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Aus: Ausgabe vom 17.07.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskämpfe in der BRD

In Kampfmodus schalten

Tausende Bosch-Beschäftigte bilden »Kette der Solidarität« um Konzernzentrale
Von Ursel Beck
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IG-Metaller demonstrieren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze vor einem Werk des Automobilzulieferers Bosch

Trotz strömenden Regens, trotz Kurzarbeit und Homeoffice protestierten am Mittwoch 3.500 Beschäftigte der Bosch-Standorte Stuttgart-Feuerbach und Schwieberdingen vor der Feuerbacher Konzernzentrale. Sie folgten dem Aufruf von Betriebsrat und IG Metall (IGM), bildeten eine »Menschenkette der Solidarität« für die Verteidigung der insgesamt 20.500 Arbeitsplätze bei Bosch – ein Protest unter Einhaltung coronabedingter Abstandsregeln.

»Es wird derzeit von der Firmenseite nur über Sparmaßnahmen und Personalabbau gesprochen. Das hat zur Folge, dass große Teile der Belegschaft um ihren Platz im Unternehmen und ihr Einkommen bangen«, so der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Werks Feuerbach, Axel Petruzzelli, gegenüber jW. Bereits im Jahr 2019 hatte die Bosch-Konzernspitze angekündigt, 1.600 Arbeitsplätze an den Standorten Feuerbach und Schwieberdingen bis Ende 2021 zu streichen. Inzwischen behaupten die Chefs sogar einen dreißigprozentigen »Personalüberhang«, berichteten Kollegen. Die Rechtfertigung lautet so: Die Fertigung des Verbrennungsmotors wird auslaufen, im IT-Bereich seien hierzulande die Lohnkosten zu hoch, deshalb die Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer.

Unklar ist, was nach dem Ende der Kurzarbeit in den Bosch-Werken passieren wird. Der zweite Bevollmächtigte der IGM Stuttgart, Martin Röll sagte jW: »Wir wollen mit allen durch die Krise. Niemand soll seinen Arbeitsplatz verlieren«. Nur: Wie das erreicht werden soll, steht nach der Menschenkette am Mittwoch völlig in den Sternen. Es gab keine Kundgebung bei der Aktion. Die Beschäftigten sind genauso ratlos in den Betrieb zurückgegangen, wie sie herausgekommen waren.

Der Konzern machte gleichzeitig deutlich, dass an dem Kürzungsprogramm kein Weg vorbeiführe. Die IGM fordert hingegen die Anwendung der 1994 im »Pforzheimer Abkommen« ausgehandelten Abweichung vom Flächentarifvertrag. Danach kann die Arbeitszeit bis auf 30 Stunden ohne Lohnausgleich abgesenkt werden. Darüber verhandele man mit der Geschäftsleitung und wolle noch vor den Sommerferien zu einem Abschluss kommen, hieß es aus Metaller-Kreisen. Damit steht zu befürchten, dass nach den Lohneinbußen durch Kurzarbeit noch höhere Entgeltverluste auf die Beschäftigten zukommen werden – und in der Folge ein Teil der Arbeitsplätze »sozialverträglich abgebaut« wird.

Aus Sicht vieler Beschäftigter fehlt es der IGM-Führung und den Betriebsräten mitunter an Kampfkraft, um Arbeitsplätze zu verteidigen. Das hat sich kürzlich am Bosch-Standort in Schwäbisch Gmünd gezeigt. Hier haben Betriebsräte und IGM Anfang Juli der Streichung von fast 1.900 der insgesamt 4.700 Stellen bis Ende 2026 zugestimmt. Die Kritik ist, dass der vereinbarte Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen seitens der IGM und Betriebsräte dazu genutzt wird, die Arbeitsplatzvernichtung von einer Niederlage in einen Erfolg umzudeuten.

Dieser Tage erreichen die Belegschaften zahlreiche Horrormeldungen aus den Autobetrieben. Daimler will nun unter dem Strich 15.000 Beschäftigungsverhältnisse aufkündigen. Darüber hinaus sollen erkämpfte Rechte, wie Pausenregeln und Zulagen, gestrichen werden. Nicht nur bei Bosch, sondern in der gesamten Zulieferindustrie droht die massenhafte Vernichtung von Arbeitsplätzen. Höchste Zeit also, um in den Kampfmodus zu schalten.

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