3 Monate jW für 62 Euro. Bestellen!
Gegründet 1947 Freitag, 14. August 2020, Nr. 189
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW für 62 Euro. Bestellen! 3 Monate jW für 62 Euro. Bestellen!
3 Monate jW für 62 Euro. Bestellen!
Aus: Ausgabe vom 08.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Der Wucht nicht weichen

Von freundlicher Zähigkeit: Zum Tod des evangelischen Theologen Heinrich Fink (1935–2020)
Von Arnold Schölzel
chm_ 20110108_0510.jpg
Ein Unermüdlicher: Heinrich Fink auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz 2011

Ein Christ, der sich für die DDR und den Sozialismus engagierte? Weg mit ihm. Das galt 1990 und gilt bis heute in diesem Land. Der evangelische Theologe Heinrich Fink, der am vergangenen Mittwoch im Alter von 85 Jahren in Berlin starb, hatte in besonderem Maß unter der Infamie zu leiden, mit der westdeutsche Wissenschaftskolonisatoren und ihre ostdeutschen Helfershelfer Universitäts- und Akademiepersonal der DDR »abwickelten«. Sein Zusatzverbrechen: Er war im April 1990 vom Konzil der Humboldt-Universität mit großer Mehrheit zum Rektor gewählt worden. DDR-Professor, Dekan, Rektor und populär – das konnte nicht verziehen werden.

1991 tauchten Dokumentfetzen über eine angebliche Tätigkeit Finks für das Ministerium für Staatssicherheit aus der Aktenbehörde Joachim Gaucks in Westgazetten auf, Anfang 1992 entließ der damalige Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhardt (CDU) – ein Zögling des Nazirichters und baden-württembergischen Ministerpräsidenten von 1966 bis 1978 Hans Filbinger – Fink fristlos. Das war folgerichtig. So wie die Behauptungen des bayerischen Verfassungsschutzes in seinen Berichten für die Jahre 2010, 2011 und 2012, als der Unermüdliche bereits seit 2003 Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) war: Fink liefere »besonders häufig Belege für den kommunistisch gefärbten linksex­tremistischen Antifaschismus, Antimilitarismus und Antikapitalismus, der in großen Teilen der VVN-BdA vertreten wird«. Dabei gehe er von »staats- und verfassungsfeindlichen Grundpositionen« aus. Denn vom Faschismus wissen die Herrschaften angeblich nichts, zumal nicht von der 2011 aufgeflogenen Terrorbande NSU.

Fink und Gauck waren 2012 längst Symbole grundlegender Gegensätze in den evangelischen Kirchen der DDR und später Ostdeutschlands geworden. Sie repräsentierten eine spätestens seit Gründung beider deutscher Staaten ausgetragene politische Konfrontation. In der Rückschau ist noch besser erkennbar als bis 1990, dass da vor und nach diesem Jahr auf der einen Seite jene standen, die sich wegen ihres Glaubens und von ihm geleitet auf den Schwur von Buchenwald »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg« beriefen – und auf der anderen Seite jene, die angeblich aus Glaubensgründen militanten Antikommunismus praktizierten. So war es ein Zufall und doch keiner, dass Heinrich Fink im Herbst 1989 in der Berliner Untersuchungskommission saß, die nach einer Erklärung für das Verprügeln von Demonstranten durch die Volkspolizei am 7. und 8. Oktober suchte. Er selbst war dabei verletzt worden. Gauck hielt sich am 6. November wie so oft bei seinem Onkel in Westberlin auf, einem einst hauptamtlichen Nazi, hohem Kirchenfunktionär in der DDR und lebenslänglichem Antikommunisten. Fink führte 2002 mit dem Résistance-Kämpfer Peter Gingold die antifaschistischen Vereinigungen aus Ost und West zusammen und erinnerte 2016 in einem jW-Interview an dessen Wort bei einem gemeinsamen Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald vor der Zelle des dort ermordeten Pfarrers Paul Schneider: Es sei ein großes Versäumnis Anfang der 30er Jahre gewesen, dass »wir den Widerstand nicht koordinierten«. Die KPD habe nie den Kontakt zur Bekennenden Kirche gesucht, in der sich die Nazigegner sammelten. Gingolds Kommentar zur VVN-BdA-Kampagne für ein NPD-Verbot sei gewesen: »Ihr müsst die Kirchen dabeihaben.«

