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Aus: Ausgabe vom 18.07.2020, Seite 8 / Ausland
Ilisu-Staudamm im Tigristal

»Die Regierung bekommt die Kontrolle über das Wasser«

Türkei kann Ilisu-Staudamm-Projekt als Waffe gegen Irak und Kurden nutzen. Initiative fordert Rückbau. Ein Gespräch mit Ercan Ayboga
Interview: Dilan Karacadag
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Ein ehemaliger Bewohner läuft durch den Teil Hasankeyfs, der nicht vom Stausee verschlungen wird (20.2.2020)

Im Südosten der Türkei befindet sich die 12.000 Jahre alte Siedlung Hasankeyf. Sie ist mittlerweile weitgehend vom Wasser des Ilisu-Stausees überflutet. Ist sie damit unwiederbringlich verloren?

Die Flutung von 199 Dörfern und Hasankeyf – bis auf die Felsenburg – ist eine Tatsache. Das sehen wir auf Bildern seit Wochen. So zeigen Aufnahmen von Anfang Juni, wie der Kleine Palast an der nordöstlichen Ecke der Burg im Wasser stand und damit die um sie gebaute Mauer wasserdurchlässig ist. Die riesige und bis zu 80 Meter hohe sogenannte Schandmauer aus Schüttung und Beton um die Felsenburg in Hasankeyf kann unter Umständen den langsamen Einsturz der Burg nicht verhindern. Damit hätte die offizielle Propaganda, wonach Hasankeyf mit dem Ilisu-Projekt gerettet werden würde, noch offensichtlicher keine Grundlage mehr.

Doch das Ilisu-Projekt ist nicht für die Ewigkeit. Eine Renaturierung des Tigristales ist möglich. Bei einem Stopp der Arbeiten und einer Entleerung des Stausees mit einer Oberfläche von 313 Quadratkilometern und einer Kapazität von bis zu 10,4 Billionen Kubikmetern könnte das Tigristal schon nach mehreren Jahren wieder einen naturnahen Zustand erreichen. Wir fordern deshalb nach wie vor den Rückbau des Ilisu-Staudammes sowie eine ausreichende Entschädigung und Linderung der schlimmsten Folgen für die betroffenen rund 70.000 Menschen.

Wie realistisch ist ein Rückbau?

Technisch gesehen ist der Rückbau möglich – die Erfahrung damit wächst weltweit. Für die Renaturierung des Tigristales ist der Rückbau des Absperrbauwerks, also des Staudammkörpers, nicht zwingend erforderlich, aber auch über Jahre möglich. Herausfordernder ist ein sinnvolles und ökologisches Management des abgelagerten Sediments im Stauraum. Neben Ilisu gibt es noch weitere Staudämme in Nordkurdistan, die auch rückgebaut werden sollten. Es sollte also nicht bei Ilisu bleiben.

Bereits am 19. Mai verkündete die türkische Regierung die Inbetriebnahme der ersten Turbine des Ilisu-Wasserkraftwerkes und behauptete, das Projekt habe Vorteile. Welche sollen das sein?

Das Vorhaben nützt der Regierung, weil sie nun die Kontrolle über das Wasser bekommt und dies in ihrem Sinne einsetzen kann – auch als Waffe gegen den irakischen Staat, gegen die als Rojava bekannte nord- und ostsyrische Autonomieregion und gegen die Kurden in Nordkurdistan insgesamt. Beispielsweise zur Kontrolle der Bevölkerungsbewegung und schließlich auch zur Vertiefung der Assimilation durch Vertreibung in die Städte.

Aber das Staudammprojekt nützt ebenso sowohl europäischen und türkischen Großkonzernen – wie Andritz aus Österreich, Nurol und Cengizler aus der Türkei – als auch lokalen Firmen, die für das Projekt geliefert haben sowie einigen Großgrundbesitzern. Die Mehrheit der Bevölkerung in Kurdistan, in der Türkei und im Mittleren Osten hat nichts von Ilisu. Sie gehört zu den Verlierern, weil ihre Kultur und die Natur zerstört werden.

Die »Initiative zur Rettung von Hasankeyf« spricht von einem »kulturellen Genozid«. Was genau bedeutet das?

Der Begriff »kultureller Genozid« bezieht sich auch auf die Geschichte der letzten 2.000 Jahre, als sehr viele Assyrer und Armenier in Hasankeyf und im oberen Tigristal lebten. Ihre Spuren werden auch durch Talsperren wie Ilisu begraben. Schließlich wird die zeitgenössische Kultur von Kurden im Tigristal und in Hasankeyf auch von Mehelmi-Arabern zerstört und assimiliert.

Hasankeyf ist 12.000 Jahre alt und praktisch der Zwilling von Göbekli Tepe in Urfa, welches die halbe Welt bestaunt. Wir finden die Spuren von mindestens 20 Kulturen. Neun von zehn UNESCO-Kriterien werden unabhängigen Experten zufolge erfüllt, doch nur wenige protestieren gegen diese Zerstörung. Einmal mehr zeigt sich die Doppelzüngigkeit der UNESCO, der Staaten und der internationalen Kultureinrichtungen.

Ercan Ayboga ist Umweltingenieur und seit Jahren aktiv in der »Initiative zur Rettung von Hasankeyf« gegen den Ilisu-Staudamm

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