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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 5 / Inland
Der schöne Schein

Maß der Arbeitszeit

Eine kurze Geschichte des Geldes. Teil 10 und Schluss: Geld im Sozialismus. Es bleibt die Funktion als bescheidene Verrechnungseinheit
Von Lucas Zeise
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Maschinen bleiben Volkseigentum: Im Sozialismus kann man sein Geld nicht in Kapital verwandeln (Leipzig, 1961)

Ob Rettungspakete der Bundesregierung oder Staatsanleihenkäufe der EZB: Geld ist in der Coronakrise das bestimmende Thema. In dieser zehnteiligen jW-Serie werden mit Hilfe marxistischer Erkenntnisse bürgerliche Mythen entlarvt – vom Tauschwert einer Kaurimuschel bis hin zum Handel mit Kryptowährungen. (jW)

Im realen Sozialismus der DDR gab es Geld. Es gab Scheine und Münzen (aus Aluminium), die man brauchte, um Güter des täglichen und nicht so alltäglichen Gebrauchs einzukaufen. Aber es hatte nicht diese überragende Bedeutung, die es unter unseren heutigen kapitalistischen Bedingungen hat. Der Grund dafür ist offensichtlich und grundsätzlich: Geld konnte nicht zu Kapital werden. Oder nur im Ausnahmefall. Das ist zugleich der Hauptunterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Im Sozialismus gibt es noch Privateigentum. Deshalb gibt es es auch Personen, die über mehr Eigentum als andere verfügen. Der Reiche mag einen großen Teil seines Reichtums wie Marx’ Schatzbildner in Geldform (bei der Sparkasse oder als Scheine in der Truhe) ansammeln, aber er kann diesen Geldreichtum nicht in Kapital verwandeln, um damit jene Selbstvermehrung des Reichtums zu veranstalten, die im Kapitalismus nicht nur möglich, sondern allumfassend ist. Er kann auf dem Arbeitsmarkt keine Arbeitskräfte kaufen, auf dem Waren- und Grundstücksmarkt nicht die Produktionsfabrik, die Maschinen und Rohstoffe einkaufen, die er braucht, und noch weniger auf dem Kapitalmarkt Kredit erhalten, um das Ganze zu finanzieren, oder gar an der Börse schon bestehende Kapitalunternehmen erwerben. Schwierigkeiten überall. Alles streng geregelt, statt über Märkte organisiert.

Arbeitskräfte werden zwar auch im Sozialismus eingestellt, um zu arbeiten, aber der Lohn ist politisch festgelegt. Vom Wert einer Arbeitskraft kann keine Rede sein, weil sie keine Ware ist. Produktionsgüter werden zugeteilt statt frei eingekauft. Den für den Kapitalismus zentralen Kapitalmarkt (im höher entwickelten Kapitalismus auch Finanzmarkt genannt) gibt es schon gar nicht. Im Kapitalismus findet dort der Kapitalverkehr in Geldform statt, Kapital strömt von den weniger profitablen Branchen in die profitableren, stützt die Investitionstätigkeit und bestimmt damit, in welche Richtung sich die Gesellschaft ökonomisch entwickelt. All diese wunderbaren Dinge kann Geld im Sozialismus nicht. Umgekehrt gilt: Wenn es in einem Land einen entwickelten Kapitalmarkt gibt, wie etwa im heutigen China, kann man daraus schließen, dass es sich um ein kapitalistisches und kein sozialistisches Land handelt.

Die fehlende Fähigkeit des Geldes, als Kapital zu fungieren, ist für das internationale Ansehen der Währung sozialistischer Länder von Nachteil. Nur wer produzierte Waren oder Rohstoffe in diesen Ländern erwerben will, kauft am Devisenmarkt Geld dieser Länder ein. Die Nachfrage dafür ist entsprechend gering. Wer früher an Rubel oder DDR-Mark kam, weil er vielleicht dorthin Maschinen oder Fischmehl verkauft hatte, versuchte dieses Geld schnell wieder in Dollar oder D-Mark zu wechseln. Meist kam das Geschäft ohnehin nur zustande, wenn es in westlicher Währung abgewickelt werden konnte. Sozialistische Währungen waren daher, ähnlich wie die von sogenannten ­Entwicklungsländern strukturell unterbewertet. Sich in westlichen Währungen zu verschulden, wie es Rumänien und Polen besonders exzessiv betrieben, war schon deshalb ökonomisch ungünstig und trug zusätzlich zum Niedergang der europäischen sozialistischen Länder bei.

