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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 8 / Ansichten

Die Pose des Betrügers

Kommunalwahlen in Frankreich
Von Hansgeorg Hermann
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Was ist nach dreieinhalb Monaten Covidkrise und dem Wahlabend am Sonntag von Emmanuel Macrons neoliberaler Regierungsideologie übrig? Nicht viel. Vielleicht das mit 53 Prozent vor allem für ihn selbst erfreuliche Wahlergebnis des Ministerpräsidenten Édouard Philippe in Le Havre. Macrons Regierungschef ist einer der wenigen Bürgermeisterkandidaten, die dem eitlen Präsidenten von Beginn an dienten – um sich letztlich trotzdem den Weg zurück in die Lokalpolitik offenzuhalten. Philippe ist ein ganz normaler Rechter geblieben, obwohl er sich im Mai 2017 einem Chef unterwarf, der sich als angeblich »völlig neuer Typ« zum Präsidenten der Republik wählen ließ. Der das Land »weder links noch rechts«, weder sozialistisch noch sozialdemokratisch oder rechtskonservativ, sondern von Beginn an ausschließlich als »reformerischer« Geldpolitiker beherrschen wollte.

Am vorläufigen Ende eines andauernden Kampfes gegen eine satte Mehrheit der Franzosen, die sich gegen seine absurde, menschenfeindliche Finanz- und Sozialpolitik auflehnten, ist das Land im Rahmen bemerkenswerter Kommunalwahlen zum alten Schema zurückgekehrt. Die politische Landkarte der Hauptstadt Paris beispielsweise zeigte am Sonntag abend nahezu deckungsgleich das rot-schwarze Raster, das sie sechs Jahre zuvor schon abgebildet hatte. Links der Seine, wo die feinen Bürgerlichen zu Hause sind, wurde durchgehend rechts gewählt. Ihre zweite Amtszeit verdankt die alte und neue Bürgermeisterin, Anne Hidalgo von der Sozialistischen Partei, den Leuten auf dem rechten Ufer, wo bis heute rot, rosarot und grün gewählt wird. Und Macrons Partei »La République en Marche«? Nirgendwo zu finden. Seine Pariser Kandidatin Agnès Buzyn schaffte es nicht mal in den Stadtrat und vergrub nach der bösen Niederlage das Gesicht weinend in der Armbeuge.

Links-rechts lebt, und wie. Die politische Spaltung, die Macron zum besseren Nutzen des Finanzkapitals aufheben wollte, ist so tief, wie sie in sogenannten Demokratien zu sein hat, damit die in den Stein der Rathäuser gemeißelte »Liberté«, die Meinungsfreiheit, nicht vollends zur Farce verkommt. In der Stadt Perpignan spülte sie den Faschisten Louis Aliot mit 52 Prozent in die Bürgermeisterei, sein einziger Gegner war der bürgerliche Rechte Jean-Marc Pujol. Eine klare Aussage der Wähler, wenn auch eine erbärmliche, die dem Zorn gegen den Fürsten im Élyséepalast geschuldet ist.

Einer der bedeutenden französischen Intellektuellen der Gegenwart ist der Psychoanalytiker Roland Gori aus Marseille. Sein Forschungsgebiet ist die Macht der Sprache und des Begriffs, ganz speziell der des Hochstaplers. In seinen Vorträgen zum Thema und im 2008 veröffentlichten »Appell der Appelle« hat er den Präsidenten Nicolas Sarkozy, François Hollande und nun auch Emmanuel Macron nachgewiesen, dass eine Pose sie alle vereint: Eben jene des Betrügers.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Es grünt so grün Offiziellen Zahlen zufolge gaben nur 34,67 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, oder andersrum gesagt: Zwei Drittel der Franzosen blieben zu Hause! Diese Wahlbeteiligung ist die schlechteste i...

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