einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ging 2019 hervor, dass fast 90 Prozent der Haushaltshilfen undokumentiert arbeiteten – ohne steuerliche Abzüge, aber eben auch ohne Anspruch auf Rentenbeiträge, bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Im Vergleich zum Jahr 2005 war demnach der Anteil illegaler Beschäftigung von damals rund 93 Prozent auf 88,5 Prozent gesunken. »Haushaltsnahe Dienstleistungen« sind zwar steuerlich absetzbar, aber den bürokratischen Aufwand scheuen oft beide Seiten, denn vor Altersarmut retten derlei Jobs Frauen in der Regel sowieso nicht.

Die Umfrage im Auftrag der Minijob-Zentrale ergab allerdings auch, dass viele berufstätige Menschen, die es zeitlich nicht schaffen, ihre Wohnung sauberzuhalten, ein Privatsphäreproblem mit fremden Haushaltshilfen haben. Die meisten hören sich lieber in der Nachbarschaft oder im Bekanntenkreis um, statt Stellenanzeigen zu lesen oder in Jobbörsen im Internet nach geeigneten Kandidaten zu suchen. »Die persönlichen Grenzen und Hürden sind groß, unbekannten Menschen Eintritt ins Private zu gewähren«, erklärte laut dpa-Bericht die Soziologin Claudia Neu die Zurückhaltung, hippe Onlineplattformen wie »Helpling« für die Suche zu nutzen.

Nun, vielleicht würden diese Menschen ja lieber selbst putzen und dafür ihre Privatsphäre wahren, wenn sie denn etwas mehr Zeit hätten. Als Anhängerin der »Vier-in-einem-Perspektive« hat Linksparteichefin Katja Kipping vor wenigen Tagen einen im Grunde noch moderaten Vorstoß gewagt und die flächendeckende Einführung einer Vier-Tage-Arbeitswoche vorgeschlagen. Beschäftigte würden dadurch nicht nur glücklicher und gesünder, sondern auch produktiver, sagte sie der Rheinischen Post. Als Anschubfinanzierung könne ein neues Kurzarbeitergeld dienen. Firmen, die die Arbeitszeit entsprechend verkürzten, sollten ein Jahr lang einen Lohnzuschuss bekommen. Danach müsse ein Tarifvertrag beziehungsweise eine Betriebsvereinbarung über eine Vier-Tage-Woche oder eine Höchstarbeitszeit von 30 Stunden ohne weitere staatliche Finanzierung abgeschlossen werden. Was in Deutschland vielfach als linke Traumtänzerei abgetan wird, kommt in Neuseeland von der sozialdemokratischen Premierministerin Jacinda Ardern: Sie hatte im Mai die Unternehmer des Landes aufgefordert, über die Vier-Tage-Woche zumindest nachzudenken.

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