Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Gegründet 1947 Dienstag, 4. August 2020, Nr. 180
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti« Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Aus: Ausgabe vom 24.07.2020, Seite 12 / Thema
Massaker in Indonesien

Präventive Konterrevolution

Das Massaker in Indonesien 1965/66 (Teil II und Schluss): Was für die politische Führung in Washington im Zuge ihres Aggressionskrieges in Indochina mit einem Debakel endete, glückte US-Militärstrategen in dem südostasiatischen Inselstaat
Von Rainer Werning
1121.jpg
Gewollte Zerstörungswut. Indonesische Soldaten nach einem Angriff von indonesisch-chinesischen Studenten auf die chinesische Botschaft in Jakarta im April 1966 (links), ein von muslimischen Studenten zerstörter kommunistischer Buchladen 1965 in Jakarta (rechts)

»Indonesien ist das Beste, was Uncle Sam nach dem Kriegsende passierte.« – Ein hochrangiger Weltbank-Mitarbeiter¹

Vor 55 Jahren entfesselte das indonesische Militär im Zeichen eines aggressiven Antikommunismus das bis dahin größte Massaker nach dem Zweiten Weltkrieg. Was die USA 1965/66, auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges, nicht vermochten, sollte ihnen zur gleichen Zeit in Indonesien gelingen. Nutznießer dieser Entwicklung war ein Militärregime unter Führung von General Suharto, der bis zum Ende seiner Amtszeit 1998 vorbehaltlos Rückendeckung seitens der »westlichen Wertegemeinschaft« genoss.

Washington hielt zu jener Zeit noch immer an der 1954 von Präsident Dwight D. Eisenhower verkündeten Dominotheorie fest. Eine im Kern dumpfe Theorie, wonach andere Staaten in Südost- und Ostasien wie Thailand, Malaysia, Indonesien und Südkorea der Reihe nach – eben wie Dominosteine – umkippen und so in den Machtbereich des Kommunismus geraten könnten

Im erlauchten Zirkel der damaligen politischen Elite Washingtons wirkte mit Walt W. Rostow auch ein Wirtschaftshistoriker, der mit seiner 1960 veröffentlichten Studie »The Stages of Economic Growth. A Non-Communist Manifesto« (Titel der deutschen Ausgabe: »Stadien wirtschaftlichen Wachstums. Eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie«) wissenschaftlich belegen wollte, dass die wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung von Staaten im Kapitalismus zu ihrem endgültigen Ziel gelange, der Kommunismus hingegen nichts anderes sei als »eine Krankheit im Übergangsprozess von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft«. Zugleich vertrat er entschieden die Auffassung, die USA müssten eine aktive Entwicklungspolitik betreiben, um ehemalige Kolonialstaaten bei deren Modernisierungsprozess gegen eben jene kommunistische »Krankheit« zu immunisieren.

In akademischen Kreisen dies- wie jenseits des Atlantiks galt Rostows Buch als eine Art Heilslektüre. Wie einst christliche Missionare schickten sich nunmehr Ökonomen und Sozialwissenschaftler im Dienste der »großen Politik« an, »westliche« Wertevorstellungen »traditionellen Gesellschaften« überzustülpen und diesen einen »Entwicklungsweg« von freiem Markt und ungebremster Kapitalakkumulation vorzuschreiben. In diesem Zusammenhang verwundert es nicht, dass erstmals unter der kurzen Präsidentschaft John F. Kennedys das Thema »Counterinsurgency«, also »Aufruhr-« oder »Aufstandsbekämpfung« Priorität genoss. Und ausgerechnet mit Rostow, in der Kennedy-Administration stellvertretender und in der nachfolgenden Regierung unter Lyndon B. Johnson oberster Sicherheitsberater des Präsidenten, agierte ein Zivilist als erbittertster »Falke«.

Mandarine »made in USA«

Indonesien war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Südostasien das erste Land, das am 17. August 1945 seine Unabhängigkeit vom mehr als drei Jahrhunderte währenden Kolonialjoch der Niederlande erklärte. Wenngleich Washington keine politische Vorliebe für die Gründerväter eines unabhängigen Indonesien, Sukarno und Mohammad Hatta, hegte, hatte es in den darauffolgenden Jahren zumindest Möglichkeiten, seinen Einfluss im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich geltend zu machen.

