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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Vormittag um halb zwölf

Aus der Fassung

Von Pierre Deason-Tomory
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Nur echt mit »Erika«-Reiseschreibmaschinen: Redaktionsgebäude der Nürnberger Nachrichten am Marienplatz

Nürnberg, Frühjahr 1990, Montag vormittag um halb zwölf. Im Redaktionsgebäude der Nürnberger Nachrichten am Marienplatz sitzt D., ein junger Redakteur mit explodierter Frisur, in der Nachrichtenkabine und spricht die Lokalnachrichten auf Radio F.

Um drei nach halb verlässt er die Kabine und holt im Sendestudio das Band mit den Originaltönen. Die Moderatorin S. macht anzügliche Bemerkungen über die anzüglichen Bemerkungen, die sie ihm beim Nachrichtenintro auf den Kopfhörer gegeben hat. Er tänzelt beim Herausgehen und knallt mit dem Kopf gegen die Studiotür. Seine Brille fällt herab und eines der Gläser aus der Fassung.

Unser Jungredakteur klaubt Brille und Glas auf. Versucht, das Glas wieder hineinzuoperieren, und verbiegt dabei das Gestell. Er setzt sich an den Nachrichtentisch und hält sich eine Meldung vor das Gesicht, um zu prüfen, ob er auch ohne Brille lesen kann. Geht nicht. Schrift zu klein. Bei Radio F werden damals noch mit »Erika«-Reiseschreibmaschinen kleine Buchstaben-Schlangenlinien getippt. D. braucht bis zur Nachrichtensendung in 55 Minuten eine Lösung.

Er fährt mit dem Fahrstuhl in den Keller, setzt seinen Kradmelderhelm auf, steigt auf sein Moped und rast in Richtung Innenstadt. Häuser und Autos huschen schemenhaft an ihm vorbei, er reckt den Kopf vor, um die Farbe der Ampel erkennen zu können. Vier Minuten und einige Vollbremsungen später erreicht er die Königstraße, da gibt es gleich vorne rechts nach »Komm« und McDonald’s einen Optiker. D. stellt das Moped auf den Gehsteig, zieht den Schlüssel ab, dreht sich um und betritt mit seinem armeegrünen Helm auf dem Kopf das Geschäft.

*

Grüß Gott.

Guten Tag, ich –

Was können wir für Sie tun?

Meine Brille.

*

D. greift ins Jackett und holt Brille und Glas heraus.

*

Können Sie die wieder ganz machen?

Wir –

Ich meine, sehr schnell wieder ganz machen, ich muss in einer Dreiviertelstunde damit Nachrichten lesen.

Sie?

Ja.

Nein. Ich bedaure.

Wirklich nicht? Es ist wirklich dringend!

Tut mir leid, aber wir sind ein Hutgeschäft. Der Optiker ist nebenan.

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