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Aus: Ausgabe vom 04.07.2020, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

Die »rote Rosi«

In memoriam Rosemarie Müller-Streisand
Von Christian Stappenbeck

Ihr voller Nachname lautete Müller-Streisand (Professor Dr. theol.), unterschrieben hat sie jedoch stets nur mit »Müller«. Sie hielt nichts von feministischer Theologie. Für Gendersprachmätzchen hatte Rosemarie Müller nie etwas übrig, außer spöttischen Kommentaren. Und als zu ihrem 65. Geburtstag die Festschrift »Semper Reformanda« erschien und eine führende westdeutsche Feministin einen Beitrag beitrug, da schickte sie dieser Frau einen höflichen, kritisch-ablehnenden Dankbrief. In der Zunft der Theologen war sie für mich die anregendste und klügste Frau, deren Publikationen zu lesen ein Genuss war, sei es ihr Buch über »Luthers Weg von der Reformation zur Restauration« oder die scharfsichtigen Synodenberichte von der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg.

In fast hundert Lebensjahren erlebte sie vier Staatsgebilde, doch die DDR war für sie – als Verfolgte des Naziregimes – das eigentliche Vaterland. 1953 siedelte sie von Göttingen nach Berlin-Ost über, wo sie an der Theologischen Fakultät schließlich gegen allerhand Widerstände zur ersten Theologieprofessorin berufen wurde. Zwanzig Jahre lang lehrte sie dort Kirchen- und Ketzergeschichte … Das passte vielen nicht.

Die »rote Rosi« war in der offiziellen Kirche nicht sonderlich beliebt, sie blieb vielfach ausgegrenzt. Das Abweichen von der antikommunistischen Generallinie verzieh ihr die selbstisch-selbstgerechte Kirche nicht. Eine Probe davon bekam das Publikum letztmalig im März 2019, als das Berliner Wochenblatt Die Kirche über die Fakultät behauptete, es hätte bis nach dem Anschluss, bis 1992 gedauert, »ehe die erste Theologin in Berlin auf eine Professur berufen wurde«. Auf diese – gelinde gesagt – Fehlinformation hingewiesen, redete sich die Redaktion mit Kürzungsproblemen heraus und nutzte die Gelegenheit prompt zur nächsten verletzenden Falschnachricht: Professorin mit Lehrauftrag seit 1963, habe sich Frau Müller »mit ganzer Kraft [!] für die Durchsetzung der marxistisch-leninistischen Ideologie eingesetzt«. Dazu kann man nur sagen: Bosheit ist hartnäckig und nur durch ein Wunder zu heilen (Novalis, Fragmente). So legt nun ab alle Bosheit und alle üble Nachrede (1. Petrusbrief 2,1).

Bei aller Hochschätzung des wissenschaftlichen Sozialismus – die von Karl Barth geprägte Theologin Müller-Streisand verwahrte sich entschieden gegen jede Vermischung von Theologie und Ideologie. Zu den religiösen Sozialisten hielt sie stets Distanz. Sie überließ die Lehre des Marxismus den ML-Dozenten und lehrte Kirchen- und Ketzergeschichte nach streng evangelischem Maßstab.

Die Beerdigung findet am Montag, dem 20. Juli, um 12 Uhr auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde, Gudrunstr. 20, statt

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