Gegründet 1947 Dienstag, 29. September 2020, Nr. 228
Die junge Welt wird von 2356 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.07.2020, Seite 6 / Ausland
Kurdistan

Stockender Einmarsch

PKK verteidigt Kurdische Autonomieregion im Irak gegen türkische Angriffe
Von Nick Brauns
Tuerkei_startet_neue_65699504.jpg
Türkische Soldaten während eines Militärangriffs auf Irakisch-Kurdistan (17.6.2020)

Rund zwei Wochen nach Beginn des erneuten Einmarsches der türkischen Armee in den Nordirak ist es in Ankara erstaunlich ruhig um die mit großem propagandistischen Getöse gestartete »Operation Tigerkralle« geworden. Denn offensichtlich stoßen die von Hubschraubern abgesetzten Kommandoeinheiten in der Bergregion Haftanin auf unerwartet heftigen Widerstand der kurdischen Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), so dass sich der geplante Vormarsch entlang der Grenze verzögert.

Effektive Guerilla

Ziel der laufenden Offensive sei es, eine »Pufferzone« im Nordirak zu schaffen, erklärten türkische Sicherheitsexperten in regierungsnahen Sendern ganz offen. So sollen die Verbindungswege der PKK, die im dortigen Bergland ihr Rückzugsgebiet hat, in die Türkei, nach Syrien und in den Iran abgeschnitten werden. Die türkische Armee habe seit Beginn der Operation auf Bergen in Grenznähe bereits fünf neue Vorposten nahe der Dörfer Sharanish und Banka errichtet, berichtete der zum Barsani-Clan gehörende Sender Rudaw unter Berufung auf einen örtlichen Bürgermeister. Dadurch seien 21 mehrheitlich von ihren Bewohnern bereits geräumte Dörfer hinter die türkischen Linien gefallen.

Während die irakische Zentralregierung in Bagdad die türkischen Angriffe zumindest verbal schnell verurteilt hat, brauchte die Kurdische Regionalregierung rund zwei Wochen, um Ankara zur Achtung der Souveränität des Landes aufzurufen. Zugleich forderte die Barsani-Partei Demokratische Partei Kurdistans (KDP), welche die Regierung in Erbil dominiert, die PKK zum Verlassen des Landes auf. Verwunderlich ist diese Haltung nicht, schließlich ist die konservative KDP wirtschaftlich und politisch eng mit der Türkei verbunden.

Während die Peschmergas der kurdischen Regionalregierung gar nicht erst versuchen, dem Vormarsch der türkischen Armee etwas entgegenzusetzen, leistete die PKK von Anfang an Widerstand. »Wir werden als Guerilla dieses Land nicht dem Feind überlassen«, erklärte die Guerillakämpferin Rojda Cizir am Dienstag gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur ANF. »Das türkische Militär kann nur mit Hilfe massiver Technik aus der Luft agieren. Sie haben Angst davor, gegen uns am Boden zu kämpfen«, erklärte sie weiter. Die Angriffe richteten sich nicht nur gegen die Guerilla, sondern auch die Zivilbevölkerung, warnte ein weiterer Guerillakämpfer, Rustem Dilges, gegenüber ANF. Die PKK habe von dem geplanten Einmarsch gewusst und mit kleinen Guerillaeinheiten in unterirdischen oder getarnten Stellungen gewartet, berichtete der Journalist Kamal Rauf zu Wochenbeginn aus der Autonomieregion auf seiner Facebook-Seite. Die türkischen Kommandoeinheiten seien dann überraschend von hinten attackiert und zerstreut worden.

Ankara weitet Kampf aus

Die Guerilla habe durch den Einsatz von »Milan«-Panzerabwehrraketen einen strategischen Vorteil erlangt, so Rauf. Offiziell gehören solche tragbaren, kabelgesteuerten Raketensysteme, die sich außer gegen Panzer auch gegen landende Helikopter oder befestigte Stellungen einsetzen lassen, nicht zum Arsenal der Guerilla. Doch die Peschmerga wurden im Zuge des Kampfes gegen den sogenannten Islamischen Staat ab 2014 von der Bundeswehr auch mit »Milans« bewaffnet. Dass angesichts der weitverbreiteten Korruption in der Autonomieregion einige dieser Systeme unter der Hand an die Guerilla weitergegeben wurden, erscheint daher nicht unwahrscheinlich.

»Wir fordern von beiden Seiten, von der türkischen Regierung und den PKK-Militanten, dass sie ihren Kampf von uns fernhalten und uns in Ruhe lassen«, zitiert indessen der Sender Rudaw einen Bauern in der von türkischen Truppen bombardierten Region. Der Dorfbewohner scheint mit seiner Ansicht allerdings nicht repräsentativ zu sein. So entsandte die KDP in den letzten Tagen angesichts der wütenden Reaktionen der Bevölkerung auf den Tod von mindestens fünf Zivilisten bei Luftangriffen der letzten Wochen Peschmerga zum Schutz einiger schon länger bestehender türkischer Militärstützpunkte auf grenznahem irakisch-kurdischen Territorium.

Luftangriffe erfolgten indessen auch weit außerhalb des grenznahen Operationsgebietes in der unter Kontrolle der KDP-Rivalin Patriotische Union Kurdistans (PUK) stehenden Region des Autonomiegebietes. So schlugen vergangene Woche zwei von einer Drohne abgeschossene Raketen im beliebten Picknick- und Badeareal Kuna Masi bei der Großstadt Sulaimanija rund 300 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt ein. Ein Guerillakämpfer in Zivil wurde getötet und mindestens sechs Zivilisten verletzt, als die Raketen ein Fahrzeug wenige Meter neben einer Gruppe badender Menschen trafen. Zuvor hatte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu eine wachsende PKK-Präsenz in Sulaimanija beklagt. »Sie sind dort auf der Straße und kontrollieren Hunderte von Plätzen. Sie üben Druck auf politische Parteien aus und stellen so eine Bedrohung für uns dar.« Bewaffnete Guerillakämpfer wurden in der Stadt zwar anders, als der Außenminister suggeriert, bislang nicht gesichtet. Doch die Beziehungen zwischen der PUK und der PKK sind weitgehend freundschaftlich. Damit erscheinen die Raketen auf Kuna Masi als Warnung Ankaras an die Adresse der PUK.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Straße in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Diyarbakir...
    04.01.2020

    Ankaras Krieg gegen die PKK

    Kurdische Volksverteidigungskräfte (HPG) legen Jahresbilanz vor. Türkei verschweigt hohe Verluste
  • Der neue Präsident der Region Kurdistan-Irak, Nechirvan Barzani,...
    04.07.2019

    Ankara plant Besatzung

    Zivilisten bei türkischer Offensive im Nordirak getötet. Neue Selbstverteidigungskräfte gegen Besatzungsversuche der »Neoosmanen«gebildet
  • Türkische Panzer Anfang 2018 nahe der Grenze zu Syrien
    13.06.2019

    Krallengriff nach Kurdistan

    Türkische Armee ist Ende Mai wieder im Nordirak einmarschiert. Bagdad und Erbil schweigen

Mehr aus: Ausland