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Aus: Ausgabe vom 17.07.2020, Seite 8 / Inland
Drogenpolitik

»Hilfebedarf wird aus Angst nicht artikuliert«

Drogenpolitik in der Bundesrepublik setzt weiter auf Kriminalisierung und Verfolgung. Ein Gespräch mit Dirk Schäffer
Interview: Markus Bernhardt
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Spritzenautomat für Drogenkonsumenten

Am 21. Juli erinnern in vielen deutschen Städten Menschen an verstorbene Drogenkonsumenten. Was hat es mit diesem Gedenktag auf sich?

Der internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher geht auf eine Aktion von Eltern und Angehörigen in Nordrhein-Westfalen zurück. In der Stadt Gladbeck gelang es einer Mutter, einen Gedenkstein für ihren Sohn und für viele andere verstorbene Drogenkonsumentinnen und -konsumenten im Stadtpark aufstellen zu lassen. Seitdem hat sich die Idee eines Gedenktages stetig verbreitet. Heutzutage finden jährlich in etwa 70 Städten und unter Beteiligung von 300 Einrichtungen Veranstaltungen statt.

Welche Auswirkungen hat die Coronapandemie auf die Planungen?

Selbstverständlich werden die Veranstaltungen in diesem Jahr anders sein, kleiner. Und die Nähe, die einige prägte, wird vermieden werden müssen. Wir sind trotzdem vom Engagement der Beteiligten begeistert, denn es liegen uns bereits Rückmeldungen von etwa 30 Städten vor.

Woran denken Sie, wenn Sie die Zahl 1.398 hören?

Mich lässt die Zahl von 1.398 verstorbenen Drogenkonsumentinnen und -konsumenten im Jahr 2019 traurig und kopfschüttelnd, aber keineswegs resignierend zurück. Es ist eine Katastrophe und auch ein Zeugnis des Versagens, dass in den letzten zehn Jahren fast 30.000 Menschen an den Folgen von Schwarzmarktstoff, Überdosierung, Kriminalisierung, Hepatitis C, HIV und so weiter verstarben. Der Gedenktag wird in diesem Jahr erstmals durch eine größere Aktion in den »sozialen Medien« begleitet, in der die Zahl 1.398 im Zentrum steht.

Aber die Bundesrepublik gehört doch auch zu den Vorzeigestaaten, wenn es um Maßnahmen der Risikominderung geht?

Ja, das stimmt. Wir haben ein gut aufgestelltes und vielschichtiges Hilfesystem mit Drogenkonsumräumen, ambulanten und stationären Rehaangeboten, etwa 1.000 Beratungsstellen, einer Substitutionsbehandlung für 80.000 Menschen und ein vielschichtiges niedrigschwelliges Hilfeangebot. Dies wird von uns auch nicht kritisiert. Kritikwürdig ist eher die immer noch zu starke Kriminalisierung und Verfolgung, die unserer Ansicht nach mitverantwortlich für den Tod vieler junger Menschen ist.

Das müssen Sie näher erklären.

Während wir Drogenkonsumenten auf der einen Seite vielschichtig unterstützen, sehen wir auf der anderen Seite, dass die Kriminalisierung, also die Verfolgung von Menschen, die illegale Drogen besitzen und konsumieren, deutlich zunimmt. Im Jahr 2019 wurden 350.000 Strafanzeigen zumeist für sogenannte »konsumnahe Delikte« erfasst. Hier werden also Konsumenten für den Erwerb und Besitz illegaler Substanzen kriminalisiert. Diese Zahl von Strafanzeigen steigt seit Jahren. Dabei wissen wir, dass die Verfolgung und Kriminalisierung kaum jemanden vom Konsum illegaler Substanzen abhält, aber auf der anderen Seite viel Schaden anrichtet.

Welche?

Zum Beispiel den Entzug des Führerscheins, Hausdurchsuchungen, Konsequenzen in Familie und Schule, Eintrag ins Führungszeugnis und so weiter. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kriminalisierung dazu beiträgt, dass man seinen Konsum und auch entstehende Probleme verheimlicht und Hilfebedarf nicht artikuliert. Man hat einfach Angst vor den Folgen. Dies trägt dazu bei, dass viele Menschen sich erst nach Jahren des Konsums outen und ein Hilfeangebot in Anspruch nehmen.

Sie engagieren sich seit 25 Jahren für eine andere Drogenpolitik. Woraus schöpfen Sie die Hoffnung, dass sich nach so langer Zeit endlich etwas verändert?

Ich sehe, dass sich immer mehr Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft kritisch mit dem Thema Kriminalisierung auseinandersetzen. Wir haben Beispiele in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt, dass Länder neue Wege gehen und den Anbau und Verkauf regulieren beziehungsweise den Erwerb und Besitz von Drogen zum Eigenbedarf entkriminalisieren.

Dirk Schäffer ist Referent für Drogen und Strafvollzug bei der Deutschen Aidshilfe (DAH)

https://www.gedenktag21juli.de

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