Gauck wurde 2012 Bundespräsident und gerierte sich als Pfaffe, als Segner von Staat und Krieg. Fink, der Toleranz, Versöhnung und Bündnisfähigkeit vorlebte, schien gegen die Schlammflut aus Intoleranz, bundesdeutscher Staatstheologie und antikommunistischem Hass, die 1990 DDR-Christen mit besonderer Wucht traf, machtlos – er war es nicht. Freundlichkeit verband sich bei ihm mit Zähigkeit, mit Kämpferqualitäten, die er vielleicht vor 1990 bei sich noch nicht gekannt hatte. Gegen seinen Staat musste er nicht mobilisieren. Den Sohn deutscher Bauern, 1935 im damals rumänischen Bessarabien geboren, verschlug der zweite große Krieg des deutschen Imperialismus mit seiner Familie nach Brandenburg. 1961 trat er in die Christliche Friedenskonferenz ein. Der Name war Programm. Zeichen setzend war das Thema seiner Habilitation von 1978: »Karl Barth und die Bewegung Freies Deutschland in der Schweiz«. Freunde machte man sich mit den Namen des großen Dogmatikers Barth und der antifaschistischen Vereinigung nur bei wenigen in der ostdeutschen Kirche – um es zurückhaltend auszudrücken. 1979 folgte die Professur an der Humboldt-Universität, 1980 die Leitung der Sektion Theologie.

Die mit rufmörderischer Hetze verbundene Entlassung 1992 beantwortete Fink mit Engagement. Er begründet noch im selben Jahr, als in Ostdeutschland erstmals die Wut über Treuhandkriminalität und Arbeitslosigkeit, überkochte, die »Komitees für Gerechtigkeit« mit. Saß von 1998 bis 2001 für die PDS als parteiloser Abgeordneter im Bundestag. Wo Unrecht herrschte, erhob er seine Stimme, demonstrierte oft mit Gleichgesinnten auf der Straße. 2007 verlas er auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz dieser Zeitung ein Grußwort des damals noch inhaftierten RAF-Mitglieds Christian Klar, machte sich für Antifaschisten stark, die staatlicher Verfolgung unterlagen.

In einer gemeinsam mit seiner Frau Ilsegret geschriebenen Würdigung Martin Niemöllers, die 2017 zuerst im ND erschien, hoben beide hervor: Acht Jahre hatte der frühere Marineoffizier und konservative Hitler-Feind bis 1945 in Nazihaft verbracht, wurde aber erst im Juni auf freien Fuß gesetzt. Die Befreier begründeten die Verzögerung damit, Niemöller sei als »Dangerous person – gefährliche Person« eingestuft und müsse daher Gefangener der US-Besatzungsmacht bleiben. Fink hat sich nie mit Niemöller verglichen, hier sei es getan: Heinrich Fink, einer der gütigsten Menschen unter der Sonne, war im Land von Gauck und Verfassungsschutz eine »gefährliche Person«. Das ehrt ihn.

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ralph Dobrawa, Gotha: Vorbild für viele Der Antifaschist und Theologe Heinrich Fink wird uns fehlen. Er war über Jahrzehnte die Symbolfigur für aufrichtiges antifaschistisches Engagement. Seine Ausstrahlung und sein Auftreten an vielen Orte...
  • Norbert Pflug-Baha, Pfarrer i. R.: Ein wunderbarer Lehrer Ich danke Ihnen für den fabelhaften Artikel zum Tode Professor Heinrich Finks. Es war mein Lehrer, und er war ein wunderbarer Lehrer – geprägt von Güte und Zuwendung zu den Studenten, niemals überhebl...
  • U. Jeske: Wort und Tat Ich möchte mich für den Artikel über Professor Fink in der heutigen jW bedanken. Es ist eine ausgezeichnete Würdigung seiner Persönlichkeit (im Gegensatz zum Nachruf des ND). Ich habe ihn in der Berli...
  • alle Leserbriefe

Ähnliche:

  • Karl-Heinz Röder, geboren am 13. Juni 1935 in Schmalkalden, gest...
    12.06.2020

    Profunde Gegnerkunde

    Er stritt für eine marxistische Politikwissenschaft in der DDR und sezierte die politischen Systeme der imperialistischen Staaten. Zum 85. Geburtstag von Karl-Heinz Röder
  • Altbundeskanzler Helmut Schmidt predigt zu den Christen der »ung...
    25.02.2020

    Macht im Staat

    Weitgehender Einfluss trotz Ansehensverlusts. Die Kirchen und die Politik in Deutschland – ein Überblick (Teil 2 und Schluss)
  • Erst in der Hitlerdiktatur, dann in der
»DDR-Diktatur&...
    11.06.2010

    Der Inquisitor kandidiert

    Vorabdruck. Kein IM, aber auch kein »Stasi-Opfer«: Der ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, Joachim Gauck, bewirbt sich für das Amt des Bundespräsidenten

Regio:

Mehr aus: Feuilleton