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Aus: Ausgabe vom 04.07.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

»Zack-Zack. Fertig«

Wer sich auf den Straßen herumtreibt, wird auf ihnen sterben: Eine Sonderausgabe des Drecksack über Charles Bukowski
Von Pierre Deason-Tomory
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Gegen ihn stinkst du nicht an: Charles Bukowski

Zum Hundertsten von Charles Bukowski am 16. August hat der Drecksack eine Sondernummer herausgebracht. Auf 24 Seiten der »lesbaren Zeitschrift für Literatur« treten deutsche Autoren von Gerd Adloff bis Jürgen Roth zur Gratulation an, dichten, schildern ihren ersten Bukowski-Moment oder berichten vom Wunder seiner Erscheinung. Nur einer der Beiträger ist sich seiner Verehrung nicht sicher und darf am Heftende die Party stören.

Vorne erzählt der Maro-Verleger Benno Käsmayr Unerwartetes im Interview mit Herausgeber Florian Günther: Bukowski läuft schon seit einiger Zeit nicht mehr so gut, selbst Kiwi würde jetzt nichts mehr veröffentlichen. Allen Ginsberg und Neal Cassady habe er den Namen nach gekannt, »aber ich glaube, gelesen hat er die nicht«. Auch Susann Klossek, diskutiert, ob Bukowski ein Beatnik war, und wenn ja, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen habe. Allein Ginsberg habe er geschätzt, aber »Frauenrechte, Schwule, Hippies, – das alles war ihm schnurz«.

Gegen den Vorwurf der Misogynie verteidigt ihn Roni von der Charles-Bukowski-Gesellschaft: »Seine harschen Worte verstand er nicht als dezidiert frauenfeindlich, sondern wenn schon, dann gegen die Spezies Mensch als Totalität gerichtet.« Roni singt dem »Alten« eine kleine Registerarie über Jane Cooney Baker, deren Tod wir in »Der Mann mit der Ledertasche« erleiden mussten, und Linda Lee, die ihn mit Weißwein und Vitaminpillen für einen ruhmlos kommoden Lebensabend präpariert haben soll.

Schriftsteller und Regisseur Clint Lukas schreibt über seine Gespräche mit der Dichtertochter Marina Louise Bukowski, geführt am Rande eines Symposiums der Charles-Bukowski-Gesellschaft 2016 in Berlin, auf dem ein schwäbischer Arzt einen Vortrag über Akneprobleme gehalten hat. »In nicht wenigen Augen schimmerten die Tränen«, erzählt Lukas, nicht wegen Bukowskis Pickel, sondern wegen Hanks Tochter, die, aus den Büchern herabgestiegen, ihnen in Kreuzberg erschienen war.

Michael Dressel hat schöne Fotos beigesteuert, Underdogs auf den heutigen Straßen von Los Angeles. In der Heftmitte liegt ein Poster für die Küche, Bukowski mit Whiskeyglas auf der Couch. »Don’t try« steht darüber, und auf der Rückseite erklärt Todd ­Moore, warum man nicht versuchen sollte, gegen den toten Dichter anzustinken: »Du musst etwas Eigenes erschaffen, dich auf deine eigene Geschichte konzentrieren, und mit der musst du deinen Einsatz riskieren gegen das Nichts. Du musst dich auf diesen Fight einlassen, auch wenn du weißt, dass du hier nur verlieren kannst.«

Marvin Chlada käme es nicht in den Sinn, dem Hundertjährigen nachzueifern. Er malt dem Bukowski-Denkmal auf seinem deutschhohen Sockel einen Schnurrbart und behauptet, er habe bekanntlich wie beim Schnellficken seine Gedichte rausgehauen: »Zack-Zack. Fertig.« Zwischendurch nimmt sich Chlada noch Carl Weissner zur Brust, wegen dessen haarsträubender Stories und Übersetzungen: »Unlängst war ich auf der Suche nach dem Original eines Bukowski-Gedichts mit dem Titel ›Der Titten-Tempel‹. Finde mal ein Gedicht, das ›Der Titten-Tempel‹ heißt, im Original aber weder Titten noch Tempel drin vorkommen.«

Direkt auf ihn folgt am Heftende der soeben verrissene (und schon verstorbene) Weissner, der noch einmal die Geschichte von Bukowskis legendärer Hamburg-Lesung im Mai 1978 erzählt. Er klärt die Nachwelt auf, wann sich wie viele Flaschen Müller-Thurgau im Kühlschrank auf der Bühne aufgehalten haben. Er beschreibt dabei ein alt gewordenes, gezähmtes Raubtier, das in einen Käfig gesperrt wird, damit es sich nicht selbst verletzt.

In der Stadt der toten Dichter gab es vor zehn Jahren einen, den nannten sie auch Bukowski. Er war irgendwann aufgetaucht, hungrig und verlaust, und mit einem Matschauge im Gesicht. Er besuchte jeden Tag die Frauen, die in der Marktstraße einen Laden hatten, und alle steckten ihm etwas zu. Einmal ist er auf einen Baum gestiegen, und die Leute waren sehr besorgt und riefen die Feuerwehr. Als die kam mit der Leiter, ist er einfach wieder herunter geklettert und grußlos davongegangen. Das letzte, was man von ihm gehört hat, ist, dass er von einem Auto überfahren worden sein soll. Ein schwarzer Kater, der sich auf den Straßen herumtreibt, wird auf ihnen sterben. Einsperren darf man ihn nicht. Außer zwischen Buchdeckeln oder in einem Drecksack.

*

Ich habe das Gedicht abgetippt, das mir so gut gefallen hat, dass ich es niemals zugeben würde.

Nasse Schlafanzughose

Katrin Schings

In meiner frühreifen Phase,

so mit 12 ungefähr,

war er plötzlich da.

Mit ihm Männer in

ranzigen Hotelzimmern.

Sie waren allein oder

lagen auf einer Frau.

Und durch die dünne Wand

hörte man das Gebumse

von nebenan.

Irgendwie hat mich das

ziemlich geprägt.

Drecksack. Lesbare Zeitschrift für Literatur. Juli 2020, Heft 3, 24 Seiten, 4,50 Euro

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