Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 03.07.2020, Seite 16 / Sport
Cantianstadion

Eine fixe Idee

Berliner Senat will unbeirrt Cantianstadion abreißen. Architekten und Anwohner kritisieren das
Von Oliver Rast
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Unter dunklen Wolken: Para-EM der Leichtathleten im Cantianstadion, August 2008

Sportarenen mit Vergangenheit gibt es viele. Das Cantianstadion im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark aber ist in Sachen Architektur- und DDR-Geschichte noch mal von besonderer Bedeutung. Markant ist die viergeschossige Haupttribüne. 1986/87 erbaut als die modernste Tribüne der DDR und ein zentrales Bauwerk für die 750-Jahrfeier Berlins. Eine Sportstätte, die nicht mal eben so abgerissen wird, sollte man meinen. Denkste.

Der Jahn-Sportpark samt Stadion soll zu einem Inklusionssportpark, also zu einer behindertengerechten Wettkampfstätte, umgebaut werden. Die Special Olympics 2023, die Olympischen Spiele für Menschen mit Handicaps, für die Berlin im November 2018 den Zuschlag bekommen hat, sollen dort stattfinden. Eine fixe Idee, mehr nicht. Denn derzeit ist völlig unklar, ob diese Spiele überhaupt wie terminiert stattfinden können. Der Sportkalender wird coronabedingt fortlaufend neu geschrieben. Und nicht nur das: Ein Um- und Neubau der Anlage dürfte erst 2025 abgeschlossen sein.

Ein einmaliges Areal

Das Ränkespiel um das Areal ist nicht neu. Seit 2013 wird in Landespolitik und Bezirksverwaltung diskutiert, begutachtet, geplant. Kritiker der Abrisspläne sind keineswegs gegen einen inklusionsgerechten Sportpark an der Cantianstraße, wohl aber gegen stadtplanerische Schnellschüsse. Die »Bürgerinitiative Jahnsportpark« etwa fordert: »Kein Abriss des Stadions! Statt dessen Umbau und Sanierung!« Vor allem wendet sie sich gegen einen Abriss ohne Bebauungsplan und Konzept für das gesamte Gelände. Beides gibt es bislang nicht.

Das Politikum ist nun Chefsache. In einer Senatssitzung am 26. Mai wurde die »außergewöhnliche stadtpolitische Bedeutung« des Jahn-Sportparks festgestellt. Mit der Folge, dass »künftig die Zuständigkeit für die Aufstellung und Festsetzung von Bebauungsplänen für diesen Bereich nicht mehr beim Bezirk (Pankow, jW), sondern bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen liegen soll«. Dies sichere »eine sportfachliche, städtebauliche und verkehrliche Gesamtkonzeption«, meinte die zuständige Senatorin Katrin Lompscher (Die Linke).

Ursprünglich sollten die Abrissarbeiten im Herbst beginnen, nun im Frühjahr 2021. Die Finanzmittel für den ersten Bauabschnitt, den Abriss des Stadions, das durch einen Neubau, zweiter Bauabschnitt, mit gleicher Kapazität von 20.000 Zuschauern an gleicher Stelle ersetzt werden soll, stehen im Landeshaushalt 2020/21 mit rund 14 Millionen Euro bereit. So erklärte es Michail Nelken, Sprecher für Bauen und Wohnen der Berliner Linken im Abgeordnetenhaus, Ende Mai auf seiner Homepage.

Ob die Abrissbirne zeitnah zum Einsatz kommt, ist fraglich. Die Mittel sind noch gesperrt, »bis die Sportverwaltung dem Haushaltsausschuss des Abgeordnetenhauses ein aktualisiertes Konzept für die zukünftige Nutzung des Sportparks vorgelegt hat«, so Nelken. Bislang gebe es nur ein Nutzungskonzept aus dem Jahre 2015. »Es ist unübersehbar veraltet.«

Kritik kommt auch vom Bund Deutscher Architekten (BDA) und dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA). Gemeinsam teilten sie am 11. Juni mit: »Die Abrissplanungen im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark sind sofort zu stoppen!« Der Sport- mit angrenzendem Mauerpark sei, so die Architektenverbände, deutschland-, womöglich weltweit ein einmaliges Areal, das Spitzen- und Breitensport mit einer grünen Umgebung vereint. Dieses Ensemble müsse behutsam saniert und »nicht brachial umgestaltet werden«, betonte Eike Richter, Berliner Landesvorsitzender des BDLA. Und Julia Dahlhaus, Landesvorsitzende des BDA, fordert vom Senat, »eine ernsthafte Bürgerbeteiligung unter Einbeziehung der Stadion-Thematik durchzuführen und in einem ergebnisoffenen Wettbewerbsverfahren Konzepte für diesen Ort entwerfen zu lassen.«

Die Abrissrhetorik

Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport hält das Stadion mit seiner Haupttribüne für marode, nicht sanierungsfähig, und deshalb unbeirrt an der planlosen Demontage fest. Sprachrohr ist Staatssekretär Aleksander Dzembritzki, einer, der offenbar hymnische Erzählungen schätzt: »Der Ersatzbau (damit ist Abriss und Neubau des Cantianstadions gemeint, jW) kann sich zu einem inklusiven Leuchtturmprojekt mit bundesweiter Strahlkraft entwickeln«, antwortete er am 3. Juni auf eine Anfrage des Abgeordneten Andreas Statzkowski (CDU). Inzwischen soll sich Presseberichten zufolge das »rot-rot-grüne« Regierungsbündnis zu einer ersten Koalitionsrunde zwecks Abstimmung zur Zukunft des Jahn-Sportparks getroffen haben, weitere sollen folgen.

Die Bürgerinitiative von Anwohnern vermutet, die Abrissrhetorik des Senats resultiere aus dem Bedürfnis, nach jahrelangem Hickhack endlich »ein Zeichen« zu setzen, »dass da etwas passiert«. Ein Umstand könnte die Aktivisten beruhigen: Bauvorhaben Berlins bleiben oft im Planungsstadium stecken.

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