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Aus: Ausgabe vom 03.07.2020, Seite 11 / Feuilleton
Popmusik

Mit Utopien kennt er sich aus

Wind vom Paradies: Paul Weller entwirft auf »On Sunset« eine zukunftsweisende Vergangenheit
Von Jens Buchholz
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Genau zum richtigen Zeitpunkt: Edel-Mod-Father Paul Weller

Die Gegenwart fehlt. Sonst ist alles da auf Paul Wellers heute erscheinendem Album »On Sunset«. Kräftiger 60er-Jahre-Soul. Eine Prise Chanson. Ein Hauch Rock ’n’ Roll, wie Weller ihn in den 70ern gespielt hat. Und auch 80er-Jahre-Synthies sind präsent. Ein paar sanfte 90er-House-Beats garniert mit schwebender Nuller-Jahre-Moon-Safari-Atmosphäre.

Wellers Musik war schon immer anachronistisch. Als sein Stern 1977 am Pophimmel aufging, war Punk angesagt. Aber Wellers chic frisierte und in Anzüge gekleidete Band The Jam spielte ein Update des Mod-Sounds von The Who. The Jam wurden Anfang der 80er zu Superstars und entwickelten einen immer komplexer werdenden, souligen Sound. Das 82er Abschiedsalbum »The Gift« enthielt mit dem Motown-artigen »Town Called Malice« einen Nummer-eins-Hit. Dann löste Weller die Band auf, bildete mit Mick Talbot das Duo Style Council und entwickelte den Soul-Sound der letzten Jam-Platte weiter. Er verwandelte sich in einen Edel-Bohemian. Bis Mitte der 80er Jahre hatten Style Council großen Erfolg. 1990 wollten die beiden eine Art House-Album herausbringen. Auf der Platte klangen sie ein bisschen wie die damals sehr angesagte Lisa Stansfield. Aber die Plattenfirma glaubte, dass die Band mit dieser Musik ihre Zielgruppe nicht erreichen werde. Die Platte wurde nicht veröffentlicht. Das war das Ende für Style Council. Weller startete seine Solokarriere Anfang der 90er mit wesentlich konservativerer Musik. Er spielte Britpop, genau zum richtigen Zeitpunkt. Für damals junge und ungemein erfolgreiche britische Bands wie Oasis oder Blur war er ein Idol. Weller wurde zu dem Edel-Mod-Father, der er heute noch ist.

»On Sunset« ist sein 15. Soloalbum. Es hört sich an, als wolle Weller an die letzte Phase von The Jam und die frühen Style Council anknüpfen. Das liegt vielleicht auch daran, dass Mick Talbot bei den Soulliedern »Village« und »Walkin’« die Hammondorgel spielt. Eröffnet wird das Album von der siebenminütigen Songsuite »Mirrorball«. Ein »Abbey Road« im Taschenformat. Weller schildert darin den magischen Moment der Verwandlung, wenn Menschen einen Klub betreten. »Old Father Tyme« klingt so, wie Style Council in den 90ern hätte klingen können. Die Lyrics drehen sich um die Zeit, das Grundthema des Albums. »Viele Texte sind aus der Sicht eines Sixty-Something geschrieben, der zurückblickt, aber nicht mit Reue oder Traurigkeit, sondern mit großem Optimismus«, meint Weller über »On Sunset«.

Die Gegenwart fehlt auf dem Album. Aber die Zukunft ist da. Nicht nur, weil er auch junge Künstler wie Col3trane oder die französische Sängerin Julie Gros an Bord hat. Es ist vor allem Wellers musikalischer Optimismus, der in die Zukunft weist. Es ist das Lebensgefühl, das diese Musik transportiert. Sein Drei-Jahrzehnte-Pop-Eklektizismus entwirft eine zukunftsweisende Vergangenheit, die es nie gab. Weller ist Sozialist. Mit Utopien kennt er sich also aus. Utopien sind Entwürfe einer guten Zukunft aus der Vergangenheit. Und genau das sind Wellers altersweisen Songs. Sie weisen über die düstere Gegenwart hinaus in eine hellere Zukunft. Der Engel der Geschichte geht rückwärts, den Blick auf die Vergangenheit gerichtet, der Zukunft entgegen, schrieb einst der Philosoph Walter Benjamin. Aber der Wind unter seinen Flügeln weht vom Paradies her. Genau so ist es mit Wellers Musik. In »Old Father Tyme« singt er: »Time will become you, and you will become time« (Die Zeit wird zu dir, und du wirst zur Zeit).

Paul Weller: »On Sunset« (Universal)

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