Vor allem die beiden großen Stiftungen in den USA, die Ford und die Rockefeller Foundation, votierten bereits vor Eisenhowers Verkündung der Dominotheorie dafür, gegen die »kommunistische Aggression« künftige Kader aus befreundeten Ländern jenseits des Pazifiks an den eigenen Universitäten und anderen Lehreinrichtungen – inklusive Militärakademien – im Geiste des »freien Westens und Unternehmertums« auszubilden. Zu diesen geschulten Eliten zählten als notwendige Fachkräfte im Prozess des »State-« bzw. »Nation-building« keineswegs ausschließlich Zivilisten. Militärs wurden gleichermaßen geschätzt, sofern auch sie sich dem Aufbau eines »modernen Landes« verpflichtet fühlten.

Was seinerzeit unter den »Eliteuniversitäten« in den USA Rang und Namen hatte – vornehmlich das Massachusetts Institute of Technology (MIT), Harvard, die University of California in Berkeley und Cornell –, verschrieb sich der Schaffung von Länderprogrammen und dem Austausch von (angehenden) Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern der entsprechenden Fakultäten. Fungierten dabei die Ford- und die Rockefeller-Stiftung als großzügige Mäzene, so waren es zudem das Außenministerium, das Verteidigungsministerium, das von der CIA maßgeblich gesponserte Center for International Studies (in dem auch Rostow wirkte) und die vorrangig der U. S. Air Force zuarbeitende Rand Corporation im kalifornischen Santa Monica, die je nach Interessenlage Geld für die Ausbildung von Experten in Asien, Afrika und Lateinamerika zuschossen.

Nur folgerichtig entwickelten sich so neben intensiven US-amerikanisch-indonesischen Beziehungen im akademischen Bereich enge Kontakte und rege Austauschprogramme auf höchsten militärischen Ebenen. Hauptansprechpartner auf indonesischer Seite war das Seskoad, das indonesische Armeekommando- und Generalstabskolleg, an dem der oberste Generalstab über alle wesentlichen organisatorischen wie politischen Angelegenheiten entschied. Gleichzeitig erhielten hier höhere Offiziere eine Zusatzausbildung und wurden mit neuen Methoden und Handbüchern zur Counterinsurgency-Strategie ausgestattet, die unter anderem an der US-Militärakademie in West Point entwickelt worden waren. Ransom beziffert die Zahl des bis 1965 in diesen US-Militäreinrichtungen geschulten indonesischen Personals auf 4.000 Offiziere.²

»Stör- und Bedrohungsfaktoren«

Als überaus kritisch schätzte die US-Regierung unter Lyndon B. Johnson die politische Situation in Indonesien Anfang 1965 ein, das die Vereinten Nationen verlassen hatte, nachdem die britische Exkolonie Malaysia als nichtständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat aufgerückt war. Im Juni 1964 hatte die Zeitung der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI), Harian Rakyat (Volkszeitung), die Zahl der Parteimitglieder mit mehr als drei Millionen angegeben – ein nachgerade phänomenales Wachstum gegenüber den 8.000 Mitgliedern zur Zeit der Ausrufung der Unabhängigkeit. Insgesamt gab es der Parteizeitung zufolge Mitte der 1960er Jahre 18 Millionen Mitglieder und Sympathisanten von der PKI nahestehenden Organisationen – darunter die Gewerkschaft Sobsi, die Volksjugend, die Frauenbewegung Gerwani sowie die Bauernfront BTI. Damit war die PKI nach der KP Chinas und der KPdSU die weltweit drittgrößte kommunistische Partei – aus der Sicht einflussreicher konservativer Kräfte im Lande und in Washington eine veritable Herausforderung und Bedrohung. Zumindest in der Außenpolitik herrschte zwischen der PKI und Sukarno, damals noch Staatspräsident Indonesiens, Einigkeit über einen antiimperialistischen Kurs, was letzterer bereits 1955 als Gastgeber der Bandung-Konferenz signalisiert hatte, auf der der Startschuss zur Gründung der Bewegung der blockfreien Staaten erfolgt war.

Überdies waren führende PKI-Kader wie Generalsekretär Dipa Nusantara Aidit und Njoto (2. Vize­präsident der PKI und Herausgeber von Harian Rakyat) immerhin bis August 1964 Mitglieder der Sukarno-Regierung. Anfang 1965 forderten PKI-Minister den Präsidenten auf, unter den Arbeitern und Bauern die Schaffung bewaffneter Volksmilizen zuzulassen. Diese Forderung war gänzlich abwegig, weil zu diesem Zeitpunkt das Militär längst die eigentliche Macht im Staate war und im Gegensatz zu Sukarno oder der PKI die Kontrolle über die Waffen innehatte. Bereits 1959 waren der ehemalige Verteidigungsminister und Stabschef der Streitkräfte, General Abdul Haris Nasution, und Sukarno als Wortführer der »gelenkten Demokratie« aufgetreten, die letztlich der Zentralisierung und Konzentration der Staatsapparate – freilich unter militärischer Ägide – diente.

