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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 7 / Ausland
Belgien Kongo

Wenig Einsicht in Brüssel

60 Jahre Unabhängigkeit des Kongo. Belgiens König entschuldigt sich nicht für Kolonialzeit
Von Gerrit Hoekman
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Auch die Büste des ehemaligen belgischen Königs Baudouin in Brüssel blieb bei den aktuellen Antirassismusdemonstrationen nicht verschont (12.6.2020)

Anlässlich des 60. Jahrestags der Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo am 30. Juni hat der belgische König Philippe am Dienstag sein »tiefstes Bedauern« für die »Greuel« der Kolonialzeit im afrikanischen Land ausgedrückt. Zu einer Entschuldigung konnte sich der Monarch allerdings nicht durchringen. »Während der Zeit des Freistaats Kongo wurden Gewalt- und Gräueltaten verübt, die auf unserem kollektiven Gedächtnis lasten«, heißt es in dem Brief an den kongolesischen Präsidenten Félix Tshisekedi, den der Sender VRT Nieuws am Dienstag im Wortlaut veröffentlichte.

Zwischen 1885 und 1908 hatte der damalige König Leopold II. den sogenannten Freistaat Kongo als sein Privatvermögen gnadenlos ausgebeutet. Acht bis zehn Millionen Menschen sollen in dieser Zeit ums Leben gekommen sein – knapp die Hälfte der damaligen Bevölkerung. 1908 wurde das Gebiet dann Teil des Staates Belgien: »Während der darauffolgenden kolonialen Periode wurde ebenfalls Leid verursacht und wurden Demütigungen zugefügt. Ich bezeuge mein tiefstes Bedauern für die Wunden der Vergangenheit«, fuhr der König fort. Heute geht die Ausbeutung der Bodenschätze – vor allem von Kupfer – und der menschlichen Ressourcen unterdessen unvermindert weiter.

Ein Bedauern ist indes keine Entschuldigung. »Mit einem Bedauern sagt man, dass das, was passiert ist, schlimm sei. Das ist etwas völlig anderes als eine Entschuldigung. Mit einer Entschuldigung gibt man zu, dass man mitverantwortlich ist«, erklärte der Historiker Mark Van den Wijngaert gestern gegenüber VRT Nieuws den Unterschied. Aus einer Entschuldigung könnten sich zum Beispiel auch Schadensersatzforderungen an den belgischen Staat ergeben.

Am 30. Juni 1960 erhielt Belgisch-Kongo seine staatliche Unabhängigkeit. Bereits während des Festakts kam es zu einem Eklat: Belgiens damaliger König Baudouin pries in seiner Rede die »Errungenschaften« und »zivilisatorischen Verdienste« der Kolonialzeit. Der Antikolonialist und erste Premierminister des Kongo, Patrice Lumumba, hielt dem belgischen König anschließend seine Sicht der gemeinsamen Geschichte entgegen: »Wir haben zermürbende Arbeit kennengelernt und mussten sie für einen Lohn erbringen, der es uns nicht gestattete, den Hunger zu vertreiben, uns zu kleiden oder in anständigen Verhältnissen zu wohnen oder unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen. Wir kennen Spott, Beleidigungen, Schläge, die morgens, mittags und nachts unablässig ausgeteilt wurden, weil wir Neger waren.«

Im September 1960 wurde der Antikolonialist Lumumba mit Hilfe der USA aus seinem Amt gedrängt und 1961 umgebracht. Seine Leiche wurde zerstückelt und in Batteriesäure aufgelöst. Bei dem Mord spielten die belgischen Truppen und die belgische Minengesellschaft im Kongo eine zweifelhafte Rolle. Eine in Brüssel eingesetzte parlamentarische Kommission konnte 2002 zwar keine Beweise dafür finden, dass der Mord auf belgischen Befehl geschah, sie gab dem Land aber zumindest eine »moralische Verantwortung« für die Umstände.

Zuletzt hatte der Tod des US-Amerikaners George Floyd auch in Belgien das Thema Rassismus erneut auf die Tagesordnung gesetzt und zu großen Demonstrationen geführt. Die Protestierenden fordern seit längerem den Sturz der Denkmäler, die König Leopold II. gewidmet sind. Am 17. Juni votierte das Parlament nun mit Ausnahme der extrem rechten Partei Vlaams Belang für die Einsetzung einer parlamentarischen Kommission zur Untersuchung von Belgiens kolonialer Vergangenheit – vor allem im Kongo.

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