Dass Geld im Sozialismus nicht Kapital werden kann, wissen wir jetzt. Was aber ist es, positiv formuliert? Es wird für Trivialeres verwendet. Es dient im Sozialismus der Kostenrechnung, der Steuerung des Einsatzes knapper Mittel und der Buchführung über die Verteilung. In diesen Funktionen kommt es auch im Kapitalismus zum Einsatz. Allerdings mit einem wichtigen Unterschied. Im Kapitalismus ist Geld allgemeines Äquivalent, das sich in der Warenproduktion als Träger von Wert und Wertmaß mit Notwendigkeit ergibt und bewährt. Im Sozialismus werden dagegen keine Waren von unabhängigen Produzenten produziert, sondern es werden Güter im Rahmen eines Planes von voneinander abhängigen Produzenten hergestellt. Dabei ist die zur Produktion eingesetzte und einzusetzende Arbeitszeit als »Ökonomie der Zeit« die entscheidende Größe, die Produktion, Tausch und Zuteilung von Gütern regelt. Geld ist im Sozialismus Zahlungsmittel und Verrechnungseinheit – eine vergleichsweise bescheidene Rolle, aber notwendig.

Lucas Zeise ist Buchautor, Finanzjournalist und jW-Kolumnist. Er arbeitete u. a. für die Börsen-Zeitung und war Mitbegründer der Financial Times Deutschland.

Die Serie online: jungewelt.de/der-schoene-schein

Debatte

  • Beitrag von Hagen Radtke aus Rostock ( 1. Juli 2020 um 09:59 Uhr)
    Ein Problem der sozialistischen Staaten war ja aber, dass das Geld seine Funktion als Zahlungsmittel eben nicht mehr erfüllt hat. Darum haben sich Privatpersonen (und vielleicht auch Betriebe, das weiß ich nicht) mit Investitionsgütern wie Baumaterial bevorratet, um sie als alternative Zahlungsmittel auf dem Schwarzmarkt einsetzen zu können. Das hat die Güterknappheit verschärft und das Geld weiter entwertet.

    Spätestens auf dem Schwarzmarkt richtet sich der Preis eines Gutes ja eben nicht mehr nach der eingesetzten Arbeitszeit, sondern nach Angebot und Nachfrage. Darum war ein gebrauchter Trabant auch teurer als ein neuer – ein Ausdruck schlicht dafür, dass der Wirtschaftsplan an der realen Nachfrage vorbei produziert hat, was im Kapitalismus aufgrund der Renditechancen nur kurzfristig vorkommen kann.

    Ein neuer Sozialismus müsste eine Strategie haben, dieses Problem besser zu lösen.
  • Beitrag von josef witte aus Hefei, VR China ( 1. Juli 2020 um 10:23 Uhr)
    So weit, so gut. Leider können wir den entwickelten Sozialismus, wie ihn Lucas Zeise beschreibt, in der Realität nicht weiter beobachten, und über die Gründe seines langwierigen Todes ist viel gesprochen und geschrieben worden. Vielleicht liegen sie u. a. im dogmatischen und deduktiven Denken seiner Handlungsträger. Zeise schreibt: »Wenn es in einem Land einen entwickelten Kapitalmarkt gibt, wie etwa im heutigen China, kann man daraus schließen, dass es sich um ein kapitalistisches und kein sozialistisches Land handelt.« Eine solche gedankliche Methode liegt vielleicht in der scholastischen Tradition der westlichen Philosophie begründet, versagt aber leider regelmäßig bei der konkreten Analyse der realen Situation. Was ist das dann, was die chinesische kommunistische Partei dort in ihrem Lande treibt, wenn nicht Sozialismus? Das Dogma, auch wenn es sich marxistisch nennt, wirkt wie das berühmte Brett vor dem Kopf und versperrt die Aussicht auf die Wirklichkeit, die sich im Kopf des Dogmatikers als Chimäre darstellt, seine eigenen Hirngespinste dagegen als Realität. Die KP Chinas gesteht die kapitalistischen Verhältnisse im Land durchaus ein, sieht in der Steuerung durch die Macht der Arbeiterklasse aber den entscheidenden Unterschied; die chinesische Marktwirtschaft, auch die kapitalistische, dient der Entwicklung der Produktivkräfte, die wiederum der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Basis dienen. Deshalb sagt die KPCh, dass sich China auf der ersten Etappe eines langen, langen Weges zum entwickelten Sozialismus befindet. Ob sie damit richtig liegt, werden zukünftige Generationen beurteilen können. Nur eins ist bislang sicher: China ist nicht am Dogma gestorben wie andere sozialistische Länder, und dass dieser Weg ein vielversprechender Weg ist, beweist die chinesische Entwicklung Tag für Tag. Deshalb schlagen auch Länder wie Kuba zunehmend diesen Weg ein, schauen zumindest interessiert hin. Andere, wie die imperialistischen Staaten, versuchen alles in ihrer Macht stehende, um diese Entwicklung zu verhindern. Was aber machen Dogmatiker anderes als es sich in ihren theoretischen Startlöchern bequem?

In der Serie Der schöne Schein:

Ab dem 20. Juni erscheint in der jungen Welt eine zehnteilige Serie zum Thema »#Geld - Der schöne Schein« des renommierten Finanzjournalisten Lucas Zeise. Zeise arbeitete für die Börsen Zeitung, gehörte zur Gründungsredaktion der Financial Times Deutschland und publiziert heute regelmäßig in der Tageszeitung junge Welt.

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