Konsultationen zwischen hochrangigen indonesischen und US-amerikanischen Militärs ließ in einem Teil des jüngeren Offizierskorps und in der PKI-Spitze die Befürchtung keimen, ein Washington zugeneigter und wohlgesinnter »Rat der Generäle« plane Schritte, um Sukarno zu entmachten, linke Nationalisten, Gewerkschafter und Kommunisten auszuschalten, eine außenpolitische Kehrtwende (in Richtung Westen) vorzunehmen, zwischenzeitlich verstaatlichten Besitz an die früheren ausländischen (niederländischen, britischen und US-amerikanischen) Eigentümer zurückzugeben und das Land gezielt für ausländische Investitionen zu öffnen. Dieser Plan, so befürchtete man weiter, werde aller Voraussicht nach am 5. Oktober ausgeführt, da dies der Jahrestag der indonesischen Streitkräfte ist und deshalb die Konzentration größerer Truppenverbände in der Hauptstadt wenig Verdacht schöpfen würde.

Ein Putsch, der keiner war

Diesem Plan, so er tatsächlich bestand, kam der in der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober 1965 von Oberstleutnant Untung, dem Chef der Leibgarde Sukarnos, inszenierte »Gegenputsch« zuvor. Seinen Truppen gelang es, sechs ranghoher Generäle – darunter des Chefs des Heeres, Generalleutnant Ahmad Yani – habhaft zu werden. Die gefangengenommenen Generäle und einer ihrer Adjutanten wurden getötet, ihre Leichen anschließend in einen Brunnen in der Nähe des Flughafens und Luftwaffenstützpunkts Halim geworfen, wo sich Untung und seine Leute verschanzt hielten.

Über Radio Jakarta wurde am Morgen des 1. Oktober die Konstituierung eines »Revolutionsrates« bekanntgegeben. Auffällig war, dass sich dieser »Rat« aus zahlreichen Militärs und zig Personen zusammensetzen sollte, die darüber nicht einmal informiert waren oder offen der anderen Seite zuarbeiteten. So nebulös und dilettantisch der Plan, so diffus die politische Plattform der Gefolgsleute Untungs waren, die sich selbst den Namen »Gerakan September Tiga Puluh«, »Bewegung 30. September« (kurz: Gestapu) gegeben hatten, so rasch stürzten sie auch in sich zusammen. Sukarno bewahrte Stillschweigen, und seitens der PKI-Spitze war nur die verhängnisvolle Parole zu vernehmen: Ruhe bewahren, alles sei unter Kontrolle und das Wohlergehen Sukarnos gesichert. Tatsächlich hatte aber der Chef der strategischen Heeresreserve (der Eliteeinheit Kostrad) unter dem Befehl von Generalmajor Suharto binnen weniger Stunden alles unter seiner Kontrolle. Nicht zuletzt deshalb, weil einige der Gestapu-Leute zu seinen Vertrauten zählten. Bereits am späten Abend des 1. Oktober war der »Putsch« gescheitert. Was umgehend folgte, war die gnadenlose Rache der Sieger.

»Heile Welt – freie Welt«

Erklärtes Ziel seitens des Westens war fortan, nicht nur Indonesien in das Gefüge der »westlichen Wertegemeinschaft« und in den globalen antikommunistischen Block zu integrieren, sondern auch in dem größten, bevölkerungsreichsten und lukrativsten Markt Südostasiens Fuß zu fassen und sich dort dauerhaft fest zu etablieren. Auf diese Weise sollte auch ein neues Geschäftsklima geschaffen werden, Privatunternehmen und »Entwicklungsländer« für ihre gegenseitigen Interessen, ihren Profit und für den noch größeren der freien Welt zusammenarbeiten.

