Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 17.07.2020, Seite 7 / Ausland
Jemen

Krieg gegen Zivilisten

Jemen: Mehrere Kinder sterben bei saudiarabischem Luftangriff
Von Wiebke Diehl
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Jemenitische Kinder schauen auf die Überreste eines Gebäudes, dass bei saudiarabischen Luftangriffen auf Sanaa zerstört wurde (2.7.2020)

Sieben getötete Kinder, zwei getötete Frauen und mehrere Verwundete – das ist die Bilanz eines am Sonntag erfolgten Luftangriffs der von Saudi-Arabien angeführten Kriegskoalition. Diese hat in über fünf Jahren des Angriffskriegs gegen Jemen und seine Bevölkerung das Land an den Rand des Kollapses gebracht. Bei dem Angriff vom Sonntag wurde ein Haus in dem Ort Daan im nordwestlichen Waschhah-Distrikt getroffen, in dem zum Zeitpunkt der Bombardierung eine Feier anlässlich der Geburt eines Kindes stattfand.

Ein Sprecher der Koalition behauptete zunächst, die Bombardierung habe einem Treffen von Mitgliedern der Ansarollah (»Huthis«) gegolten, die den Norden des Landes kontrollieren. Wie das vorgebliche »Versehen« zustande gekommen sein könnte, sagte er nicht. Laut der saudiarabischen Nachrichtenagentur SPA wurde am Montag eine Untersuchung des Vorfalls angekündigt.

UN-Generalsekretär Antonio Gu­terres kritisierte zwar den neuerlichen Angriff, bei dem nach Angaben der Ansarollah fünf Todesopfer zwischen einem Jahr und fünf Jahren alt waren. Doch dieser hatte Mitte Juni die Kriegskoalition gegen den Jemen von einer jährlich erneuerten »Schwarzen Liste« der Vereinten Nationen genommen. Dort werden Gruppen und Länder aufgeführt, die sich unterschiedlicher Formen von Gewalt gegen Kinder schuldig gemacht haben.

Dazu gehören die Tötung und Verletzung von Kindern und Angriffe gegen Schulen und Krankenhäuser. Weiterhin zählen dazu die Verweigerung des Zugangs zu Hilfsgütern und die Rekrutierung von Kindern zum Militär. Die Kriegsallianz befand sich wegen ihrer regelmäßigen Angriffe auf zivile Ziele im Jemen drei Jahre lang auf der Liste. Ihre Entfernung begründete Guterres am 22. Juni mit einem »anhaltenden signifikanten Rückgang von Tötungen und Verstümmelungen«. Das Bündnis solle im kommenden Jahr genau beobachtet werden, um dann zu entscheiden, ob man es erneut auf die Liste setze.

Das Kriegsbündnis bewies nur wenige Stunden nach seiner Streichung von der »Schwarzen Liste«, dass es hierfür kaum einen Grund gab: Infolge der Bombardierung eines Fahrzeugs in der Provinz Saada im Nordwesten des Jemen verloren dreizehn Menschen ihr Leben, darunter vier Kinder. Zu der Tötung der Kinder am vergangenen Wochenende nahm Guterres keine Stellung.

Die für den Jemen zuständige UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe, Lisa Grande, verurteilte den Angriff hingegen am Dienstag und betonte ihr Unverständnis, dass inmitten der Coronapandemie weiter Menschen getötet würden, obwohl Optionen für eine Waffenruhe auf dem Tisch lägen. Gemeint haben könnte sie damit Vorschläge des UN-Sondergesandten für den Jemen, Martin Griffith. Dieser hatte vergangene Woche zu Verhandlungen aufgerufen, die er mit humanitärer und wirtschaftlicher Hilfe unterstützen will.

Die seit Jahren nicht mehr demokratisch legitimierte, aber weiterhin von großen Teilen der internationalen Gemeinschaft anerkannte Regierung von Abed Rabbo Mansur Hadi hatte das Angebot ausgeschlagen. Obwohl im Jemen 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfsleistungen angewiesen und laut Welternährungsprogramm fast zehn Millionen von akutem Nahrungsmangel betroffen sind, lehnte die Riad-nahe Regierung Hadis die enthaltenen Maßnahmen ab. Diese »unterminieren die Souveränität der Regierung« und überstiegen die Kompetenzen des Sondergesandten, so die Erklärung der offiziellen jemenitischen Führung gegenüber der saudischen Zeitung Asharq Al-Awsat am Montag.

Angesichts der sich ausbreitenden Coronavirusinfektionen und eines vor dem Kollaps stehenden Gesundheitssystems muss die kategorische Ablehnung des Vermittlungsangebots durch die Hadi-Regierung Kopfschütteln hervorrufen. Denn die große humanitäre Krise im Land ist ohne ein Ende der Bombardierungen und ohne Aufhebung der wirtschaftlichen Blockade nicht einzudämmen. Eine weitere Verschärfung der Lage steht zudem vor der Tür: Am Mittwoch teilte Inger Andersen, Leiterin des UN-Umweltprogramms UNEP mit, dass dem Land eine Umweltkatastrophe drohe. Vor der Küste befindet sich ein rostender Öltanker mit mehr als einer Million Barrel des Rohstoffs.

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