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Aus: Ausgabe vom 06.07.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Ausbeutung

Moderner Klassenkampf

»Verschimmelte Bruchbuden«: Sammelband beleuchtet Ausbeutungsverhältnisse in der Fleischindustrie
Von Christian Stache
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Am Fließband: Arbeiter in einem niedersächsischen Schlachthof (Garrel, 4.2.2019)

Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus bei allen großen Fleischproduzenten der Republik ist es ohne Frage das Buch zur richtigen Zeit. Zwar sind die 14 Beiträgen des Sammelbands, die sich in Form und Inhalt, analytischer Tiefe und politischer Positionierung teils stark unterscheiden, bis auf wenige Ausnahmen bereits andernorts erschienen. Dennoch liefern die elf Autoren, die aus einem breiten politischen Spektrum von Gewerkschaftsvertretern über engagierte Bürger und Wissenschaftler bis zu sozialistischen Tierbefreiungsaktivisten kommen, eine veritable politische Kritik am »System Tönnies«.

Gemeint ist das mittlerweile in der Fleischindustrie, aber nicht nur dort, etablierte moderne Modell neoliberal-kapitalistischer Ausbeutung »Made in Germany«. In dessen Zentrum steht das System der Vermittlung von Werksvertragsarbeitern aus der EU-Peripherie zu Dumpinglöhnen durch Subunternehmen an Oligopol- und Monopolkonzerne in Deutschland. Dessen Zweck ist offenkundig: Profitmaximierung durch Lohnkostensenkung und Bekämpfung jeglicher Form kollektiver Macht der Lohnabhängigen in den Betrieben. Klassenkampf von oben in nahezu unverhüllter Form.

Die »Methode« trägt den Namen des führenden europäischen »Fleischkapitalisten«, des Miteigentümers der Tönnies Holding und nunmehr ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04, Clemens Tönnies – das ist, wie Werner Rügemer in dem Band darlegt, redlich verdient. Er kritisiert – ausgehend vom organisierten Lohnraub und hochprekären Arbeitsverhältnissen, die er als »moderne Sklaverei« bezeichnet –, dass Tönnies auch zur Umweltzerstörung (Nitratverseuchung des Grundwassers, Methangas- und CO2-Produktion) beitrage, die Firma EU-Subventionen abgreife, trotz offenkundiger Rechtsbrüche straffrei bleibe und die Behörden das Unternehmen weitgehend unbehelligt operieren ließen.

Ein Aspekt, der hier und bei der Analyse der Fleischindustrie insgesamt ein wenig zu kurz kommt, ist die Ausbeutung der Tiere. Friedrich Mülln, Gründer und Vorsitzender des Vereins »Soko Tierschutz«, verweist zwar in seinen Statements aus einer Reportage, die als Kollage Eingang ins Buch gefunden haben, auf sie. Dennoch wird dieses Problem unzureichend eher unter dem grünliberalen Stichwort des »Billigfleischs« verhandelt.

Prälat Peter Kossen setzt sich als Pfarrer in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, beides Hotspots der Fleischproduktion, für die Belange osteuropäischer Wanderarbeiter ein. Er beschreibt eindrücklich deren miserable Arbeits- und Lebensverhältnisse: die Normalität von 12-Stunden-Arbeitstagen und unzähligen Überstunden, 6-Tage-Wochen, Lohndrückerei und Unterlaufen des Mindestlohns, von psychischer und physischer Erschöpfung, chronischen Krankheiten und der Unterbringung von mehreren Arbeitern auf engstem Raum in »verschimmelten Bruchbuden«.

Was das Arbeiten und Leben unter solchen Bedingungen mit den Beschäftigten macht, erzählen zwei ehemalige Werkvertragsarbeiter von Tönnies in einem Interview, das Christin Bernhold und John Lütten Anfang dieses Jahres geführt haben. Aus dem Gespräch geht außerdem hervor, dass die Subunternehmer sich nicht nur die materielle Not der Arbeitsmigranten zunutze machen, sondern auch, wie deren Vorarbeiter letztere terrorisieren und wie die Arbeitsbedingungen Solidarität zersetzen. Wenn »Fleischkapital« und Subunternehmer so mit den Werkvertragsbeschäftigten umspringen können, dann hat das nicht unwesentlich etwas mit der »Verknüpfung zwischen Aufenthaltsrecht, Sozialrecht und Arbeitszwang«, also dem besonderen Status von Arbeitsmigranten in Deutschland, zu tun. Unter anderem das zeigt Peter Birke in seinem Essay auf.

Dieter Wegner, Aktivist bei der Hamburger Gewerkschaftslinken, ergänzt in seinem Aufsatz, dass maßgeblich die deutschen Bundesregierungen und die Europäische Union diese Arbeits- und Lebensverhältnisse in den letzten Dekaden geschaffen hätten. Daher sei der aktuelle Wirbel des Politikestablishments wegen der Coronainfektionswelle in der Fleischindustrie schlicht ein »Schauspiel im Bundestag«.

Angesichts der bisherigen Geschichte des »System Tönnies« überrascht es auch nicht, dass in vollem Wissen um die die Ansteckungszahlen hochtreibenden Arbeits- und Lebensverhältnisse die Fleischherstellung als »systemrelevant« eingestuft wurde, als der SARS-CoV- 2-­Erreger sich hierzulande ausbreitete. Profite über alles.

Jour Fixe – Gewerkschaftslinke Hamburg (Hrsg.): Das Schweinesystem. Aufhebung der Werksverträge und des Subunternehmertums! Die Buchmacherei, Berlin 2020, 124 Seiten, 10 Euro

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