Bereits vom 2. bis zum 4. November 1967 traf sich zu diesem Zweck eine hochrangige indonesische Delegation, darunter Außenminister Adam Malik, in Genf mit einer erlesenen Auswahl US-amerikanischer und europäischer Geschäftsleute zu einer Indonesian Investment Conference, die eigens auf Kosten des US-Verlags Time Life eingeflogen worden waren. Die indonesische Seite bot bei der Gelegenheit »politische Stabilität, ein schier unerschöpfliches Reservoir an billigen Arbeitskräften, einen riesigen Markt, eine Schatzkammer voller natürlicher Ressourcen sowie an nationalen und internationalen Universitäten bestausgebildete Fachkräfte, die jederzeit hilfreich zur Seite stehen, um neuen Wirtschaftsunternehmungen zum Erfolg zu verhelfen«. David Rockefeller, Vorsitzender der Chase Manhattan Bank, dankte Time Life anschließend für die Gelegenheit, sich mit »Indonesiens Topwirtschaftsteams« zu treffen und sich von deren »hohen Bildungsqualität« überzeugen zu können.

Im Juni 1968 organisierte Suharto im Gegenzug ein Wiedertreffen der in Jakarta als »Berkeley-Mafia« bezeichneten Technokraten und Wirtschaftsfachleute. Etliche bedachte er mit Ministerposten. Um was es bei alledem wirklich ging, zeigte sich ein Jahr später, als 23 Firmen, unter ihnen 19 aus den USA, Konzessionen für Ölbohrungen in der Javasee und anderen Küstengewässern Indonesiens erhielten. Überhaupt: Wer ab 1965/66 in Indonesien unternehmerisch Fuß fassen wollte, musste über Suharto-Getreue bzw. ein engmaschiges Netz von Loyalisten als »Berater« verfügen. Zu diesen zählte Suhartos engster Wirtschaftspartner Mohammad (»Bob«) Hasan. Beide hatten bereits vor 1965 eine Reihe lukrativer Geschäfte betrieben, was Suharto ermöglichte, daraus erzielte Gewinne für sich als früherer Kommandeur der Diponegoro Division und ihm treu ergebene Offiziere einzustreichen.

US-Logistik für Suhartos Staatsterror

Eine Fülle von Beweismaterial staatsterroristischer Schurkereien liefert das vom State Department erstellte Geschichtsbuch »Die auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten, 1964–68 – Band XXVI: Indonesien; Malaysia-Singapur; Philippinen« über die Rolle der USA im Indonesien der 1960er Jahre, von dem ein Exemplar durch ein »peinliches Missgeschick«, so Mark Mansfield, ein Sprecher der CIA, Ende Juli 2001 gegenüber der New York Times, an Mitarbeiter des National Security Archive der George Washington-Universität in Washington gelangte. Deren Mitarbeiter plazierten dieses Dokument am 27. Juli 2001 auf ihrer Homepage im Internet.

So leitete beispielsweise die US-Botschaft in Jakarta am 13. November 1965 Informationen der indonesischen Polizei weiter, wonach »jede Nacht zwischen 50 und 100 PKI-Mitglieder in Ost- und Zentraljava getötet« wurden. Dieselbe Behörde kabelte am 15. April 1966 die Notiz nach Washington: »Wir wissen – ehrlich gesagt – nicht genau, ob die tatsächliche Zahl (getöteter Kommunisten – R. W.) näher bei 100.000 oder bei 1.000.000 liegt, doch wir halten es für klüger, vor allem im Falle von Nachfragen seitens der Presse, von der niedrigeren Schätzung auszugehen.« Auf Seite 339 heißt es, man habe sich auf Initiative des Außenamtsmitarbeiters Richard Cabot Howland schließlich 1970 auf die Zahl von 105.000 getöteten Personen verständigt. Der damalige US-Botschafter in Jakarta, Marshall Green, funkte am 10. August 1966 nach Washington, die Botschaft habe eine von ihr erstellte Liste mit den Namen führender PKI-Kader den indonesischen Sicherheitskräften übermittelt, denen es offensichtlich an solchen Informationen gemangelt habe.

Allem Anschein nach hatte die CIA bereits vor 1965 Zugang zu Geheimakten über die PKI, die in der G-2-Sektion, der Abteilung für nachrichtendienstliche Aktionen und Aufklärung der indonesischen Armee, gelagert waren. Doch die indonesischen Akten wurden von US-Analysten unisono als unzureichend betrachtet, da sie PKI-Funktionäre lediglich auf »nationaler« Ebene identifizierten, nicht aber auch die Tausenden ihrer Kader auf regionaler und kommunaler Ebene aufgelistet hatten, die verdächtigt worden waren, in Geheimoperationen oder in Kurier- oder Finanzierungsgeschäfte verstrickt gewesen zu sein.

