Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 07.07.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gewerkschaftskampf in der BRD

Filmreife Resonanz

Fast 1.000 Menschen demonstrieren gegen die Schließung des Kinos »Colosseum« in Berlin
Von Julian Städing
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Beschäftigte, Gewerkschafter und Freunde der Lichtspielhäuser: Protestzug, vereint im Kampf für den Erhalt des Berliner Kinos »Colosseum« (2.7.2020)

Als die rund 100 Berliner Kinos nach der coronabedingten Zwangspause am vergangenen Donnerstag wieder öffnen durften, blieben die Pforten eines Lichtspielhauses dicht. Das insolvente Traditionskino »Colosseum« an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg soll geschlossen werden, endgültig – und allem Anschein nach einem mehrgeschossigen Bürokomplex weichen.

Dagegen gibt es Protest: Belegschaft, Anwohner und Kinofreunde folgten am Donnerstag voriger Woche einem Aufruf der Gewerkschaft Verdi, gegen die finale Schließung des »Colosseum« auf die Straße zu gehen. Angemeldet waren laut Polizei rund 70 Personen, es kamen fast fünfzehnmal soviel, knapp 1.000 Menschen versammelten sich vor dem Kino und zogen anschließend durch den Kiez. Eine filmreife Resonanz.

Das Kinogeschäft sei defizitär und durch die Coronakrise gebe es erst recht »keinen Handlungsspielraum mehr«, meinte »Colosseum«-Betreiber Sammy Brauner, Sohn des legendären Filmproduzenten Artur »Atze« Brauner, am 30. Juni gegenüber dem Tagesspiegel. Und Coronasoforthilfen für den Weiterbetrieb des Kinos? Die wurden seitens der millionenschweren Erbengemeinschaft nach Angaben von Beschäftigten erst gar nicht beantragt.

Kritiker vermuten, dass die Pandemie nur ein Vorwand ist, um das Kino abzureißen. Denn nach Aussagen des »Colosseum«-Betriebsrates hätte der Betreiber in den zurückliegenden Jahren, von dem Jahr der Kinokrise 2018 abgesehen, stets einen positiven Jahresabschluss vorweisen können. Aspekte also, die auf Gewinnstreben in einer ohnehin von Mietenwahnsinn und Gentrifizierung gebeutelten Gegend hinweisen.

Nachmittags vor der Kundgebung und dem Protestzug verteilten ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor der Filmbühne symbolisch Popcorn, legten Transparente aus und kamen mit den Anwohnerinnen und Anwohnern ins Gespräch, ehe sich am Abend die Demonstration in Bewegung setzte. »Ich dachte, dass nicht einmal 100 Leute kommen. Dass wir dann am Ende fast 1.000 waren, war schon beeindruckend«, sagte Robert Fox, ein langjähriger »Colosseum«-Beschäftigter, gegenüber jW. Er wisse aber nicht, ob ein solch organisatorisch aufwändiger Aktionstag schlussendlich etwas bringe, wenn nicht danach alle Betroffenen weiter im Kampf um das Kino mitziehen. Und: »Wir brauchen zudem Unterstützung von staatlicher und politischer Seite, sonst verläuft das Ganze im Sand.«

»Das Ganze«, das sind vor allem die 40 Arbeitsplätze, die am Lichtspielhaus hängen, aber auch die gesellschaftliche Rolle eines Kinos als Kultur- und Begegnungsstätte zählt. Anonyme Büros statt Filme für alle? Eine gruselige Vorstellung für viele Prenzelberger, die für Verdrängung und Immobilienspekulation besonders sensibilisiert sind. »Ich kann es nicht hinnehmen, dass wieder ein Stück Kiez hier stirbt«, rief Sven Fischer, einer der vier Demoredner, ins Megaphon. Sein Unmut könnte helfen, wie ein anderes Beispiel zeigt: Der renitente Altmieter eines Hauses in der nahe liegenden Kopenhagener Straße wehrte sich jahrelang gegen Investorenwillkür und besonders dreiste Schikanen. Letztlich erfolgreich.

Auch die anderen Redner gaben sich kämpferisch, die Hoffnung auf die Fortsetzung des Kinobetriebs – in welcher Form auch immer – haben sie noch lange nicht begraben. Die Beschäftigten, die seit über einem Monat keinen Lohn mehr bekommen, wollen das Kino zur Not in Eigenregie weiterbetreiben oder in eine Genossenschaft überführen. Weitere Aktionen sind geplant. Eine bereits laufende Onlinepetition zur Rettung des »Colosseum« haben bereits 7.000 Personen unterschrieben.

Neben Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke), der die Nutzung als Haus der Kultur- und Kreativwirtschaft anregte, und Betriebsratsmitglied Martin Rathke wählte auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Mindrup, selbst Kiezbewohner, bei seiner Rede deutliche Worte: »Das, was wir hier sehen, ist nichts anderes als die hässliche Fratze der Spekulation. Der Kampf beginnt, und wir werden gewinnen.«

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