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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 5 / Inland
Konzernpolitik in der BRD

Patriarch nimmersatt

Hauptaktionär Thiele nach vier Jahren zurück in Knorr-Bremse-Aufsichtsrat
Von Oliver Rast
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Rutschiges Parkett: Hauptaktionär Heinz Hermann Thiele beim Frankfurter Börsengang von Knorr-Bremse (12.9.2018)

Vier Jahre Pause. Länger hielt Hauptaktionär Heinz Hermann Thiele beim Bremsenspezialisten Knorr-Bremse nicht durch. Nun sitzt er wieder im Aufsichtsrat. Am Dienstag stellte sich der 79jährige auf der Hauptversammlung des Konzerns zur Wahl. Vor dem Prozedere sagte Vorstandschef Bernd Eulitz dpa zufolge ganz hymnisch: »Seine strategische Weitsicht hat das Unternehmen nicht nur zu einem Weltmarktführer gemacht, sondern auch für den Kapitalmarkt bestens aufgestellt.«

Eine illustre Runde gesellt sich zu Thiele. Die Versammlung wählte zudem den ehemaligen Airbus-Chef und heutigen Lufthansa-Aufsichtsrat Tom Enders sowie den Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer in den Aufsichtsrat. Thieles Wermutstropfen: Enders erhielt nach jW-Informationen mit 90,8 Prozent einen halben Prozentpunkt mehr an Zustimmung als der Patriarch.

Und der dominiert seit Wochen die Wirtschaftsschlagzeilen. Kurz vor der Lufthansa-Hauptversammlung am vergangenen Donnerstag hatte er noch Knorr-Bremse-Anteile für 700 Millionen Euro verkauft, um als Großaktionär seine Anteile bei der Fluggesellschaft von zehn auf über 15 Prozent zu steigern. Der Multimilliardär hatte den Einstieg des Staates bei der Lufthansa kritisiert, letztlich aber doch zugestimmt.

Hakan Civelek, 1. Bevollmächtigter und Geschäftsführer der IG Metall Velbert, glaubt nicht, dass sich durch den Wiedereintritt Thieles in den Aufsichtsrat etwas an der »Unternehmensphilosophie« ändern wird. Er sagte am Dienstag im jW-Gespräch: »Herr Thiele war immer im Geschäft, sein Einfluss immer entscheidend.« Vor allem sei aber jede Lobhudelei Thieles unangemessen – Civelek: »Knorr-Bremse steht für Tarifflucht, eine 42-Stundenwoche, die Werksdemontage im Inland und Produktionsauslagerung ins Ausland.« Eine Konzernpolitik, die Eulitz auf Nachfrage auf der Hauptversammlung kaltschnäuzig bestätigt haben soll.

Einen Bonbon auf der Hauptversammlung gab es noch: Der 2019 durch die Lohnabhängigen bei Knorr-Bremse erwirtschaftete Bilanzgewinn von 461 Millionen Euro wird zum Gutteil an die Aktionäre ausgeschüttet: 1,80 Euro je Anteil. Die Thiele-Familie hält rund 65 Prozent der Aktien.