Die Zustimmung zur Herausgabe der Namenslisten kam von der Spitze der US-Botschaft. Der damalige Botschafter Marshall Green bestätigte später in einem Interview: »Wir hatten viel mehr Informationen über die PKI als die Indonesier selbst«.³ Robert J. Martens, Analyst der indonesischen Linken an der US-Botschaft in Jakarta, »sagte mir bei mehreren Gelegenheiten, dass die Regierung über keine sehr guten Informationen über die kommunistischen Pläne verfügte, und er vermittelte mir den Eindruck, dass unsere Informationen weitaus besser waren als all das, worüber die indonesische Regierung verfügte«. Informationen über die Gefangenen und Getöteten kamen unmittelbar von Suhartos Einsatzzentralen, so Joseph Lazarsky, der 1965 stellvertretender Stationschef der CIA in Jakarta war. »Wir erhielten in Jakarta eine umfassende Zusammenstellung, wer aufgegriffen wurde. Die Armee verfügte über eine ›Abschussliste‹ von etwa 4.000 bis 5.000 Leuten.«⁴

Howard Federspiel, 1965 als Indonesien-Experte im Büro für nachrichtendienstliche Aufklärung und Forschung im State Department tätig, konstatierte nach einer Ende Januar 1966 vorgenommenen Abgleichung US-amerikanischer mit indonesischen Todes- und Verhaftungslisten, dass die Armeeführung unter Suharto die PKI zerstört habe. »Keinen kümmerte das«, erklärte Federspiel in einem Interview mit der Journalistin Kathy Kadane, »solange es sich um Kommunisten handelte, die abgeschlachtet wurden.«⁵

Vor allem William Colby, damals Direktor der CIA-Fernostabteilung, und Edward E. Masters, Chef der politischen Abteilung der Botschaft, ging es zuvörderst um »umfassendere«, »verfeinerte« Todeslisten. Wiederholt hatten sie bemängelt, dass die indonesischen Behörden lediglich über nationale Auflistungen von PKI-Mitgliedern und -sympathisanten verfügten, nicht jedoch über entsprechende regionale und lokale Listen. Colby und sein Stab hatten deshalb fieberhaft an der Erstellung solcher Listen gearbeitet, was ihm nach eigenem Bekunden im Rahmen der Operation »Phönix« in Vietnam zugute kam. Bei dieser im Dezember 1967 auf Weisung der CIA initiierten gemeinsamen US-amerikanisch-südvietnamesischen Operation ging es darum, mit Hilfe identifizierter Strukturen des politischen Untergrunds so viele Mitglieder der Nationalen Befreiungsfront – der Verbündeten Nordvietnams – wie möglich »zu neutralisieren«. Ohne solche Listen, erklärte Colby, »kämpfst du blind«.

Bis Ende Januar 1966, so Joseph Lazarsky, waren so viele Namen auf den Todeslisten abgehakt, dass die CIA-Analysten in Washington zu dem Schluss gelangten, die PKI-Führung sei gänzlich ausgeschaltet. Auf Nachfragen erklärte Colby: »Wir kamen zu dem Schluss, dass mit dieser drakonischen Art, wie die Operationen durchgeführt wurden, die Kommunisten um viele Jahre zurückgeworfen wurden.« Im Juni 1966, nachdem das »große Schlachten« vorbei war, kommentierte die New York Times lakonisch mit der Schlagzeile »Ein Lichtschimmer in Asien«.⁶ James Reston, damals der angesehenste politische Berichterstatter und Kommentator der Zeitung, verglich die entmutigenden Nachrichten aus Vietnam mit »den hoffnungsvolleren Entwicklungen in Asien«, wo sich »die schonungslose Transformation Indonesiens von einer prochinesischen Politik unter Sukarno hin zu einer herausfordernden antikommunistischen Politik unter Suharto« vollzogen habe. In beiden Ländern, so fügte er hinzu, sei es immerhin um eine synchronisierte und miteinander verwobene Planungspolitik Washingtons gegangen. »Es ist zweifelhaft«, so Reston in dem oben genannten Beitrag in der New York Times, »ob der Coup jemals ohne die amerikanische ›Show of strength‹ in Vietnam oder die klandestine Hilfe von hier aus geglückt wäre beziehungsweise hätte durchgeführt und aufrechterhalten werden können«.

