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Aus: Ausgabe vom 08.07.2020, Seite 16 / Sport

Respekt, Herr Breitner

Von André Dahlmeyer
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»Ein Jägi zuviel«: Paul Breitner

Einen wunderschönen guten Morgen! Ennio Morricone ist tot. Was kaum noch jemand weiß: Der geniale Römer komponierte auch das offizielle Lied der Fußball-WM 1978 im Argentinien der Militärdiktatur, zu der Legenden wie Manni Burgsmüller, Paul Breitner und Johan Cruyff lieber nicht fahren wollten. Breitner alias »Ajatollah Paule« (Udo Lindenberg) lümmelte lieber noch ein bisschen auf seinen Lorbeeren herum. Ehrlich gesagt, hatte er nach seiner Rückkehr von Real Madrid gerade eine Saison bei Eintracht Braunschweig beendet, die viele bis heute im Albrecht-Land als Missverständnis in Erinnerung behalten sollten. Vielleicht war auch nichts als ein Jägi zuviel daran schuld.

Ich bin »Paulito« für alle Zeiten tief verbunden, weil er in einem Spiel gegen den HSV mal einen Ball aus zwei Meter Entfernung über unser Tor haute, das damals noch von Rudi Kargus abgeschirmt wurde, Vizeeuropameister von 1976 und heute antikapitalistischer Kunstmaler. In der Nordkurve der Hanseaten goutierte ich die Chose aus Schmauchspurdistanz. Das sind Sternstundensekunden, und ich empfand fast so was wie Respekt für das Bein Breitners, ein Bein mit Grips. Indes, es nützte nichts, die Löwen gewannen trotzdem. Immer wenn ich im Stadion anwesend war, verlor der HSV. Konnte es daran gelegen haben, dass »Paule« und ich in der Altstadt Wolfenbüttels (Auguststadt) denselben Friseur frequentierten (er freiwillig)?

Hätte Cruyff teilgenommen, hätten die argentinischen Militärs damals womöglich die eine oder andere Entführung von Familienangehörigen in Aussicht gestellt. Sogar Wohnwagen, denen Holländer ja gerne häkelige Namen geben, sollen bedroht worden sein. Soweit ich weiß, hat Cruyff das Zeit seines Lebens immer abgestritten. Vor der Argentinien-WM hatte er gerade bei Barça hingeworfen. Weil es Anlaufschwierigkeiten beim Techtelmechtel mit Cosmos New York gab, wo ihn Kaiser Franz und HSV-Ikone Ivan Buljan zum Kartenspiel erwarteten, spielte die »Hippie-Goldtulpe« erst 1979 wieder, und zwar Soccer und für den Elton-John-Klub Los Angeles Aztecs als Nachfolger von George Best. Unschön bleibt, das Cruyff ausgerechnet am 24. März 2016, dem 40. Jahrestag des argentinischen Militärputsches von 1976, das Zeitliche segnete.

Der fleißige Amnesty-Unterstützer Burgsmüller (Amnesty, Greenpeace etc. waren noch keine Konzerne) schließlich war für die damaligen DFB-Schergen einfach bereits »zu alt«. Der Revanchist Hans-Hubert Vogts, der die DFB-Elf 1996 zu ihrem bis heute wichtigsten Fußballtitel führte, liebte die Argentinier, vor allem ihre Militärs. Da drängt sich die Frage auf, wie wohl ein Ewald Lienen, der zu seiner aktiven Kickerzeit als zumindest DKP-nah galt, auf eine Berufung in den Kader des damals amtierenden westdeutschen Titelverteidigers (in Europa allerdings bereits von Antonin Panenka entthront) reagiert hätte.

Morricones 78er Liedchen, ein Drei-Minuten-Punksong, trägt den so simplen wie wegweisenden Titel »El Mundial« (Die WM) und beginnt mit »Argentinien, hier ist die WM«, der Rest ist instrumental und geht in einer kruden Mixtur von Mundstückklängen und Synthesizerschrott unter. In Argentinien wurde medial der Militärmarsch »25 Millionen« von Martín Darré als Alternative hoch und runter gespielt. (Aktuell sind wir 45 Millionen.)

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