Contra Blockade, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Mittwoch, 5. August 2020, Nr. 181
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Blockade, Protest-Abo! Contra Blockade, Protest-Abo!
Contra Blockade, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 11.07.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kein Raum für Arbeiterpartei

Woher rührt die Stabilität des Zweiparteiensystems der USA? 1892 und 1893 versuchte Friedrich Engels eine Antwort
RTS3IJDH.JPG
»Fast jede besondre Schicht der besitzenden Klasse (hat) Vertreter in jeder der beiden Parteien«: United States Supreme Court in Washington, D. C.

Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge in Hoboken

London, 6. Januar 1892

In Amerika ist, glaube ich, noch kein Raum für eine dritte Partei. Die Interessenverschiedenheit selbst derselben Klassenfraktion ist auf dem ungeheuren Gebiet so groß, dass in jeder der beiden großen Parteien, je nach der Lokalität, ganz verschiedene Fraktion und Interessen vertreten sind und zu sehr großem Teil fast jede besondre Schicht der besitzenden Klasse Vertreter in jeder der beiden Parteien hat, obwohl die Großindustrie im ganzen heute den Kern der Republikaner wie der südliche Großgrundbesitz den der Demokraten bildet. Diese scheinbare Zufälligkeit der Zusammenwürfelung gibt eben den famosen Boden ab für die Korruption und Staatsausbeutung, die dort so herrlich blüht. Erst wenn der Boden – die öffentlichen Ländereien – ganz in den Händen der Spekulanten, wenn also die Ansiedlung mehr und mehr erschwert respektive der Prellerei verfallen ist, erst dann scheint mir bei ruhiger Entwicklung die Zeit für eine dritte Partei gekommen. Der Boden ist die Basis der Spekulation, und die amerikanische Spekulationswut und -möglichkeit ist der Haupthebel, der die eingebornen Arbeiter im Bann der Bourgeoisie hält. Erst wenn ein Geschlecht eingeborner Arbeiter da ist, das von der Spekulation nichts mehr erwarten darf, erst dann haben wir festen Boden in Amerika. Aber freilich, wer darf in Amerika auf ruhige Entwicklung rechnen! Da gibt’s ökonomische Sprünge wie politische in Frankreich – sie haben freilich auch dieselben momentanen Rückschläge.

Die kleinen Farmer und Kleinbürger werden es kaum je zu einer starken Partei bringen, sie bestehn aus zu rasch wechselnden Elementen – der Bauer dabei oft noch Wanderbauer, zwei, drei, vier Farmen in verschiednen Staaten und Territorien (Gebiete, die noch nicht die von der US-Verfassung vorgeschriebene Bevölkerungszahl hatten, um einen Bundesstaat zu bilden. Marx sprach von »inneren Kolonien«, jW) nacheinander bebauend – Einwanderung und Bankrott befördern den Personenwechsel bei beiden – die ökonomische Abhängigkeit vom Gläubiger hindert auch die Selbständigkeit –, aber dafür sind sie ein famoses Element für Politiker, die auf ihre Unzufriedenheit spekulieren, um sie nachher an eine der großen Parteien zu verkaufen.

Die »Zähigkeit« der Yankees, die sogar den Greenback-Humbug (1874 bildete sich in den US-Weststaaten die Greenback-Party, die sich gegen die Einziehung der sogenannten Greenbacks, Staatspapiergeldes mit grüner Rückseite, das während des Bürgerkrieges 1861 bis 1865 in großen Mengen ausgegeben worden war. Die Einziehung war mit einer Entwertung verbunden. Die Farmer nahmen aber fälschlich an, dass sich durch den Umlauf einer großen Menge Papiergeldes der Preis für landwirtschaftliche Produkte erhöhen würde. Die Partei zerfiel 1892, jW) wieder aufwärmen, ist Folge ihrer theoretischen Zurückgebliebenheit und angelsächsischen Verachtung aller Theorie. Dafür werden sie gestraft durch den Aberglauben an jeden philosophischen und ökonomischen Unsinn, religiöse Sektiererei und ökonomisch blödsinnige Experimente, wovon aber gewisse Bourgeoiscliquen Vorteil ziehn.

Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge in Hoboken

London, 2. Dezember 1893

(...) Ist doch nicht zu leugnen, dass die amerikanischen Verhältnisse sehr große und eigentümliche Schwierigkeiten für eine stetige Entwicklung einer Arbeiterpartei einschließen.

Erstens die auf Parteiherrschaft, wie in England, gegründete Verfassung, die jedes auf einen nicht von einer der beiden Regierungsparteien aufgestellten Kandidaten fallende Votum als verloren erscheinen lässt. Und der Amerikaner wie der Engländer will auf seinen Staat einwirken, wirft seine Stimme nicht weg.

Dann und besonders die Einwanderung, die die Arbeiter in zwei Gruppen scheidet, die eingebornen und die fremden; und diese letztere wieder in 1. Irländer, 2. Deutsche, 3. die vielen kleinen Gruppen, die sich jede nur untereinander verstehn, Tschechen, Polen, Italiener, Skandinavier etc. Dazu noch die Neger. Um daraus eine einige Partei zu bilden, dazu gehören ganz besonders mächtige Antriebe. Manchmal plötzlich ein gewaltsamer Élan, aber die Bourgeois brauchen nur passiv auszuhalten, und die ungleichartigen Elemente der Arbeiterschaft fallen wieder auseinander.

3. Endlich muss auch das Schutzzollsystem und der stetig anwachsende innere Markt die Arbeiter einer Prosperität ausgesetzt haben, von der wir hier in Europa (außer Russland, wo aber nicht der Arbeiter, sondern nur der Bourgeois davon profitiert) seit Jahren keine Spur mehr sehen.

Ein Land wie Amerika, wenn es wirklich für eine sozialistische Arbeiterpartei reif ist, kann sicher nicht durch die paar deutschen sozialistischen Doktrinäre daran gehindert werden.

Auszüge aus: Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge, Brief vom 6. Januar 1892. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 38. Dietz Verlag, Berlin 1974, Seiten 245–246

Friedrich Engels an Friedrich Adolph Sorge, Brief vom 2. Dezember 1893. In: MEW, Band 39. Dietz Verlag, Berlin 1973, Seite 173

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (12. Juli 2020 um 05:57 Uhr)
    Kein Wandel in Sicht? Bei unserem letzten Interview konnte Herr Ströbele sich nicht an den Namen des Chefs der grünen Partei in den USA erinnern (Herr Nader) und hielt den Gedanken einer Zusammenarbeit für kompliziert.

    Ohne Frage ist Herr Ströbele einer der klügsten Köpfe unter uns. Wir erkennen aus dem Desinteresse aber, dass sich die Akzeptanz der bürgerlichen Demokratie manifestiert hat. Als wäre das Wahlrecht ein Recht auf Teilhabe an der politischen Macht – wer von uns ist davon überzeugt?

    Ein System der politischen Herrschaftsführung, das auf dem verbalen Streit zweier eigentlich identischer Parteien beruht, besteht aus einer einzigen Partei, die im Streit um die Vorherrschaft mit sich unterscheidenden Namen auftritt, sich in den Anliegen/Interessen/Zielen kaum abgrenzt, also vom Wesen her identischen Charakters ist, kann als System seit Jahrzehnten bestehen? Ohne als Farce der Demokratie zu gelten? (Dass wir es mit einer Einparteienkultur zu tun haben, liegt auf der Hand.)

    Warum diese Einsicht hierzulande wirkungslos bleibt, erklärt sich aus der Darstellung: Prinzip der Haltung zu den Vorgängen in Übersee bleibt der Vorsatz, dass die tatsächliche Lage nicht angezweifelt wird. Diese Meinung wird sich allerdings nicht für immer halten lassen, weil die Bedingungen der Möglichkeit sich wandeln, also der Hang an einer westlich orientierten Welt sein Ende findet. Nicht die Vorherrschaft, sondern die Hinwendung zum Neuen und zum Multilateralen führt zur Lösung der aktuellen Probleme.

    Niemand hat uns das bisher deutlicher vor Augen geführt als D. J. Trump. Dafür gibt’s Applaus!!!

Mehr aus: Wochenendbeilage