Neben der Offiziersausbildung und Bereitstellung sensibler nachrichtendienstlicher Erkenntnisse leisteten die USA auch handfeste logistische Unterstützung für Suhartos Truppen. Das betraf Waffen ebenso wie die Lieferung von Jeeps und modernsten Funkgeräten. All das war in großen Vorräten auf dem nördlich von Manila gelegenen US-Luftwaffenstützpunkt Clark Air Base in den Philippinen gelagert und konnte binnen weniger Stunden nach Jakarta gebracht werden. Vor allem dank modernsten Funkgeräten konnten Mängel in der Armeekommunikation unverzüglich behoben werden. Zuvor nämlich hatte es keine Möglichkeiten gegeben, dass sich Truppen auf Java und den weiter abgelegenen Inseln direkt mit Jakarta absprechen konnten.

So hatte sich letztendlich jenes Szenario realisiert, das Greens Vorgänger, US-Botschafter Howard Jones, sehnlichst herbeigewünscht hatte: »Aus unserer Sicht wäre natürlich ein erfolgloser Coupversuch seitens der PKI«, hatte er bereits am 10. März 1965 anlässlich einer gemeinsamen Regionalkonferenz von US-Chefdiplomaten in der nordphilippinischen Stadt Baguio erklärt, »die mit Abstand beste Entwicklung, um die politischen Trends in Indonesien umzukehren«.⁷

Anmerkungen

1 zit. in: D. Ransom, 1970, S. 26

2 ebd.

3 Kadane, 1990b

4 ebd.

5 Kadane, 1990a

6 Reston, 1966

7 Kahin & Kahin, 1995, S. 225

Quellen und weiterführende Literatur

Benedict R. O’G. Anderson & Ruth T. McVey (1971): A Preliminary Analysis of the October 1, 1965 Coup in Indonesia. Ithaca, NY (Cornell Modern Indonesia Project)

Bryan Evans III (1988):The Influence of the United States Army on the Development of the Indonesian Army (1954–1964). Ithaca, NY: Cornell University

Richard W. B. Hutton (2019): Jakarta knows best: US defense policies and security cooperation in 1950s Indonesia. Fort Leavenworth, Kan.: [A US Army Command and General Staff College Press Book]

Gregory Jany (2020): Military Modernizers: US Military Aid and the Indonesian Civic Action Program, 1958–1965. New Haven, CT: Yale University

Kathy Kadane (1990a): Ex-agents say CIA compiled death lists for Indonesians: After 25 years, Americans speak of their role in exterminating Communist Party, in: San Francisco Examiner, May 20

Kathy Kadane (1990b): U.S. Officials’ Lists Aided Indonesian Bloodbath in ‘60s, in: The Washington Post, May 21

Audrey R. Kahin & George McTurnan Kahin (1995): Subversion as Foreign Policy: The Secret Eisenhower and Dulles Debacle in Indonesia. New York

David Ransom (1970): The Berkeley Mafia and the Indonesian Massacre, in: Ramparts (San Francisco, CA), Vol. 9, No. 4 (October), S. 26–49

James Reston (1966): A Gleam of Light in Asia, in: The New York Times, June 19

John Roosa (2020): Buried Histories: The Anti-Communist Massacres of 1965–1966 in Indonesia. Madison, WI

Bradley R. Simpson (2008): Economists with guns: authoritarian development and U.S.-Indonesian relations, 1960–1968. Stanford, CA

Sukendro, Adam Malik, and the Black Bags, in: Tempo vom 6.10.2015. Jakarta

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Ein Herz und eine Seele, ein Massenmörder und sein Förderer: Der...
    23.07.2020

    Kartell des Schweigens

    Das Massaker in Indonesien 1965/66 (Teil I): Die Verstrickungen der damaligen Bundesregierung und des Bundesnachrichtendienstes mit der Militärjunta waren weitaus tiefer, als bislang angenommen
  • Stückpreis 130 Millionen US-Dollar: RQ-4 »Global Hawk«. Die iran...
    21.06.2019

    Iran schießt Drohne ab

    Teheran: US-Spionageflugzeug verletzte Luftraum. USA leugnen. Russland warnt vor weiterer Eskalation in Golfregion
  • US-Drohne im Juni 2015 bei einem Übungsflug über Nevada
    24.10.2017

    Lizenz zum Töten

    USA wollen Befugnisse der CIA für geheime Operationen in Afghanistan erweitern. »Sicherheitslage« weiter verschlechtert