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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Über allem schwebend

Präzision satt Wucht: Hans-Christoph Rademann spart bei Bachs Johannes-Passion mit Effekten
Von Stefan Siegert
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Nachdrückliche Untertreibung: Dirigent Hans-Christoph Rademann

Der Südwesten hat’s gut. Gleich zwei außergewöhnliche Orchester- und Chorleiter versorgen seine Klassikfreundinnen mit Höhepunkten. 2018 wählte das SWR-Sinfonieorchester den flamboyant genialischen Griechen Teodor Currentzis zum Chef. Und seit 2016 inspiriert in Stuttgart der erzgebirgische Kantorsohn Hans-Christoph Rademann die Bachakademie; er aktualisiert ihre Standards und fügte ihr mit der Gaechinger Cantorey ein Barockensemble hinzu.

Rademann, Jahrgang 1965, verdankt seine Karriere noch der blühenden Musiklandschaft der DDR, dort spielte die evangelische Kirchenmusik eine bedeutende Rolle. In seinen Aufnahmen der Vokalwerke Mendelssohns, Bruckners, Regers und Kreneks bis hin zu Zeitgenössischem (Wolfgang Rihm) zeigt er sich als vielseitig offen. Dem Publikum ist er gleichwohl bislang eher als Spezialist der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts bekannt.

Es scheint Rademanns Persönlichkeit zu entsprechen, von den beiden vollständig erhaltenen Passionen Johann Sebastian Bachs zuerst die zu ihrem Gegenstand kunstvoll distanzierte, hinsichtlich der Jesusfigur eher indifferente Johannes-Passion gewählt zu haben, nicht die dem Jünger Matthäus gewidmete persönlichere. Rademanns Selbstbewusstsein muss sich anscheinend nicht spektakulär äußern, es wirkt im Resultat seiner Ideen.

Der erste Eindruck beim Hören des hochdramatischen, atmosphärisch dichten Katastrophenalptraums der im ganzen Werk Bachs singulären Einleitung der Johannes-Passion: Unaufgeregtheit. Leidenschaft oder Furor, so scheint es, finden sich bei diesem Musiker vor allem in der Gründlichkeit, mit der er das musikalische Geschehen durchdenkt. Effekthascherei Fehlanzeige. Rademann reizt eher ausgetüftelt nachdrückliche Untertreibung. Von der dramatischen Weltuntergangsstimmung am Anfang der Johannes-Passion geht dabei nichts verloren. Nur drängt sie sich bei Rademann nicht auf.

Dramatische Wucht und Lebendigkeit wie in der Einleitung findet sich in diesem Werk nur noch in den lutherisch-antisemitischen Turba-Chören wieder, spannungsgeladen, federnd musiziert, mit ihnen kommt für kurze Passagen Handlung ins Spiel. Im Dialog mit den geifernden »Jüden«, den falschen Hohepriestern, wird der Evangelist vom Erzähler zum Betroffenen und Akteur. Sein Stimmungsbarometer: eine bei Rademann impulsgeladene, üppig besetzte Continuo-Gruppe als dynamisch tragendes Element der dramatischen Rezitative.

Die kraftvoll barocke Farbigkeit und Unglätte der alten Instrumente passt zur, wie in historisch-kritischer Aufführungspraxis üblich, kleineren Chorbesetzung der Gaechinger Cantorey und dem unaufgedonnerten Gesang der Solisten und des Chors. In langen, gefühligen Kommentaren und Schilderungen des Passionsgeschehens entstehen unmerklich Gestimmtheiten. Rademann kann mit Klangfarben umgehen. In »Betrachte, meine Seele« verstärkt ein voluminös grottentiefes Kontrafagott den Bass, in der Höhe kontrastiert eine Blockflöte, dazwischen die geschmeidig präsente Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki, eine Barockgeigerin der Extraklasse.

Eine Stimme für sich, sie erinnern an den antiken Chor, sind die über allem schwebenden Choräle. Rademann stattet ihre Homophonie, mit ungewöhnlich durchhörbarer Räumlichkeit aus, er begann seine Karriere als Chordirigent in Dresden. Die Solisten dagegen versteht man nicht nur bestens: Tenor Patrick Grahl als Evangelist und Ariensänger verbindet Mitgefühl und Überblick mit forcierter Klangschönheit; begleitet vom schnarrenden Fagott und singenden Oboen stattet die englische Sopranistin Elizabeth Watts ihren hellen Sopran in »Erfließe, mein Herze« mit einem für historisches Musizieren ungewöhnlichen, indes nicht stilfremd klingenden Vibrato aus.

Als Watts Stimme in der von der fabelhaft fahlen Gambe Sarah Perls vorbereiteten und begleiteten Alt-Arie »Es ist vollbracht« erklingt, ist in der eigenartigen Dramaturgie der Johannes-Passion eigentlich Feierabend. Aber der Bibeltext geht anders. Erst zwei sehr schöne, den tragischen Kehraus der Golgatha-Geschichte mitteilende Arien, fünf Rezitative und einen Chor später ertönt »Ruhet wohl«, der in seiner Chromatik und schrägen Harmonik berührende tatsächliche Schlusschor. Danach allerdings ein weiterer Choral. Man merkt, Bach hat das Stück in 25 Jahren Gottesdienst-Musikbegleitung immer wieder verändert. Rademann wählte die vierte und letzte vorhandene Fassung aus dem Jahr vor Bachs Tod.

Currentzis würde, wenn er Bach im nunmehr bestens versorgten Südwesten denn überhaupt aufs Programm setzte, das alles gewiss total anders machen. Aber der Grieche und Rademann sind keine Konkurrenten. Sie ergänzen einander als zwei komplementäre Pole derselben Welt. Der Südwesten hat’s gut.

J. S. Bach: Johannes-Passion BWV 245 – Gaechinger Cantorey/Hans-Christoph Rademann (Carus/Note 1)

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