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Aus: Ausgabe vom 06.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Digitaler Kapitalismus

Wie man eine Stadt gefügig macht

Hier herrscht jetzt Amazon: Christoph Marischka beschreibt, wie sich Tübingen einem Techgiganten ergab
Von Ronald Kohl
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Mitschreiben verboten: Gelebte Diskussionskultur im Amazon Research Center Tübingen (12.9.2019)

»Das war ein Punkt, den Marx nicht sehen konnte«, sagte Heiner Müller vor dreißig Jahren einmal in einem Interview. »Die Technik nimmt den Platz der Politik ein, und sie liquidiert die Politik.«

Mit welch simplen Tricks in der altehrwürdigen Universitätsstadt Tübingen der politische Wille in den vergangenen Jahren den Wünschen der Industrie angepasst wurde, beschreibt der Politikwissenschaftler Christoph Marischka in seinem Buch über das »Cyber Valley«, das dortige Zentrum für künstliche Intelligenz.

Mitte Oktober 2018 wurde auf einer Abendveranstaltung im großen Hörsaal der Universität Panik verbreitet. Ein eigens aus dem kalifornischen Silicon Valley eingeflogener Referent zeigte sich zutiefst besorgt darüber, dass ausgerechnet die Deutschen als Erfinder des Autos die Entwicklung in puncto autonomes Fahren völlig verschlafen hätten.

Es ging also um Geld für die Entwicklung künstlicher Intelligenz, kurz KI genannt. Seitens der Universität Tübingen hieß es dazu: »Wir sollten die Forschung im Bereich KI nicht nur anderen, zum Beispiel Nordamerika und China, überlassen. Damit Europa eine führende Rolle spielen kann, bedarf es strategischer Investitionen in die Grundlagenforschung.« – Und nicht in die Geisteswissenschaften, hätte man ehrlicherweise hinzufügen müssen.

In der »Marginalisierung des Sozialen« erkennt Marischka denn auch eines der wesentlichen Elemente des »Unfalls des Wissens« (so der zweite Teil des Titels), der sich etwas weniger dramatisch auch als Dominanz der Kybernetik bezeichnen ließe, also der wissenschaftlichen Erforschung selbsttätiger Steuerungsmechanismen in verschiedensten Systemen. Ein weiteres Merkmal dieses Unfalls sieht der Autor in den »indus­triellen Abhängigkeiten«.

»Das Maschinelle Lernen als gegenwärtig vorherrschende Methode der KI-Forschung«, schreibt er, »setzt große Datenmengen und Rechenkapazitäten voraus.« Über diese würden öffentliche Institute jedoch nicht verfügen. Im Cyber Valley wurde deshalb Amazon ins Boot geholt, dessen Kurs sich wohl den Wünschen aller Passagiere anpassen wird, zumal Amazon in Tübingen ein Forschungszentrum mit rund 100 Mitarbeitern errichten will.

Gegen dieses Vorhaben regte sich frühzeitig Protest, schon wegen des befürchteten rasanten Anstiegs der Mieten. Ein kleinerer Hörsaal wurde besetzt und nach reichlich zwei Wochen stimmte im Dezember 2018 die Leitung der Universität einer Podiumsdiskussion zu, bei der es dann hart, aber fair zuging. Die Veröffentlichung des mitgeschriebenen Schlagabtauschs wurde laut Marischka von den Verantwortlichen des Cyber Valleys jedoch untersagt. Was sie nicht daran hinderte, auf ihrer Internetseite zu behaupten: »Als weltweit renommierter Forschungsstandort in Deutschland zeichnen sich Tübingen und die lokale Cyber-Valley-Initiative durch eine lebhafte und intensive Diskussionskultur aus.«

Dabei fragt sich nicht so sehr, ob das nun kaltschnäuzig oder gar zynisch genannt werden muss, sondern man wundert sich über »weltweit renommiert«, denn alles, was bisher aus Tübingen kam, ist ein Tischtennisroboter. Ping. Pong.

Christoph Marischka: Cyber Valley – Unfall des Wissens. Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen. Papyrossa-Verlag, Köln 2019, 164 Seiten, 14,90 Euro

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